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Alt 28.06.2018, 11:52   #176  
Servalan
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  • John Wyndham: The Day of the Triffids (Michael Joseph 1951), deutsche Ausgaben: Die Triffids (Süddeutscher Verlag 1955, Heyne Science Fiction 1960, überarbeitete Neuausgabe im Verlag Heinrich und Hahn 2006)
  • The Day of the Triffids | Die Triffids - Pflanzen des Schreckens (BBC One 2009), Drehbuch: Patrick Harbinson, Regie: Nick Copus, 180 min in zwei Teilen
Von John Wyndham (1903 - 1969) gab es zwei Romane, die ich unbedingt lesen wollte. Ich nehme an, wenn die nicht verfilmt worden wären, hätte ich die beiden britischen Science-Fiction-Klassiker aus den 1950ern übersehen. Eines Tages fiel mir im Antiquariat ein dicker Band mit Wyndhams sämtlichen Veröfflichungen aus den 1950ern in die Hände. Den günstigen Omnibus habe ich mir geschnappt.

Der erste war Wyndhams Vorlage zu Village of the Damned | Das Dorf der Verdammten (1960): The Midwich Cuckoos | Kuckuckskinder (1957). Selbst auf dem kleinen Bildschirm hat mich die Schwarzweißversion das Fürchten gelehrt. Die hatte es echt in sich.
John Carpenters Remake von 1995 fand ich hingegen eher soso lala.

Die Mörderpflanzen wollte ich bei erster Gelegenheit sehen, weil die regelmäßig in der Sekundärliteratur erwähnt wurden. Irgendwann in den frühen Nuller Jahren habe die BBC-Fernsehserie von 1961 auf youtube sehen können und war schwer beeindruckt. Die Effekte hatten etwas von einem guten Jack-Arnold-Film, die mittlerweile überholt sind, aber vor dem Hintergrund von damals überzeugend wirkten. Das lag am fabelhaften Storytelling.

Danny Boyles und Alex Garlands postapokalytischen Thriller 28 Days Later (2002) und dessen Sequel 28 Weeks Later (2007) habe ich seinerzeit im Kino gesehen. Die beiden lassen sich großzügig von Wyndhams Triffid-Roman inspirieren, ersetzen die Mörderpflanzen aber durch Zombies.
Aufgrund der zeitlichen Nähe war ich bei der Miniserie von 2009 skeptisch. Denn im Gegenzug mußten Drehbuchautor Patrick Harbinson und Regisseur Nick Copus einiges ändern, damit der Stoff nicht wie ein unfreiwilliges Plagiat von 28 Days Later wirkt.

In dier modernisierten Fassung stammen die Triffids aus dem Dschungel von Zaire. Ein Forscherehepaar brachte die fleischfressenden Pflanzen nach Großbritannien, wo sie jetzt in Zuchtanlagen gehalten werden. Mit dem Produkten der Triffids konnte die Ölkrise ohne Klimaschock bewältigt werden.
Bill Masen ist der Sohn der Biologen und arbeitet in einer dieser Anlagen. Triffids wehren sich, indem sie zustechen, so daß ihr Opfer erblindet. Masen wird rechtzeitig gerettet und findet im Krankenhaus sein Augenlicht wieder.
Weil Tierschutzaktivisten Triffids als ausgebeutete Kreaturen befreien wollen, können die Triffids aus der Anlage ausbrechen ...

Die Spezialeffekte sind erste Sahne, und die neuen Triffids können einem schon das Gruseln beibringen. Bei der Neufassung fühlte ich mich an Peter Jackson frühe, neuseeländische Zombiefilme aus den 1980ern erinnert.
Das Remake ist unterhaltsam, ich persönlich ziehe die Version von 1961 vor.

Geändert von Servalan (26.12.2019 um 20:27 Uhr)
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Alt 29.06.2018, 13:42   #177  
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  • Frank Herbert: Dune (Chilton Books 1965) - erstes Buch der Wüstenplanet-Hexalogie
  • Dune | Der Wüstenplanet (USA 1984), Drehbuch und Regie: David Lynch, 137 min, FSK: 16
Damals ist das erste David-Lynch-Film gewesen, den ich im Kino gesehen habe. Aus dem Fernsehen kannte ich The Elephant Man | Der Elefantenmensch (1980), der mich schwer beeindruckt hat. Eraserhead (1977) habe ich während meines Studiums später in Kommunalen Kinos und Arthousekinos mehrmals gesehen.

Die Verfilmung erntete seinerzeit geharnischte Kritiken und wurde landauf, landab verrissen. Ich war damit zufrieden; was wohl auch daran lag, daß ich die Romane nicht gelesen habe. Da kamen etliche positive Faktoren zusammen.
Zum einen war da die Begeisterung des Neuinitiierten, der über handwerkliche Fehler gnädig hinwegsieht. Durch den Kinostart konnte ich ab jetzt Lynchs künstlerische Entwicklung live mitverfolgen. Obwohl die Aufführung damals bloß in einem Schachtelkino gelaufen ist, war die Leinwand doch um einiges größer als in unserem lumpigen Schwarzweißfernseher.
Sicherlich gab es auch einen gewissen Lynch-Chauvinismus, der dem Meister einen Hohe-Kunst-Bonus verlieh, also der Dünkel, etwas Besseres zu sein als der übliche SF-Space-Soap-Fan.

Auf der DVD befand sich ebenfalls die dreistündige TV-Fassung, von der Lynch sich distanziert hat.
Ich schaue mir das Ding aus nostalgischen Gründen an: Ich mag Kyle MacLachlan, Jürgen Prochnow, Sting und Patrick Stewart, weil ich ihre schauspielerischen Leistungen schätze. Je öfter ich mir das antue, umso mehr Schwächen fallen mir auf.
Ja, es gibt einige gute Szenen, aber der Film wird nie rund. Mir vergeht eher die Lust, mich auf Frank Herberts Dune-Universum einzulassen.

Geändert von Servalan (03.01.2020 um 17:50 Uhr)
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Alt 01.07.2018, 12:21   #178  
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  • J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings | Der Herr der Ringe (Houghton Mifflin 1954 - 1955, deutsche Ausgabe Klett Cotta 1969 -1970)
  • The Lord of the Rings | Der Herr der Ringe (USA 1978, Saul Zaentz für United Artists), Drehbuch: Peter S. Beagle und Chris Conkling, Regie: Ralph Bakshi, 132 min, FSK: 12
Während meiner Schulzeit habe ich mit Tolkiens Meisterwerk gefremdelt. Ich habe mir zu Weihnachten, die Trilogie gewünscht und dann auch den grünen Schuber mit den drei Taschenbüchern bekommen.
Das lag vermutlich an zwei Faktoren: Von Hobbits hatte ich vorher nie gehört. Insofern gehörte ich zu Tolkiens Zielgruppe für seinen umständlichen Prolog, in dem er ein Panorama seines Universum gibt. Ich habe sehnlichst darauf gewartet, daß die Geschichte endlich Fahrt aufnimmt - und das erste, was mir gefallen hat, war das Geburtstagsfest.
Letzten Endes bin ich bis zur Schlacht um Helms Klamm gekommen, bis Merry und Pippin sich auf ihrer Flucht vor den Orks im Wald der Ents verlaufen habern. Meine Mutter hatte die leidige Eigenschaft, mich immer wieder in meiner Lektüre zu unterbrechen. Irgendwann bin ich dabei aus dem Takt gekommen und habe den Draht zur Story verloren.
Vor einigen Jahren fiel mir einem Antiquariat eine englische, gebundene Omnibusausgabe in die Hände. Und obwohl ich tagsüber beschäftigt war, habe ich jeden Tag 200 Seiten gelesen und jedes Wort von Tolkien genossen.

Wie Lynchs Version von Herberts Wüstenplanet Dune habe ich Ralph Bakshis Verfilmung im gleichen Schachtelkino gesehen. Der war damals Teil eines besonderen Sommerprogramms, in dem Klassiker aus Fantasy und Science Fiction jeweils eine Woche lang neu aufgeführt wurden. Star Wars, Rocky Horror Picture Show, Little Shop of Horrors | Der kleine Horrorladen und Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall zum Beispiel.
Die Verfilmung bleibt vergleichsweise dicht an der Vorlage, bricht jedoch mitten in der Erzählung ab. Bakshi war durch seine Zeichentrickfilme für Erwachsene bekannt: in erster Linie Fritz the Cat nach Robert Crumb. Erotik kommt im Mittelerde weniger vor.
Damals war ich zufrieden, weil Bakshi elliptisch erzählt und eine Menge passiert. Die Tricktechnik hat mir gefallen, obwohl Gandalf und die Hobbits sich problemlos in einen Disney-Film aus derselben Zeit (Bernhard und Bianca) eingefügt hätten. Der erste Auftritt der Nazgûl hat mir Gänsehaut eingejagt: Ich habe mit Frodo, Sam, Merry und Pippin mitgefiebert, daß sie der Reiter sie im Dickicht nicht entdeckt.

Der Film hat sicherlich seine Schwächen und kann seine Entstehungszeit nicht leugnen. Aber heute gefällt er mir besser als damals. Die rotoskopierten Orks wirken immer noch modern: Stilistisch erinnern sie mich an Moebius'/Jodorowskys Bösewichte in der Incal-Saga. In Corbens DEN-Universum passen sie ebenso gut wie in Mike Mignolas Hellboy-Universum.
Das Storytelling hat jedenfalls keinen Staub angesetzt. Chapeau, Mister Bakshi!

Geändert von Servalan (26.12.2019 um 20:29 Uhr)
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Alt 28.10.2019, 15:23   #179  
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  • Margaret Mitchell: Gone with the Wind (1936) | Vom Winde verweht (1937 und 1947)
  • Gone with the Wind | Vom Winde verweht (USA 1939, David O. Selznick für Selznick International im Verleih von MGM), Drehbuch: Sidney Howard und Ben Hecht, Regie: Victor Fleming, George Cukor, Sam Wood, 238 min
Im zweiten Anlauf ist es mir endlich gelungen, den dicken Roman durchzulesen. Er verlangt eine Menge Geduld, außerdem war die Übersetzung schon deutlich veraltet (häufig das heute verfemte N-Wort für Afroamerikaner). Die Verfilmung läßt sich heute besser genießen als der Roman.

Mitchell glorifiziert Georgia und wäscht die Sklavenhalter ziemlich weiß. Als handelnde Figuren kommen überwiegend Haussklaven vor, die zur Familie gehören; die übler behandelten Feldsklaven eher am Rande. Auf diese Weise bildet sie verschiedene Arten von Rassismus ab.
Die Yankeefrauen im besetzten Georgia beschweren sich, daß sie keine Nannys für ihre Kinder finden. Scarlett O'Hara findet die Aussage lächerlich, denn es gibt viele ehemalige Sklavinnen, die Kinder erziehen können. Aber die Yankees verlangen weiße Kindermädchen, deutsche oder irische Nannys.
Am schlechtesten kommen bei Mitchell ehemalige Sklaven weg, die Abgeordnete geworden oder in die Politik gegangen sind. Den Ku-Klux-Klan schreibt sie schön, was den Roman schwer verdaulich macht. Die Verfilmung weicht dem KKK eher aus, was ihm zugute kommt.
Mitchell setzt mit ihrem langatmigen Roman dem Bundesstaat Georgia ein Denkmal, dabei erscheint das alte Georgia am Vorabend des Bürgerkrieges als Idylle aus der Sicht Scarlett O'Haras - und Margaret Mitchells.

Geändert von Servalan (28.10.2019 um 15:58 Uhr)
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Alt 29.12.2019, 16:29   #180  
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  • Theodor Fontane: Effi Briest. Roman (Vorabdruck in Deutsche Rundschau Band 81 und 82 Oktober 1894 bis März 1895, Buchausgabe 1896)
  • Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen, Bundesrepublik Deutschland 1974, Drehbuch, Produktion und Regie: Rainer Werner Fassbinder, 136 min, FSK: 12
Fassbinders eingängigste Verfilmung dürfte Welt am Draht sein. Erzählerisch nutzt in Fontane Effi Briest dieselben filmischen Mittel wie in Berlin Alexanderplatz: Textinserts, eine Erzählerstimme aus dem Off und Weißblenden. Der Vorspann zum Schwarzweißfilm läuft ohne Musik, ohne Ton. Die ersten Einstellungen sind sehr starr. Mit Berlin Alexanderplatz bin ich leichter zurande gekommen. Statt eines Dreiecksverhältnisses in einem Schmachtfetzen liefert Fassbinder hier distanziertes Anti-Hollywood.

Mittlerweile dürfte Fontanes Roman leichter zugänglich sein als diese Verfilmung. (Von Fontane habe ich in der Schule nur Unterm Birnbaum als Lektüre gehabt, andere Fontanes habe ich nicht gelesen.)

Irgendwie hat Fontane Effi Briest dennoch einen eigenen Sog entfaltet. Ich habe ihn wie eine Märchenverfilmung für Erwachsene gesehen. Bei Märchen wird der Plot ja auch als bekannt vorausgesetzt, so daß Spoilern nichts am Film ändert.
Fassbinder schließt manchmal das Erzählen kurz: Das Duell von Innstetten gegen Major Crampas zeigt er erst, als Major Crampas nach dem Schußwechsel schon im Sterben liegt. Der Seitensprung von Effi Briest mit Major Crampas wird bloß mit Strandszenen und einem Sitz in einer gemeinsamen Kutsche angedeutet.
Kinder dürften dem Film wohl als langweilig empfinden, auch viele Zwölfjährige.
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Alt 29.12.2019, 17:41   #181  
Peter L. Opmann
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"Effi Briest" habe ich in den 80er Jahren als Reclam-Bändchen gelesen. Den Faßbinder-Film habe ich auch vor etlichen Jahren zuletzt gesehen, aber er hat mir sehr gut gefallen. Gustaf Gründgens hat den Stoff bereits 1939 mit seiner Frau Marianne Hoppe in der Hauptrolle als "Der Schritt vom Wege" verfilmt, aber er kommt an Faßbinder, finde ich, bei weitem nicht heran. Was mir gefallen hat, war die Kühle und Distanziertheit des Faßbinder-Films. Das paßt sehr gut zur Vorlage.

Der Clou an der Geschichte ist: Es gibt gar keine Affäre zwischen Effi und Crampas. Sie haben nur daran gedacht und sich entsprechende Briefe geschrieben. Es wäre also für Instetten ein Leichtes gewesen, den Vorfall abzutun und zu vergessen. Aber die Konvention verlangte, daß er so reagierte, wie er reagierte. Obwohl das nur Leid brachte.
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Alt 01.01.2020, 18:00   #182  
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  • Theodor Fontane: Unterm Birnbaum (Vorabdruck in Die Gartenlaube 1885, Buchausgabe Verlag Müller-Grote 1885)
  • Unterm Birnbaum (Deutschland 2019), Drehbuch: Léonie-Claire Breinersdorfer, Regie: Uli Edel, 89 min
Die Verfilmung von arte und ZDF verlegt die Handlung in die Gegenwart, bleibt aber sonst eng an der Vorlage. Als ich die Kriminalnovelle als Schulstoff gelesen habe, hatte ich ein engeres Verständnis von Krimis, und da das keine Whodunit war, bin ich enttäuscht gewesen.
Von der Atmosphäre her erinnert der Stoff an Chabrol-Krimis oder Nicht-Maigret-Simenon-Krimis. Das sind schon unterhaltsame anderthalb Stunden. Großes Kunstkino ist das nicht, eher handwerklich gutes Erzählkino. Die Darsteller tragen die Erzählung, obwohl die starke Rolle des Pfarrers etwas Provinzielles hat. Ein Krimi für Erwachsene, die sich mal von Polizeikrimis erholen wollen.
Die Faßbinder-Verfilmung Fontane Effi Briest spielt in einer anderen Liga, einer höheren Liga als dieses Fernsehspiel.
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Alt 01.01.2020, 23:31   #183  
Schlimme
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In diesem Jahr erschien "Unterm Birnbaum" auch als Comic:

http://www.comicguide.de/index.php/c...long&id=129902

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Alt 03.01.2020, 19:22   #184  
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  • William S. Burroughs: The Wild Boys: A Book of the Dead (Grove Press 1971)
  • Les Garçons sauvages | The Wild Boys (Frankreich 2017, Ecce Films), Drehbuch und Regie: Bertrand Mandico, 110 min, FSK: 18
Die Verfilmung habe ich letztes Jahr im Kino gesehen, in einer einmaligen Spätvorstellung, zu der sich insgesamt ein Publikum von acht Personen eingefunden hatte. Die Fassung war ein französisches Original mit deutschen Untertiteln. Mich hat der Film so beeindruckt, daß ich ihn am liebsten sofort ein zweites Mal gesehen hätte. Aber diese Gelegenheit gab es zu meinem Leidwesen nicht.
Die Filmfachzeitschrift Les Cahiers du cinéma kürte ihn zum "besten Film des Jahres", meiner Meinung nach zu recht.
Der größte Teil des Films ist schwarzweiß, aber immer blitzt kurzzeitig ein farbiges Bild auf. Die Kulissen sind bewußt künstlich und stilisiert, die Verfilmung verweigert jeden billigen Realismus, umso echter und überzeugender wirkt das Schauspiel. Die Pointe läuft auf einen Trick in der Besetzung hinaus, der etwas Geniales hat, deshalb besteht der Vorspann bloß aus dem lakonischen Filmtitel.

Die wilden Jungs heißen Tanguy, Jean-Luc, Hubert, Sloan und Romuald und leben auf der Insel La Réunion. Ihre letzte Missetat war die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Literaturlehrerin. Weil sie ein ellenlanges Register an üblen Schandtaten haben, werden sie in einem bizarren Femegericht verurteilt.
Abhilfe verspricht ein Holländer, der der Kapitän genannt wird. Der verspricht den Eltern, aus den Jungs bürgerliche Erwachsene zu machen - daß alle die Erziehung überleben, kann er nicht garantieren. Außer Tanguys Eltern stimmen alle Eltern ihm zu und geben ihm Schmuck als Lohn. Weil Tanguy seine Kumpels nicht im Stich lassen will, stiehlt bei seinen Eltern Wertsachen und bietet sie dem Kapitän an. So landet die Gang auf der Jolle "Cold World".
Der Kapitän beginnt seine Erziehung, indem er jedem der Jungs einen Strick um den Hals legt. Als Verpflegung gibt es komische bittere Haarfrüchte. Nach einer Frist schneidet er die Stricke durch und entläßt die Jungs in die Freiheit.
Später landet er mit seiner Jolle an einer nach Muscheln und Fisch stinkenden Insel, die die wilden Jungs nur widerwillig betreten. Die exotische Vegetation ähnelt menschlichen Körpern und Körperteilen, bietet aber reichlich Früchte. Aber als der Kapitän diese Etappe beenden, rebelliert Jean-Luc als Einziger. Auf der Jolle kommt es wenig später zur Meuterei, bei der der Kapitän ermordet wird. Danach fahren die wilden Jungs wieder zur Insel zurück.


Geändert von Servalan (13.01.2020 um 19:59 Uhr)
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Alt 13.01.2020, 19:55   #185  
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  • Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer. Ein Roman für Kinder (Dressler 1933)
  • Das fliegende Klassenzimmer (Bundesrepublik Deutschland 1954), Drehbuch: Erich Kästner, Regie: Kurt Hoffmann, 88 min, FSK: 0
Die erste Verfilmung des Jugendbuchklassikers, der in 30 Sprachen übersetzt wurde, in schwarzweiß stammt von Kurt Hoffmann, der auch Hauffs Das Wirtshaus im Spessart auf die Leinwand brachte. Autor Erich Kästner spielt sich in der Rahmenhandlung selbst und bürgt für Werktreue. Weitere Verfilmungen erschienen 1973 und 2003. Die Nazis verb(r)annten das Buch 1936.

Der Schul- beziehungsweise Internatsroman ist ein britischer Standard. Erich Kästners Variante spielt in einer Kleinstadt von 20.000 Einwohnern, so daß alles schön übersichtlich bleibt. Wie in der Zeit üblich, nimmt das Internat nur männliche Schüler und Lehrer. Außer der Krankenschwester Beate gibt es keine weiblichen Rollen. Lehrer sind männliche Autoritätspersonen.
Mit der Schulfehde in der Provinz gibt es Überschneidungen mit dem französischen Klassiker La guerre des boutons | Der Krieg der Knöpfe (Roman von Louis Pergaud 1912, Verfilmung 1962, Regie: Yves Robert, 91 min, FSK: 0), die beide eine ähnliche Atmosphäre schaffen.
Der Film ist gut gealtert, Erich Kästner als er selbst erzählt die Geschichte teils aus dem Off. Durch das nostalgische Schwarzweiß wirkt er wie ein historisches Dokument aus jener Zeit, den 1950er Jahren.

Die Verfilmung von 1973 muß ich vor Jahr(zehnt)en mal im Fernsehen gesehen haben, aber genaueres erinnere ich nicht. Die von 2003 habe ich nie gesehen.
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Alt 13.01.2020, 20:51   #186  
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Der Film von 1973 lief früher öfters im Fernsehen (also noch in den 80er Jahren). Ich habe damals aber Filme noch nicht kritisch betrachtet. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, daß Joachim Fuchsberger den Klassenlehrer spielte.

Daß Erich Kästner Kinder überhaupt nicht mochte, dürfte weithin bekannt sein. Da ist also eine ähnliche Verwechslung von Person und Rolle wie bei einem Schauspieler möglich.
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Alt 15.01.2020, 01:14   #187  
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Zitat:
Zitat von Peter L. Opmann Beitrag anzeigen
Der Film von 1973 lief früher öfters im Fernsehen (also noch in den 80er Jahren). Ich habe damals aber Filme noch nicht kritisch betrachtet. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, daß Joachim Fuchsberger den Klassenlehrer spielte.

Daß Erich Kästner Kinder überhaupt nicht mochte, dürfte weithin bekannt sein. Da ist also eine ähnliche Verwechslung von Person und Rolle wie bei einem Schauspieler möglich.
Beide Versionen - die von 1954 und die von 1973 laufen auch heute noch öfters im Fernsehen.

Dass Erich Kästner keine Kinder mochte halte ich für ein Gerrücht. Er hielt beispielsweise sehr lange Kontakt zu einem kleinen Fan, dem er auch eine Rolle in "Emil und die Detektive" verschaffte. Er brach den Kontakt dann allerdings ab, als er selbst von den Nazis immer mehr politisch verfogt wurde - aus dem Grund, dass der Junge und seine Familie da nicht mit rein gezogen werden. Der Junge wurde dann später in die Wehrmacht eingezogen und starb an der Front.
Über diese Freundschaft gibt es sogar einen Film namens "Kästner und der kleine Dienstag". Sehr sehenswert.
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Alt 15.01.2020, 05:37   #188  
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Ist wahrscheinlich dasselbe Gerücht, wie bei Peter Lustig, dem auch nachgesagt wurde, keine Kinder zu mögen.

Wenn man in der Öffentlichkeit nur einmal keine Zeit hat seinen Fans Rede und Atwort zu stehen, wird das sofort negativ aufgenommen.

Das fliegende Klassenzimmer ist für mich immer im Kern eine Geschichte um die Männerfreundschaft der beiden Erwachsenen (Joachim Fuchsberger und Heinz Reincke).

Super gespielt von den beiden.
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Alt 15.01.2020, 08:06   #189  
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Ich muß gestehen, ich kann meine Behauptung auf Anhieb nicht belegen. Aber ich schaue mal nach, wp ich's her habe.
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Alt 15.01.2020, 10:44   #190  
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Es ist ganz interessant, sich mit dem Leben von Erich Kästner zu beschäftigen. Meine Aussage, daß er Kinder nicht mochte, ist sicher arg verkürzt, vielleicht sogar falsch. Es gibt aber zwei Indizien, die in diese Richtung weisen:

1. war Kästner in gewissem Sinn ein Kinderbuchautor wider Willen. Eine Verlagsmitarbeiterin hat ihm vorgeschlagen, auch mal ein Kinderbuch zu schreiben. Daraus wurde dann "Emil und die Detektive". In der Folge wurde Kästner als Kinderbuchautor abgestempelt; bis 1957 erhielt er keinen wichtigen Literaturpreis (das war dann der Georg-Büchner-Preis), was ihn gehörig wurmte. 1960 erschien der Sammelband "Kästner für Erwachsene", der darauf hinwies, daß er auch anderes als Kinderbücher schrieb.

2. hatte Kästner recht verwickelte Frauenbeziehungen. So gab es eine Lebensgefährtin in München, Luiselotte Enderle, und eine andere Frau, Friedl Siebert, in Berlin, mit der er einen Sohn (Thomas) hatte. Lange Zeit ist Kästner im Monatsrhythmus zwischen München und Berlin gependelt und war insofern wohl nicht unbedingt ein guter Vater. Kästner hat sein Privatleben aber so weit wie möglich geheim gehalten - man weiß darüber nach meinem Eindruck gar nicht so viel.
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Alt 17.01.2020, 16:47   #191  
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  • Lothar-Günther Buchheim: Das Boot. Roman (1973, Neuauflage 2005) und Die Festung (1995, Neuauflage 2005)
  • Das Boot (Bundesrepublik Deutschland 1981), Drehbuch und Regie: Wolfgang Petersen, diverse Fassungen, FSK: 12
  • Das Boot Staffel 1 (Deutschland / USA seit 2018), Drehbuch: Tony Saint und Johannes W. Betz, Regie: Andreas Prochaska, 8 x 60 min
Aus Neugier habe ich mir die ersten beiden Folgen der Neuverfilmung des Klassikers Das Boot angetan. Im Moment bin ich unschlüssig, ob ich den Rest der Serie sehe. Die funktioniert einfach nicht, ich langweile mich nur.
Wolfgang Petersens Verfilmung war ein großer Wurf und großes Kino. Die ist mir im Gedächtnis geblieben. Das hängt auch mit der Besetzung zusammen, die Schauspieler haben echt ihr Bestes gegeben, da hat Petersen super Leistungen aus den Schauspielern herausgekitzelt (R.I.P., Jan Fedder!). Blut, Schweiß und Tränen kamen überzeugend rüber.
Und der Spionage/Résistance-Plot auf der Festung läuft vorhersehbar durch.
Dagegen bleibt die Besetzung der Sky-Serie äußerst blaß. Tom Wlaschiha als Gestapo-Größe hat wenigstens etwas Profil, aber das reißt das Mittelmaß nicht heraus. Petersens Fassungen gewinnen im Vergleich noch dazu.

Geändert von Servalan (17.01.2020 um 16:53 Uhr)
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Alt 18.01.2020, 08:18   #192  
Peter L. Opmann
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Ich glaube, das liegt auch an der Serien-Manie. Was bei den audiovisuellen Medien Wert haben soll, muß heute im Format einer Serie sein. "Das Boot" ist aber im wesentlichen eine Tauchfahrt, eine in sich geschlossene Geschichte (auch wenn das wegen der Länge des Petersen-Films auch schon mal in Teilen gesendet worden ist).

Es gibt sicher Stoffe, die sich zur Serie eignen, dieser aber wohl nicht. Aber ich beobachte, daß jüngere Freunde von mir bereits eine richtige Abneigung gegen Eineinhalb- oder Zwei-Stunden-Filme haben. Wenn es nicht als Serie auf Netflix läuft, dann kann es nichts taugen...
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.02.2020, 15:04   #193  
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  • Jurek Becker: Jakob der Lügner (Aufbau-Verlag 1969, RM Buch und Medien 2007)
  • Jakob der Lügner (Deutsche Demokratische Republik / Tschechoslowakei 1974), Drehbuch: Jurek Becker, Regie: Frank Beyer, 100 min, FSK: 12
Es gibt noch eine weitere Verfilmung, eine Koproduktion der USA, Frankreichs und Ungarns 1999 mit Robin Williams in der Titelrolle. Die habe ich aber noch nicht gesehen.
In der Mediathek stand der Film von 1974, bei dem die Sachlage etwas komplizierter ist. Eigentlich stand das Drehbuch schon für den Jahresplan 1966, wurde aber nicht umgesetzt, weil die polnischen Koproduzenten ausstiegen. Der Regisseur Frank Beyer wurde 1966 wegen seines Films Spur der Steine ans Theater strafversetzt. Jurek Becker entwickelte aus dem Drehbuch seinen ersten Roman. Insofern ist der Film von 1974 keine Romanverfilmung im engeren Sinne - siehe den Vorspann.
(Von Jurek Becker habe ich nur den Roman Bronsteins Kinder gelesen. Der liest sich einfach so weg. Trotz des Anspruchs verhältnismäßig leichte Lektüre.)

Der DEFA-Film ist gut gealtert. Für ein Ghetto sind die Sets knapp bevölkert, alles ist übersichtlich inszeniert. Die Bewacher auf ihren Türmen oder im ersten Stock eines Gebäudes sind günstig platziert, so daß wenige Wachen genügen.
Der Stoff ist eine Tragikomödie: Jakob Heym schnappt auf der Hauptwache eine Radionachricht auf, die er als Durchhaltepropaganda im Ghetto weiterverbreitet. Die Nachricht gewinnt eine Eigendynamik. Irgendwann behauptet er dann, er besäße ein Radio, was im Ghetto für Juden verboten ist. Dadurch entsteht wieder Unruhe, weil einige Razzien der Deutschen fürchten.
Durch Träume von einem besseren Leben oder erzählte Märchen, die mit Schauspielern gedreht werden, entsteht eine zweite Ebene. Auf diese Weise wirkt der Film versöhnlich. Die abrupte Deportation am Schluß läßt hingegen Böses ahnen.
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