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Alt 15.10.2018, 07:29   #376  
Marvel Boy
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Zitat von Peter L. Opmann Beitrag anzeigen

Meine Frage wäre: Wie wünschenswert ist es, daß man eine Soap Opera quasi sein ganzes Leben lang begleitet? Ich war von elf bis - großzügig gerechnet - 25 Jahren von dieser Soap Opera fasziniert, dann ließ das deutlich nach. Darin sehe ich aber kein Manko. Die Interessen ändern sich auch mal.
Das währe es was ich mir gewünscht hätte das Peter mich das ganze Leben begleitet.
Also, das Baby verschwindet nicht und heutzutage hätten wir halt kein Spider-Man mehr sondern eine Spider-Girl Serie, so wie die sehr gute die im MC2 gelaufen ist.
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Alt 15.10.2018, 07:45   #377  
Peter L. Opmann
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Zitat von Marvel Boy Beitrag anzeigen
Das währe es was ich mir gewünscht hätte das Peter mich das ganze Leben begleitet.
Das galt für mich auch - zwischen 11 und 25 Jahren. Ich habe den Wechsel von Ditko zu Romita mitgemacht (naja, ein bißchen wenigstens) und den von Lee zu Conway. Aber der Tod von Gwen war für mich schon der Ansatz zum Ausstieg, und die Art ihrer späteren Rückkehr (ich meine jetzt nicht Spider-Gwen) wäre garantiert nichts für mich gewesen. Eine Serie wird aber nun einmal niemals so geschrieben, daß gerade ich immer dabei bleibe.
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Alt 17.10.2018, 17:43   #378  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 72

Erscheinungstermin: 11/1976

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 71
2) Journey into Mystery # 118

Story-Titel:
1) Der Schnelle und die Spinne!
2) Den Donnergott zu töten!

Original-Storytitel:
1) The Speedster and the Spider!
2) To kill a Thunder God!

Zeichnungen:
1) John Romita / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



In dieser Ausgabe wird die Geschichte um die antike Tafel erstmal wieder auf Null gestellt. Die Spinne entschließt sich, sie Captain Stacy zu übergeben. Damit könnte diese Story zuende sein – man weiß nur noch nicht, was die Inschrift besagt. Für mich wäre sowohl denkbar, daß Stan Lee bisher auch noch nicht weiß, was das Geheimnis dieser Tafel sein könnte. Oder er meinte, die endlosen Kämpfe mit dem Kingpin könnten die Leser allmählich ermüden, und führte deshalb einen neuen Gegner ein, einen klassischen Gaststar: Quecksilber, damals Mitglied der Rächer. Grundsätzlich könnte auch ein laufendes Crossover den Themenwechsel erfordert haben, aber dagegen spricht, daß es eigentlich schon einige Zeit zurücklag.

Lee und Romita lassen sich aber gut zehn Seiten, also mehr als die Hälfte des Hefts, Zeit, zunächst die Sache mit der Tafel abzuschließen. Für mich als Neuleser war das sehr wichtig. Ich merkte, daß die Dinge hier fortlaufend miteinander zusammenhängen und ich tunlichst am Ball bleiben mußte. Zu Beginn sitzt Peter Parker, noch halb mit seinem Spinnen-Kostüm bekleidet, in seinem Studentenapartment und denkt über die jüngsten Ereignisse nach. Insbesondere beschäftigt ihn, was aus Jonah Jameson geworden ist. In diesem Augenblick platzt sein Kumpel Harry Osborn herein. Peter schafft es knapp, das Superhelden-Oberteil verschwinden zu lassen. Die langen Unterhosen bedeckt er mit einem Bademantel, wobei die netzverzierten Strümpfe unten herausschauen. Harry merkt aber glücklicherweise nichts.

An dieser Stelle wird zu Quecksilber und seiner Schwester, der Scharlachhexe, übergeblendet. Hier handelt es sich um einen Handlungsstrang, der offenbar in „X-Men“ startete und sich in „Avengers“ fortsetzte. Quecksilber wird hier sozusagen aus der Versenkung geholt, denn in USA ist die Veröffentlichung schon ein Dreivierteljahr her. Bei uns wurde der erste Teil nur bei Hit-Comics und der zweite erst ein paar Monate später veröffentlicht. Für mich damals eher verwirrend, obwohl sich die Redaktion redlich mühte, die Vorgeschichte zu erklären. Jedenfalls hatte sich Quecksilber als mißverstandener Mutant dem bösen Magneto angeschlossen Nach dem Angriff der Rächer flog die Insel, auf der er residierte, in die Luft, was Magneto offenbar das Leben kostete. Quecksilber, Wanda und Magnetos einstiger Diener, die Kröte, konnten sich absetzen.

Quecksilber will sich und seine Begleiter rehabilitieren und sich zu diesem Zweck an die Rächer wenden. Doch die sind gerade in Afrika unterwegs („Avengers“ # 62). Da wird er auf eine typische „Bugle“-Schlagzeile aufmerksam, die die Spinne zum Verbrecher stempelt. Er kommt auf die Idee, seine gute Gesinnung zu beweisen, indem er sie an die Justiz ausliefert. Dafür muß er sie natürlich erstmal fangen. Das bedeutet sechs Seiten Duell. Nachdem die Spinne anfangs den schnellsten Mann der Welt – von Flash wohl abgesehen – kaum zu fassen bekommt, kann sie ihn letztlich doch ausschalten, indem sie ihn gegen ihren ausgestreckten Arm rennen läßt. Quecksilber versichert, er betrachte sie nicht mehr als Feind, und die Spinne schwingt davon, ohne sich für seine Probleme zu interessieren. Naja, wir sind auch schon auf der letzten Seite.

Zwischendurch erleben wir Joe Robertson, den Lokalchef des „Daily Bugle“, zuerst am Krankenbett von JJJ und dann als frei schaltenden und waltenden Zeitungsmann. Er kauft Peter seine Fotos vom Kampf der Spinne gegen den Kingpin für eine großzügige Summe ab und verwertet sie dann als Belege für die Unschuld der Spinne. Was natürlich bei JJJ im Krankenhaus einen Wutanfall auslöst. Nachdem ich inzwischen in derselben Branche arbeite, denke ich mir: wie konnten diese beiden Typen jemals konfliktfrei zusammenarbeiten? Und warum hat Jonah noch nie versucht, seinen quertreibenden Mitarbeiter rauszuwerfen? Ich weiß, daß Robertson auch Jahre später noch in leitender Position beim „Bugle“ arbeitete.

Das Crossover von Quecksilber und der Scharlachhexe kann man wohl schwerlich als Marvel-Meisterwerk bezeichnen. Warum der Speedster zwischen den Fronten hin- und herwechselt, wird nie so recht begründet, geschweige denn plausibel gemacht. Das ist aber hier nur ein Schönheitsfehler. Die Tafel-Story wird relativ elegant zur Seite gelegt, und Quecksilber taugt durchaus für eine kurze Action-Einlage. Für mich wäre freilich der Besuch der Spinne bei Captain Stacy eher der Höhepunkt des Hefts und hätte aufs Cover gehört; da hätte man ja Quecksilber durchaus schon im Hintergrund auftauchen lassen können. Aber es wird eben eher darauf gesetzt, daß die Leser an der alten Frage: Wer ist stärker…? interessiert sind.

Auch in diesem Heft beschränkt sich das Redaktionelle auf die Checkliste und die Programmvorschau.
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Alt 19.10.2018, 19:04   #379  
Peter L. Opmann
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Wieder mal eine Anmerkung meines Freundes, des DC-Fans:

Zitat:
Quicksilver ist übrigens viel langsamer als der Flash. Flash hat Quasi-Lichtgeschwindigkeit, Quicks gerade mal Schallgeschwindigkeit. Ein Wettrennen der beiden, wie man es im gefloppten "JLA vs. Avengers" vorhatte, müsste also auch einen arg geschwächten Flash voraussetzen.
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Alt 20.10.2018, 17:56   #380  
jakubkurtzberg
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Interessant.
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Alt 20.10.2018, 22:26   #381  
Peter L. Opmann
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Ja, das bedeutet, auf seine Weise ist Flash wohl genauso unbesiegbar wie Superman. Die einzigen nicht allmächtigen DC-Helden, die mir gerade einfallen, sind Green Arrow und Hawkman (Batman spielt eine Sonderrolle).

Nun zur nächsten "Spinne"-Ausgabe:

Spinne (Williams) 73

Erscheinungstermin: 12/1976

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 72
2) Journey into Mystery # 118

Story-Titel:
1) Zerschlagen vom Schocker!
2) ohne Titel (Den Donnergott zu töten!)

Original-Storytitel:
1) Rocked by the Shocker
2) To kill a Thunder God!

Zeichnungen:
1) John Romita / John Buscema / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Eine neue Erkenntnis meines Wiederlese-Projekts ist, daß John Romita sich erstaunlich lange beim Pencillen helfen ließ. Und das lag wohl doch nicht nur an der Doppelbelastung durch „Spectacular Spider-Man“. In dieser Phase mußte, wie wir gesehen haben, Don Heck mit ran. Hier nun zeichnete John Buscema mit (auch wenn Williams ihn in den Credits als „Co-Autor“ bezeichnet). Zwischendurch hat auch mal Jim Mooney nicht nur geinkt, sondern auch Romita beim Zeichnen unterstützt. Ich weiß nicht, wie das kam. Der „Spider-Man“-Zeitungsstrip, den er anfangs zeichnete und der ihn, wie man weiß, sehr belastete, kam meines Wissens erst später.

Buscema war jedenfalls auch ein hervorragender Spider-Man-Zeichner. Es folgen ja noch ein paar Ausgaben, bei denen er die Pencils komplett übernahm, und da freue ich mich schon aufs Wiedersehen. Inhaltlich überzeugt die Ausgabe weniger. Es ist einfach ein Kräftemessen zwischen Spinne und Schocker, mühsam in das Epos mit der antiken Tafel eingepaßt. Nach wie vor wissen wir nicht, was da eingraviert ist – es ist nur alles äußerst geheimnisvoll, und die Tafel ist offenbar mindestens so wertvoll wie die britischen Kronjuwelen. Deshalb dachte sich Lee wohl: Lassen wir den Schocker einfach das gute Stück klauen – klar, daß die Spinne etwas dagegen hat.

Nehmen wir mal an, daß der Schocker durch die Ausstellung auf die Tafel aufmerksam geworden ist. Nun soll er durch Zeitungsmeldungen erfahren haben, daß sie im Safe von Captain Stacy ruht. Er weiß aber nicht, daß der Kingpin an ihr interessiert ist und, weil er von der Spinne zurechtgestutzt worden ist, die ganze Unterwelt von dieser Hehlerware lieber die Finger läßt. Die Frage, wieso der Schocker nicht mehr im Knast sitzt, läßt Lee lieber gleich beiseite. Peter Parker erfährt durch eine Radiodurchsage in der Straßenbahn, daß der Schocker wieder unterwegs ist, und verwandelt sich in die Spinne. Das erste Duell endet Unentschieden, was Peter ganz recht ist, denn er muß Tante May in den Zug zur Sommerfrische in Florida setzen. Ein Blick in die Zeitung zeigt ihm, daß sich Dr. Curt Conners ebenfalls gerade in Florida aufhält.

Das spricht dafür, daß Lee mit der Tafel eventuell nicht mehr viel vorhatte. Tatsächlich kommen jetzt aber noch drei Ausgaben, in denen sich alles um sie dreht, bevor Conners, beziehungsweise sein Alter Ego, die Echse, auftaucht. Wohl weil der Schocker mit der gestohlenen Tafel nichts anfangen kann, überfällt er nun wieder Geldtransporte. Dabei mischt sich die Spinne wieder ein. Einerseits ist der Ausgang dieses Kampfs ziemlich einfallslos und enttäuschend: die Spinne verklebt die Maske ihres Gegners mit Netzflüssigkeit und nimmt ihm darauf seine Vibrations-Prothesen ab. Andererseits zeichnen das Buscema und Romita (inwieweit er beteiligt ist, ist nicht so genau auszumachen) sehr dynamisch und mitreißend. Ich kann zwar manche Posen eindeutig als Buscema-like identifizieren; wo Romita aber nicht im Spiel ist, kann ich nicht so genau erkennen.

Unvermeidlich gibt es zwischendurch zwei Einlagen: Jonah Jameson wütet weiter im Krankenhaus, nachdem er in seiner eigenen Zeitung lesen muß, daß die Spinne ein Held sei. Eigenartig, daß er selbst im Krankenbett pausenlos Zigarren raucht. Eine resolute Schwester verpaßt ihm schließlich eine Beruhigungsspritze. Außerdem treffen sich Peter und Gwen zu einer Aussprache. Gwen gesteht zwar, daß die Spinne für sie faszinierend ist, aber gleich darauf entdeckt sie Flash Thompson – schon wieder im Heimaturlaub – und begrüßt ihn überschwänglich, was Peter eifersüchtig macht und einen Streit zwischen den beiden einstigen Schulkameraden hervorruft. Gwen stellt sich auf Flashs Seite, der schließlich im Dienst fürs Vaterland ist – die alte Schwäche der Frauen für Uniformen. Mit Peter und Gwen bleibt es also schwierig.

Eine sehr mäßige Story, der man das aber beim ersten Lesen nicht anmerkt. Formal wird sehr auf Qualität geachtet (vielleicht wurde Buscema ja deshalb ins Boot geholt); auch die Story liest sich zumindest verwickelt und durchaus spannend, wenn auch nicht viel dahintersteckt. Was sonst noch auffällt: In der Checkliste werden erstmals die Originalausgaben und ihre Titel angegeben („damit Ihr Eure Unterlagen vervollständigen könnt“). Die Anzeigen sind wohl kurzfristig durch eine Eigenanzeige („Die Fantastischen Vier“) ersetzt worden. Auf einer Extra-Seite informiert die Redaktion recht gut über den „Beruf Comiczeichner“.

Geändert von Peter L. Opmann (21.10.2018 um 13:45 Uhr)
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Alt 21.10.2018, 11:01   #382  
Marvel Boy
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Zitat von Peter L. Opmann Beitrag anzeigen
Wieder mal eine Anmerkung meines Freundes, des DC-Fans:
Ich fand JLA vs. Avengers recht unterhaltsam.
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Alt 21.10.2018, 13:45   #383  
Peter L. Opmann
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Er sagt ja nur, daß die Serie gefloppt sei, nicht, daß sie ihm nicht gefallen hat.
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Alt 22.10.2018, 00:03   #384  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 74

Erscheinungstermin: 12/1976

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 73
2) Journey into Mystery # 119

Story-Titel:
1) Das Netz ist dicht!
2) Der Tag des Vernichters!

Original-Storytitel:
1) The Web closes!
2) The Day of the Destroyer!

Zeichnungen:
1) John Buscema / John Romita / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Als ich dieses Heft am Kiosk kaufte, war die Welt der Spinne für mich noch relativ neu. Manches an dieser Story kam mir daher etwas seltsam vor. Jetzt verstehe ich die Dinge etwas besser – oder kann zumindest ein bißchen darüber spekulieren.

Der „neueste Supergegner der Spinne“, der in der letzten Ausgabe großspurig angekündigt wurde, ist „Menschenberg Marko“. Marko ist einfach ein Gangster; überraschenderweise gehört er nicht zur Bande des Kingpin, sondern steht auf der Gehaltsliste des Mafiabosses Silbermähne. Was hat das zu bedeuten?

Zunächst mal läßt Stan Lee den Kingpin in der Versenkung verschwinden – warum, erkläre ich später. Ich stelle mir vor, daß er ein wenig hin- und hergerissen war. Einerseits will er einen anständigen Gegner für die Spinne, einen namhaften wie Quecksilber oder einen starken Widersacher wie den Schocker. Andererseits will er aber zu der Geschichte mit der geheimnisvollen Tafel zurückkehren, denn ihm ist – möglicherweise – eine gute Story rund um den Steinbrocken eingefallen. Diese Story spielt aber im Gangstermilieu. Gangster gehen planvoller vor als Superschurken, und sie haben langfristigere Ziele. So kam wohl Marko ins Dasein. Er soll beides verbinden: den Gangster und die Statur eines Superschurken. Ich habe mir aber schon 1976/77 gedacht: Ein Typ ohne Superkräfte soll es mit der Spinne aufnehmen? Das wirkt tatsächlich nicht überzeugend.

Die Figur von Silbermähne fand ich beeindruckend, aber ich war auch verwirrt: Wo kommt denn dieser Typ nun her? Er hat hier seinen allerersten Auftritt. Und er hat mit der Tafel ganz bestimmte Pläne. Das spielt hier zunächst noch keine Rolle. Jedenfalls wird Marko losgeschickt, um sie ihm zu bringen. Was nämlich letztes Mal – für mich – etwas unterging: Der Schocker wurde zwar von der Spinne geschlagen und zurück ins Gefängnis geschickt. Aber die Tafel hat er sozusagen noch. Er hat sie jedenfalls vorher noch rechtzeitig verschwinden lassen.

Zu Beginn aber stattet die Spinne Captain Stacy einen Besuch ab. Auch sie will die Tafel wiederbeschaffen. Stacy rügt sie zwar fürs Eindringen in sein Schlafzimmer, gibt ihr aber doch einen heißen Tip: Der Schocker hat eine Freundin. Die Spinne findet sie, bemerkt jedoch, daß Marko von der Mafia sie schon vor ihr gefunden hat. Das Mädchen ist ziemlich tough. Obwohl Marko ihre Wohnung zerlegt, tut sie so, als wisse sie von nichts. Die Spinne greift ein, und nun beginnt ein ziemlich unglaubwürdiger Kampf – wenn man denn einen Superhelden a priori für glaubwürdig hält. Aber die Spinne ist nun mal superstark und müßte mit Marko spielend fertigwerden. Lee und Romita/Buscema wollen aber einen Fight bieten, der sich gewaschen hat. Marko erinnert auch ein wenig an einen Supertypen, denn er trägt einen schwarzen Ganzkörper-Lederanzug. Vielleicht ist er ein wenig ein Prototyp für Luke Cage.

Marko erringt sogar zumindest einen Punktsieg: Er schmettert die Spinne gegen eine Wand, wodurch ein Safe sichtbar wird. Marko greift zu und hat die Tafel. Die Spinne rappelt sich zwar wieder auf, aber Marko droht nun, das Mädchen aus ihrer Hochhauswohnung auf die Straße stürzen zu lassen. Spidey rettet die gefallene Dame, aber in der Zwischenzeit verschwindet Marko mit der Tafel.

Silbermähne hat inzwischen Wilson – Kingpins Experten für die Entzifferung der Tafel – mit halblegalen Mitteln aus dem Gefängnis geholt. Das hat für ihn Caesar erledigt, ein durchtriebener Gangster, der Ambitionen auf Silbermähnes Chefsessel hat. Dadurch werden wir auf Silbermähnes Problem aufmerksam: Er ist der unumschränkte Boss (auch wenn Kingpin das ebenfalls von sich behauptet), aber er ist schon sehr alt. Noch hat er alle Macht in seinen Händen, aber das Problem wird sich für Caesar bald biologisch lösen. Die Spinne schwingt indessen nach Hause. Peter Parker fällt ein, dass er ein Praktikum bei Dr. Curt Conners machen wollte, und ruft ihn an. Er erfährt aber von seiner Frau, daß ein paar seltsame Männer ihn abgeholt hätten. Conners wird zu Silbermähne gebracht. Der braucht ihn irgendwie im Zusammenhang mit der Tafel. Er ahnt nicht, daß Conners sich jederzeit unkontrolliert in die Echse verwandeln kann. Das heißt, Lee schafft es, die sich anbahnende Echsen-Story mit dem Tafel-Mehrteiler zu verzwirbeln. Nicht schlecht!

Ausgelassen habe ich die Rückkehr von Jonah Jameson ins Büro, wo er sich Joe Robertson vorknöpft. Der Angestellte zeigt sich aber unerschrocken: Sollte JJJ von ihm verlangen, Hetzartikel gegen die Spinne zu schreiben, wird er kündigen. Und Jameson steckt zurück. Robertson hält ihn, wie wir erfahren, nur für einen „lärmenden Aufschneider“, also eine Witzfigur. Damit wäre das auch mal geklärt.

Mir geht’s eigentlich immer noch so wie vor gut 40 Jahren: Alles von der Geschichte habe ich nicht gekauft. Marko ist kein richtiger Gegner für die Spinne (und er taucht auch längere Zeit nicht wieder auf). Silbermähne ist eine eigenartige Figur: quasi allmächtig und zugleich altersschwach. Aber immerhin werden jetzt ernsthafte Schritte unternommen, das Geheimnis der Tafel zu lüften. Silbermähne kennt es offenbar schon, obwohl auch er darauf angewiesen ist, dass sie entziffert wird. Aber wie auch immer, die Spannung steigt. Die grundlegende Mechanik der Story funktioniert. Fälschlich wird allerdings am Ende suggeriert, daß auch die Echse ins Spiel kommt – das dauert noch etwas.

Unter der Checkliste ist jetzt wieder die halbseitige Sea-Monkeys-Werbung. Dieser Karlsruher Versand bleibt den Williams-Marvels offenbar bis zum Ende treu.

Geändert von Peter L. Opmann (22.10.2018 um 00:09 Uhr)
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.10.2018, 23:24   #385  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 75

Erscheinungstermin: 1/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 74
2) Journey into Mystery # 119

Story-Titel:
1) Ein Tollhaus!
2) ohne Titel (Der Tag des Vernichters!)

Original-Storytitel:
1) If this be Bedlam!!
2) The Day of the Destroyer!

Zeichnungen:
1) John Romita / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Manche suchen gern nach Anschlußfehlern in Filmen. Hier gibt es etwas Ähnliches in einer Comicserie. In der letzten Ausgabe telefonierte Peter Parker mit Mrs. Conners und erfuhr, daß ihr Mann abgeholt wurde. Jetzt wird Dr. Curt Conners dazu gezwungen, die antike Tafel zu entschlüsseln – dadurch, daß Mafiaboß Silbermähne seiner Frau und seinem Sohn, die ebenfalls gefangen sind, Gewalt androht. Könnte natürlich sein, daß Silbermähnes Männer erst Conners kidnappten und kurz darauf – weil sie etwas vergeßlich sind – auch Frau und Kind. Wahrscheinlich hat sich Stan Lee aber einfach darauf verlassen, daß die Leser sich an das letzte Heft, das einen Monat zuvor erschienen war, nicht mehr so genau erinnerten.

Manches andere in dieser Geschichte erscheint ebenfalls etwas unlogisch. Aber in ihren Grundzügen ist sie fesselnd und auch etwas unheimlich. Ein Freund von mir, der dieses Heft ebenfalls bei Erscheinen gelesen hat, fand sie zu gruselig. Mir ging das mit Zwölf nicht so. Mir gefiel das viel besser als die zu dieser Zeit erscheinenden „Bessy“-Abenteuer, so daß ich umstieg und die „Spinne“ lückenlos las – was bei „Bessy“ nicht unbedingt nötig gewesen war.

„Menschenberg“ Marko setzt zu Beginn Conners unter Druck. Am liebsten würde er ihn so richtig verprügeln – nicht ahnend, daß sich Conners, wenn er in Aufregung gerät, in die fürchterliche Echse verwandeln kann. Aber auch Silbermähne will das nicht. Er ohrfeigt Marko, auch wenn ihm das beinahe einen Herzinfarkt einträgt. Aber Silbermähne macht Marko klar, daß nach wie vor er die Macht hat. Conners wird zusammen mit dem Kingpin-Gefolgsmann Wilson in ein Labor eingesperrt, um Ergebnisse zu liefern. Wilson gesteht jetzt, er sei mit seinem Latein am Ende. Aber Conners, der Biologe, kann offenbar das Rätsel lösen. Seltsam übrigens, daß Kingpin, der ja auch auf die Tafel absolut scharf war, seit # 72 völlig von der Bildfläche verschwunden ist.

Die Spinne will Marko wiederfinden, um abschließend zu klären, wer der Bessere ist. Sie erfährt, daß Caesar Cicero, Silbermähnes ehrgeiziger Rechtsvertreter, Wilson aus dem Gefängnis geholt hat. Sie beschließt, Caesar einen Besuch abzustatten, um herauszufinden, was dahintersteckt. Unbeabsichtigt verraten ihr Caesars Leibwächter in der folgenden Rangelei, daß Martha und Billy Conners in der Gewalt der Mafia sind – wie auch Curt. Caesar gelingt es jedoch, zusammen mit seinen Geiseln zu fliehen. Die Spinne wird bei der Verfolgung beinahe durch eine Bombe getötet, bleibt aber unverletzt. Damit hat sie allerdings erstmal die Spur von Silbermähne und seinen Leuten verloren.

Die Spinne hat in den letzten Ausgaben schon des öfteren nach Leuten gesucht – nach der Freundin des Schockers, nach Marko und anderen. Manchmal gibt sie die Suche nach einer Weile auf, manchmal beschließt sie, New York zu durchstreifen, bis sie den Gesuchten gefunden hat. Lee dreht das so, wie er’s gerade braucht – egal, ob man es nun für glaubwürdiger hält, daß sie mithilfe ihres Spinnensinns unter acht Millionen jeden Beliebigen finden kann, oder nicht. Hier bricht sie nun die Suche ab, weil noch ein paar private Probleme von Peter Parker in die Story gerührt werden müssen. Aber schauen wir zunächst, wie es mit Silbermähne weitergeht. Conners hat es tatsächlich geschafft: Er kennt das Geheimnis der Tafel. Halten wir uns fest: Auf der Tafel stehen keine Schriftzeichen, sondern chemische Formeln (das Periodensystem der Elemente muß schon in der Antike allgemein bekannt gewesen sein). Man kann vorerst nur erahnen, daß es sich wohl um ein Verjüngungsmittel handelt. Silbermähne drängt jedenfalls zur Eile. Er will, da er seinen Tod bedenklich nahen fühlt, das von Conners zusammengemixte Elixier (woher hatte er eigentlich die Ingredienzen?) so schnell wie möglich runterkippen. Marko warnt ihn, es könne sich um Gift handeln, aber der Greis sagt etwas sehr Wahres: „Was habe ich in meinem Alter zu verlieren?“

Lee schließt diese Szene mit einem netten Kunstgriff ab: Silbermähne trinkt das Reagenzglas aus, stößt einen gräßlichen Schrei aus und bricht zusammen. Marko will Conners für diesen Mord bestrafen (der damit der Verwandlung in die Echse wieder gefährlich nahe kommt), aber dann hört er hinter sich eine Stimme: „Marko! Du brauchst deinen starken Arm nicht länger einzusetzen!“ Da steht Silbermähne, nur jetzt ohne graue Haare, sondern um die 30 Jahre jünger. Es folgt: „Die Spinne langt zu – und der Tod schlägt zurück!“

Was aber geschieht in der Pause, während der die Suche der Spinne unterbrochen ist? Man fühlt sich in Ditko-Zeiten zurückversetzt. Peter Parker schleicht wieder mal tief in Gedanken über den Unicampus: Er vernachlässigt sein Studium, er hat Tante May schon ewig nicht mehr angerufen, er kann seine Beziehung zu Gwen nicht in Ordnung bringen. Seine Bekannten und vor allem Harry zerreißen sich den Mund über ihn. Nur Gwen verteidigt Peter – er brauche nicht Häme, sondern Hilfe.

Merkwürdigerweise wird John Romita in den Credits als „Co-Autor“ und Jim Mooney als Zeichner bezeichnet. Laut dem Original ist Romita jedoch wie gewohnt der Penciller und Mooney der Inker. Warum Williams diese Information veränderte, weiß ich nicht. Es kann aber nach meiner Einschätzung sein, daß Romita in dieser Ausgabe Mooney die eine oder andere Zeichnung überließ. Es ist jedenfalls stellenweise eine grafisch ziemlich düstere Ausgabe (siehe auch das Cover), was ich aber – im Gegensatz zu meinem oben erwähnten Freund – schon 1977 recht anziehend fand.
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2018, 15:55   #386  
jakubkurtzberg
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Das dt. Cover wurde von Marlies Gerson nachgezeichnet, vermutlich wg. schlechter oder nicht druckfähiger Vorlage. Später auch in Skandinavien wiederverwertet:
http://komikken.dk/uploads/komikken_...2_1978_001.jpg
jakubkurtzberg ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2018, 16:39   #387  
Peter L. Opmann
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Aha. Mir war nur aufgefallen, daß die Hintergrundfarbe statt tiefblau wie in USA hier dunkelblau bis blauviolett ist. Wirkt etwas horrormäßiger.

Weißt Du, was es mit "Co-Autor John Romita" auf sich hat?
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2018, 17:08   #388  
jakubkurtzberg
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Hmm "Script Writer" (Lee), "Innovator" (Romita), "Illustrator" (Mooney)…

Daran könnte es vielleicht liegen.
https://comics.ha.com/itm/original-c...a/7099-92319.s
jakubkurtzberg ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2018, 17:27   #389  
Peter L. Opmann
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Das klingt ja tatsächlich so, als ob nicht alle Pencils von Romita waren. Warum er sich 1968/69 der Serie aber nicht voll gewidmet hat, läßt sich wohl nicht mehr klären.
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2018, 10:14   #390  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 76

Erscheinungstermin: 1/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 75
2) Journey into Mystery # 120

Story-Titel:
1) Tod ohne Warnung!
2) Mit dem Hammer in der Hand!

Original-Storytitel:
1) Death without Warning!
2) With my Hammer in Hand…!

Zeichnungen:
1) John Romita / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Zur allgemeinen Überraschung zeigt sich nun, daß diese Geschichte eigentlich eine Horrorgeschichte ist. Sie würde auch ohne die Spinne funktionieren. Daß wir jetzt bei der US-Nummer # 75 angekommen sind, bringt mich noch auf einen anderen Gedanken: Die eingeschoben wirkenden Storys mit Quecksilber (Williams # 72) und dem Schocker (Williams # 73) bedeuten womöglich nicht, daß Stan Lee noch überlegte, wie die Geschichte ausgehen soll, sondern sollten vielleicht gewährleisten, daß sie mit der Quasi-Jubiläumsnummer 75 endet. Auf jeden Fall läßt sich feststellen, daß die Verschränkung von verschiedenen Handlungsfäden hier im Vergleich zu früheren Ausgaben einen guten Schritt vorangekommen ist. Zu bemängeln wäre nur, daß der Kingpin, mit dem das Epos startete, am Ende überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Die Spinne sucht nach wie vor nach Silbermähne und seiner Bande. Recht unproblematisch bringt sie zwei kleine Ganoven zum Reden. Im gesuchten Mafia-Hauptquartier ist Silbermähne zu diesem Zeitpunkt schon am Ziel: Er ist mutmaßlich nur noch um die 50 und verfügt wieder über die Durchschlagskraft, die er als Boß braucht. Marko ist noch unsicher, wen er vor sich hat. Caesar Cicero wird von dem lauten Wortwechsel angelockt, erschrickt, schafft es aber, Marko gegen Silbermähne aufzuhetzen. Aber für den ist selbst ein Schrank wie Marko kein Gegner mehr. Und: Silbermähne wird immer noch jünger. In diesem Moment platzt die Spinne herein. Marko will sie nun endlich aufmischen, zieht aber zum zweiten Mal den Kürzeren. Die Spinne steht Silbermähne gegenüber, der fasziniert beobachtet, wie er sich nun dem Jünglingsalter nähert.

Dr. Curt Conners, der die antike Tafel entschlüsselt hat, nutzt sie allgemeine Verwirrung, um zu fliehen. Aber nun kann er die Transformation nicht mehr aufhalten: Er wird zur Echse. Während Caesar versucht, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen, macht sich der etwa 25 Jahre alte Silbermähne daran, die Spinne abzukochen. Sie wehrt den Angriff aber ab, weil er gleich darauf nur noch ein Teenager ist. Darauf stürzt sie sich auf Caesar und seine Leute. Silbermähne beginnt derweil nachzudenken: „Mit jedem Herzschlag… werde ich jünger… aber…- wo wird das enden?“ Während die Spinne die letzten Mafia-Gangster fertigmacht, rennt ein kleines Kind vorbei. Sie folgt ihm und langt schließlich bei einem Kleiderbündel an, aus dem noch ein Wimmern zu vernehmen ist, aber immer leiser. Das ist zugleich das Covermotiv; ich habe es schon ein paarmal als Wandschmuck gesehen.

Es bleiben noch zwei Seiten für die endgültige Überleitung zur Echse: Die Spinne befreit Mrs. Conners und Sohn Billy. Die Echse ringt nicht weit entfernt noch kurz mit sich: Conners versucht, die Kontrolle über sich wiederzugewinnen – vergeblich.

Der große Schwachpunkt dieses Mehrteilers ist für mich das Verschwinden von Kingpin. Hier hat Lee wohl umgesteuert. Kingpin ist ein Bösewicht in vollem Saft; er hätte mit der Verjüngungsformel der Tafel wenig anfangen können. Und Lee wollte ihn gewiß nicht opfern. Silbermähne ist für diese Geschichte die ideale Figur: alt, verbraucht, dringend angewiesen auf einen Jungbrunnen. So clever, wie er präsentiert wird, überrascht es dennoch, daß er die ewige Jugend so vorbehaltlos ergreift, ohne eine Minute nachzudenken. Doch eigentlich ist es ein typisches Märchenmotiv, daß jemand rücksichtslos ein Ziel verfolgt und schließlich für seine maßlose Gier bestraft wird. Immerhin: ein starkes Motiv. Allerdings, wie schon angedeutet: Die Spinne spielt hier gar keine zentrale Rolle. Sie ist eher Beobachterin des Geschehens; die Tafel-Story hätte auch ohne sie in einem von Marvels Horror-Magazinen erscheinen können.

Bemerkenswert, daß es in dieser Ausgabe keine Spur der Peter-Parker-Soap-Welt mehr gibt: keine Gwen, kein Jameson, keine Tante May, kein Harry. Im Siebenteiler kommen sie aber insgesamt ausreichend zu ihrem Recht. Hier bauen sich fortlaufende Storys noch wenig auf; wir sehen einen sich anbahnenden Konflikt zwischen Peter Parker und Flash Thompson; Joe Robertson ist eine interessante Figur, vielleicht im Zusammenwirken mit Captain Stacy. Jedenfalls sind die Zeiten aber vorbei, als solche Figuren einfach nur vorkamen und die erzeugten Probleme beliebig wirkten. Alles in allem beginnt hier eine fortlaufende, in sich verwobene Serienentwicklung – etwas, was es bei DC so nicht gab.

Auf einer redaktionellen Seite beginnt Williams damit, neue und ungewöhnliche Marvel-Serien in USA vorzustellen. Ob man anfangs vorhatte, diesen Titeln in Deutschland den Boden zu bereiten? Die Titel sind sehr unterschiedlich und hätten sich auch sicher unterschiedlich gut für eine deutsche Ausgabe geeignet: „Howard the Duck“ wäre sicher eine sehr interessante Serie gewesen. Jack Kirbys „Eternals“ hätte vielleicht auch funktionieren können. Aber „The Invaders“ und „The Champions“ setzten Kenntnisse der schon weiter entfalteten Marvel-Welt voraus, „Omega the Unknown“ war eine exotische Serie, die auch in USA nicht gut lief.
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Alt 28.10.2018, 13:33   #391  
Marvelianer
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Diese Werbung trieb mich soweit diese und andere Neuheiten der US Comics im Abo zu sammeln, viel davon war aber echter Schrott und ist zurecht nicht auf deutsch erschienen.
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Alt 28.10.2018, 13:44   #392  
Peter L. Opmann
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Als Werbung würde ich das nicht bezeichnen. Das war eine weitgehend sachliche Information.

Mir erschienen diese Serien sehr fremdartig und paßten kaum in die Marvelwelt der 60er Jahre, die ich durch Williams allein kannte. Meine Reaktion war, daß ich meinen Onkel bat, der 1980 eine USA-Reise machte, mir bestimmte Marvel-Comics mitzubringen, dabei war dann aber auch "Howard the Duck".
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Alt 30.10.2018, 16:59   #393  
Peter L. Opmann
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Ich finde immer interessant, was mein Freund, der DC-Fan, anmerkt. Leider möchte er aus irgendwelchen Gründen generell nicht in Foren schreiben, aber ich gebe Euch mal seine letzten Anmerkungen zur Kenntnis:

Zitat:
"Champions" brauchte eigentlich kaum Vorwissen: es war einfach ein Team-Book. Das Team bestand z.T. aus Mutanten , z.T. aus anderen Helden und - kam nicht an.
"Invaders" hätte wegen des historischen Hintergrunds in Deutschland Probleme verursacht. Bei youtube kann man diverse dieser Stories abgefilmt sehen, unter anderem auch den schönen Zyklus mit "Masterman" und "Frau Rätsel" (gerne auch Mam "Ratzel" oder ähnlich falsch geschrieben...), ich glaube, Invaders #16-18.
"Howard" hätte man sich wegen Disney-Ehapa hier nie getraut, zumal die Geschichten auch von ihrer satirischen Aussage her schwierig sind...
Ich denke schon, daß die "Champions" Mitglieder hatten, die man als durchschnittlicher Williams-Leser nicht kannte, und die "Invaders" griffen aufs Golden Age zurück, von dem man ebenfalls nichts wußte. Wie genau da die Nazizeit thematisiert wurde, weiß ich allerdings nicht. Schade, daß man sich an "Howard the Duck" nicht rantraute; der hatte faktisch mit Disney kaum etwas zu tun.

Geändert von Peter L. Opmann (30.10.2018 um 19:06 Uhr)
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Alt 31.10.2018, 06:49   #394  
jakubkurtzberg
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Howard hätte ich mir in Spirit-Aufmachung beim Unterlabel "Nelson" gut vorstellen können. Oder s/w á la MAD.
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Alt 31.10.2018, 21:26   #395  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 77

Erscheinungstermin: 2/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 76
2) Journey into Mystery # 120

Story-Titel:
1) Die Echse lebt!
2) ohne Titel (Mit dem Hammer in der Hand)!

Original-Storytitel:
1) The Lizard lives!
2) With my Hammer in Hand…!

Zeichnungen:
1) John Buscema / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Nach der Tafel-Saga wird nun die Komplexität der Story ein gutes Stück reduziert. Dr. Conners ist wieder zur Echse geworden und will Revanche für die letzte Niederlage gegen die Spinne (in Williams # 46). Der Großteil des Hefts ist dieser Auseinandersetzung gewidmet. Am Ende dieses ersten Teils verkompliziert sich die Sache dadurch, daß die menschliche Fackel in den Kampf eingreift. So könnte man die Handlung schon beinahe zusammenfassen. Aber die Echse ist diesmal etwas anders angelegt als bei ihren früheren Auftritten.

Zwar will dieser monsterartige Bösewicht wie schon zuvor auf lange Sicht eine Weltherrschaft der Reptilien herbeiführen, aber alles in allem ist die Echse nun animalischer und auch brutaler angelegt als früher. In # 45 und 46 plante sie noch Verbrechen und führte sie teilweise auch durch. Jetzt ist sie tatsächlich ein Amok laufendes Monster. Zudem arbeiten Stan Lee und John Buscema stärker heraus, daß die Spinne ihrerseits gehemmt ist, sich mit aller Kraft zu wehren, weil sich unter den Echsenschuppen eben der Wissenschaftler Dr. Curt Conners verbirgt, mit dem sie befreundet ist und der auch eine Familie hat. Er muß also unschädlich gemacht werden, ohne dabei in irgendeiner Weise Schaden zu nehmen.

Hauptsächlich halte ich es aber Buscema zugute, daß diese Konfrontation mitreißt. Sicher haben wir es nicht mit einer seiner besten Arbeiten zu tun. Aber er gibt der Echse ihre Gefährlichkeit, läßt sie in höherem Maß echsenartig wirken als vorher, zeigt ihre Kraft, von der gesagt wird, daß sie derjenigen der Spinne ebenbürtig ist (was freilich vorher selbst für Mopedrocker wie Marko galt). Buscema arbeitet gern mit vier hochformatigen Panels pro Seite, kann aber mit den größeren Bildern grafisch auch etwas anfangen. Auch Blicke in die Straßenschluchten oder an Wolkenkratzern entlang nach oben gelingen ihm sehr gut (wie auf dem Cover zu sehen). Eines nur enttäuscht mich heute: Die Echse hat keine Zähne, nicht mal eine herausschießende Zunge, wie man das bei dieser Spezies erwarten würde. Erinnert mich an den Skorpion, dem sein Stachel fehlte. So viel Detailtreue war den Lesern wohl doch nicht zuzumuten.

Ich weiß noch, daß mich beim ersten Lesen das Auftauchen der Fackel irritiert hat. Ich wußte nicht, daß sie mehr als ein Gaststar, sondern in der Ditko-Zeit beinahe Teil der Spinnen-Welt war. Spinne und Fackel waren zwei Teenager im Superheldenkostüm, die ihre pubertären Konflikte austrugen. Hier ist die Fackel zunächst einfach ein weiterer Player, der „schicksalhaft“ (so Stan Lee) eingreift. Das Problem, die Echse auszuschalten, ohne ihr ein Leid anzutun, verschärft sich also damit.

Auf drei Seiten wird zwischendurch die Soap-Welt von Peter Parker auf den neuesten Stand gebracht. Gwen fühlt nun, daß Peter etwas vor ihr geheimhält, und sieht das als schwere Belastung ihrer Liebe. Joe Robertson und Captain Stacy treffen sich, um dem Geheimnis von der anderen Seite her auf die Pelle zu rücken. Sie wollen Peter dafür gewinnen, ihnen zu helfen, die Identität der Spinne zu lüften.

Detail am Rande: Die Redaktion gibt in ihrem wieder sehr kurzen Editorial bekannt, daß sich die Arbeit im Marvelhaus wieder normalisiere. Gemeint ist: Nach der abrupten Verkleinerung des Programms. Leider verrät sie nicht, was zuletzt nicht normal lief. Womöglich mußte aber einfach geklärt werden, wer in der Redaktion nun welchen Job macht und wer vor die Tür gesetzt wird. Allerdings ist von außen her nichts Ungewöhnliches zu sehen: Hartmut Huff ist immer noch Übersetzer und Kirsten Isele Redakteurin der „Spinne“. Wer lettert, wird nach wie vor nicht mitgeteilt.
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Alt 02.11.2018, 07:30   #396  
Marvel Boy
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Zitat:
Zitat von jakubkurtzberg Beitrag anzeigen
Howard hätte ich mir in Spirit-Aufmachung beim Unterlabel "Nelson" gut vorstellen können. Oder s/w á la MAD.
Na ja, Spirit ist ja nun auch nicht weit gekommen und die Aufmachung mit einer Ente im Disney gewohnten Deutschland währe da mit Sicherheit genauso verendet.
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Alt 02.11.2018, 09:23   #397  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 78

Erscheinungstermin: 2/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 77
2) Journey into Mystery # 121

Story-Titel:
1) Im Kampfgetümmel!
2) Die Kraft! Der Zorn! Der Stolz!

Original-Storytitel:
1)In the Blaze of Battle!
2) The Power! The Passion! The Pride!

Zeichnungen:
1) John Buscema / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



„Echse! Fackel! Flammen! Kampf!“ Besser als Hartmut Hoff auf dem Cover kann man den Inhalt dieses Hefts eigentlich nicht zusammenfassen. Für mich als Zwölfjährigen genügten diese Storybestandteile auch voll und ganz. Aus heutiger Sicht finde ich diese Story relativ dünn. Aber sie ist, wie schon der erste Teil dieses Zweiteilers, von John Buscema atemberaubend in Szene gesetzt. (Irgendwie soll laut Credits auch John Romita an dem Werk beteiligt gewesen sein.)

Die Fackel schlägt die Echse in die Flucht, wird aber gleich darauf von der Spinne an weiteren Aktionen gehindert. Auf der Flucht stürzt die Echse sogar von einem Hochhaussims, wird aber von der Spinne, beinahe wie später Gwen Stacy, gerettet. Sie will nun in die Nähe von Wasser, an den Hafen, wo sie Spinne und Fackel zu besiegen hofft. (Ähnlich wie der Sub-Mariner ist sie angeblich im Wasser stärker.) Dort angekommen, richtet sie erstmal auf einem Schiff Chaos an, während sich Spinne und Fackel weiter herumstreiten. Schließlich taucht die Fackel am Schauplatz des Geschehens auf. Die Echse versucht, ins Wasser zu entkommen, aber die Fackel setzt sie noch unter Wasser mit einem Flammenstoß außer Gefecht. Die Spinne versucht, sie zu retten, wird aber von ihr in die Tiefe gezogen. Sie befreit sich und bringt die Echse an die Wasseroberfläche.

Endlich gelingt es der Spinne, die Fackel loszuwerden, indem sie vorgibt, sie habe unter Wasser einen Alarmruf der Fantastischen Vier gehört. (Was genau betrachtet überhaupt keinen Sinn ergibt.) Die Spinne hat nun eine Idee, wie sie die bewußtlose Echse unschädlich machen kann, und schleppt sie zu einer Chemiefabrik. Dr. Conners‘ Sohn Billy (der hier mitunter auch Bobby genannt wird) ist zum Kampfplatz gekommen, um seinem Vater irgendwie zu helfen. Die Echse stürzt sich auf den Jungen, bringt es aber wegen verschwommener Erinnerungen nicht fertig, ihn zu töten. Nun nähert sich die Spinne und kippt über der Echse ein Faß Kalziumchlorid aus, ein Trocknungsmittel. Die abenteuerliche Hypothese: Indem der Echse so Flüssigkeit entzogen wird, wird die Rückverwandlung in Dr. Conners ausgelöst – was in der Gedankenwelt von Stan Lee einwandfrei funktioniert. Happy End! Die Spinne verabschiedet sich mit den Worten: „Verknotet eure Netze nicht!“ Was im Original der berühmte Spruch „Keep your Webs tangled!“ sein könnte.

Wer sagt, daß eine simple Story nicht wirkungsvoll sein kann? So wirkungsvoll, daß man sich nicht einmal an wirren Erklärungen stört. Heute kann ich die Echsen-Story aber leider nicht mehr ganz so unbefangen lesen. In diesem Heft gibt es wieder mal eine Leserbriefseite. Es werden die Reaktion auf die Einstellung von Hulk, Dracula, Frankenstein, Der Eiserne, Dr. Strange und Grüne Laterne zusammengefaßt abgedruckt. Manche Leser reagieren mit Trauer, andere sogar mit Wut (drohen Kaufboykott und sogar einen Sprengstoffanschlag an). Einer schlägt etwas vor, was an Condors „Marvel Comic Stars“ erinnert: ein Magazin, in dem auch neue Serien vorgestellt werden sollten. Wäre vielleicht einen Versuch wert gewesen.
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Alt 02.11.2018, 21:27   #398  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 79

Erscheinungstermin: 3/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 78
2) Journey into Mystery # 121

Story-Titel:
1) Die Nacht des Strolchs!
2) ohne Titel (Die Kraft! Der Zorn! Der Stolz!)

Original-Storytitel:
1) The Night oft he Prowler!
2) The Power! The Passion! The Pride!

Zeichnungen:
1) John Buscema / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Was mir mit zwölf jedenfalls nicht aufgefallen ist: Die „Spinne“-Ausgaben sind in letzter Zeit sehr unterschiedlich. Es geht mir nicht um Niveauschwankungen, aber es wird immer wieder etwas anderes ausprobiert: erst die doch recht verwickelte, zudem auf sieben Folgen gestreckte Tafel-Story, dann die simpel gestrickte Begegnung mit der Echse, und jetzt kommt ein quasi sozialkritischer Superschurke namens Strolch, sicher nicht zufällig ein Schwarzer. Es hat meines Erachtens nichts damit zu tun, daß an einer endlosen Fortsetzung gearbeitet wird, bei der jede Folge etwas mit der vorhergehenden zu tun hat. Vielmehr gibt es anscheinend nicht das etablierte Rezept für „Spinne“-Storys, was ich aber eigentlich gut finde. Es glückt nicht alles, was Stan Lee und seine Zeichner versuchen, aber die Serie wirkt lebendig (wenn auch der Comics Code noch in Kraft war und sie nicht alles tun durften, was sie vielleicht gern mal ausprobiert hätten).

Zunächst wird unserem Helden nun doch eine kleine Verschnaufpause gegönnt. Es kommt nicht gleich der nächste Spinne-Gegner um die Ecke, sondern sie kommt auf die Idee, Gwen anzurufen, um ein paar Beziehungsfragen zu klären. Schön altmodisch: Die Spinne betritt eine Telefonzelle, angelt sich eine Münze aus dem Abflußschacht und schlägt einen Raufbold in die Flucht, der ebenfalls telefonieren möchte. Gwen ist zwar zu Hause, wimmelt Peter aber ab, weil sie mit Flash Thompson verabredet ist (was sie ihm aber nicht sagt). Die Spinne seilt nach Hause, kann aber nicht ins Apartment, weil Harry dort – endlos lange – telefoniert. Dann will sich Peter an seine Bücher setzen, muß aber dauernd an Gwen denken. Um sich abzulenken, geht er spazieren – und sieht Gwen und Flash in einem Lokal. Könnte er die beiden hören, wüßte er jedoch, daß Gwen nur zu klären versucht, warum Peter bei Gefahr immer verschwindet.

Peter ist dagegen überzeugt, daß sie ihn betrügt. Völlig in Gedanken versunken läuft er schon wieder zwei Schlägern in die Arme, die er aber einfach beiseitefegt. Er erkennt, daß er sich damit womöglich als Spinne enttarnt hat, und läuft weg. Dabei sieht er kurz an einer Hochhausfassade einen Fensterputzer und denkt sich: Na, der hat keine Sorgen! Aber weit gefehlt. Hobie Brown, so heißt der junge Schwarze, fühlt sich eigentlich als Erfinder, schafft aber den Aufstieg nicht. Sein Chef interessiert sich nicht für seine verbesserten Arbeitsgeräte, nur für ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Und dann nimmt Jonah Jameson Hobie auch noch zum Anlaß, sich über die angeblich schlechten Leistungen der Reinigungsfirma zu beschweren. Als sein Chef darauf Hobie feuern will, ergreift Jameson eigenartigerweise für ihn Partei. Aber Hobie hat genug. Er geht nach Hause und arbeitet seine Erfindungen so um, daß er mit ihnen zu einer Art Super-Einbrecher werden kann, zum Strolch. Allerdings hat er vor, später seine Beute zurückzugeben und dafür Ruhm zu ernten.

Die nötige Publicity will sich der Strolch verschaffen, indem er beim Daily Bugle einbricht. Hier wiederholt sich gerade die Ausbeutungs-Szene: Jameson lehnt einen Vorschuß für Peter Parker ab. Als Peter das Büro verläßt, steht er dem Strolch gegenüber, der soeben den Bugle-Safe geplündert und einen Wachmann niedergeschlagen hat. Aber Peter ist nicht im Spinnenkostüm. Er will trotzdem den Kampf aufnehmen, aber da kommt Jameson herein – Peter kann nicht kämpfen, ohne sich zu verraten.

Der Cliffhanger ist nicht übel konstruiert. Am spannendsten ist es immer, wenn die Geheimidentität von Peter Parker aufgedeckt zu werden droht. Reichlich dick aufgetragen und unglaubwürdig wirkt dagegen der soziale Touch der Story. Im Grunde ähnelt sie sehr der letzten Ditko-Ausgabe mit dem gescheiterten Boxer Joe, der eher wider Willen zum Bösewicht wird. Dabei fällt mir auf: Ditko wollte ja mehr Alltagsmenschen, mehr Alltagswirklichkeit in der Serie, zerstritt sich darüber aber mit Lee so heillos, daß er die Arbeit an der „Spinne“ einstellte, möglicherweise sogar gehen mußte. Jetzt kommt sein Konzept zurück. Schon im Tafel-Epos hatte es die Spinne mit Gangstern und keinem Superschurken zu tun. Auch Hobie ist ein nahe an der Wirklichkeit angesiedelter Bösewicht, der keine Superkräfte hat. Ich denke aber nicht, daß Ditko mit seinem Konzept letztlich doch recht behalten hat. Lee bezieht es auf der Suche nach der optimalen „Spinne“-Formel nur mit ein.

Die Figur des Strolchs ist allerdings ziemlich unglücklich und ungeschickt angelegt. Im Kern ist er ein Benachteiligter, der dadurch auf die schiefe Bahn gerät. Es wird recht unverblümt gezeigt, daß Schwarzen Erfolg verwehrt wird, weil sie schwarz sind. Möglicherweise die Realität 1969 in USA. Lee wollte aber nicht schwarze Verbrecherlaufbahnen rechtfertigen. Das hätte man auch so lesen können, daß Schwarze immer als Kriminelle enden. Also will Hobie hier nur einen Schurken spielen. Das ist aber Kokolores. Strolch räumt Tresore aus – Hobie bringt das Geld zurück und wird dafür belobigt: Hätte das klappen können (wenn die Spinne nicht eingegriffen hätte)? Dieses Denken scheint mir ziemlich gestört. Man muß aber wieder sagen: John Buscema setzt die Geschichte so dramatisch in Szene, daß einem jüngeren Leser die Unstimmigkeiten nicht auffallen. Übrigens: Den Strolch hat laut Credits John Romita entwickelt – er ist aber nicht zu einem der großen, unvergeßlichen Marvel-Schurken geworden. Und: Romita-Signaturen an den Coverbildern sieht man jetzt häufiger.

Geändert von Peter L. Opmann (03.11.2018 um 09:03 Uhr)
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Alt 03.11.2018, 20:25   #399  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 80

Erscheinungstermin: 3/1977

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 79
2) Journey into Mystery # 122

Story-Titel:
1) …und strolcht nie mehr!
2) Wo Sterbliche vor Furcht zittern!

Original-Storytitel:
1) To prowl no more!
2) Where Mortals fear to tread!

Zeichnungen:
1) John Buscema / Jim Mooney
2) Jack Kirby / Vince Colletta

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee



Der zweite Teil der Strolch-Story gefällt mir deutlich besser als der erste, wenngleich manches daran kurios erscheint. Die Auflösung des Cliffhangers kommt mir vor wie eine Erzählung von Baron Münchhausen. Da Peter Parker beim Kampf mit dem Strolch von Jonah Jameson überrascht wird, läßt er sich so ungefähr im zehnten Stock aus dem Fenster fallen. Kein Netz kann den Sturz in die Tiefe verhindern, aber seine akrobatischen Fähigkeiten helfen ihm. Er bremst, indem er immer wieder Hände und Füße gegen die Wand schlägt und kann schließlich einfach auf seinen Füßen landen. Physikalisch wohl ebenso möglich, wie sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Einschub: Die US-Redaktion teilt auf der Splashpage mit, es sei eigentlich ein Strolch-Dreiteiler geplant gewesen, aber da sich die Leser dagegen ausgesprochen hätten, habe man sich mit zwei Teilen begnügt. Vielleicht eine Spätfolge der Tafel-Story, die manchem eventuell zu unübersichtlich war. Deutsche Leser hatten mutmaßlich eher keine Meinung zu Fortsetzungsstorys. Auf jeden Fall mußte man aber am Ball bleiben, da man sonst die neuesten Entwicklungen in Bezug auf Gwen, Harry, Flash, Jameson, Tante May oder Mary-Jane (die allerdings schon länger nicht mehr aufgetaucht ist) nicht mitbekam.

Der Strolch erschrickt über Peters Sturz und wird von Jameson sofort des Mordes beschuldigt. Er flieht. Peter hat sich aber inzwischen in die Spinne verwandelt und nimmt ihn draußen in Empfang. Der Strolch weiß sich aber zu wehren und setzt seinem Gegner so sehr zu, daß die Spinne schließlich benommen zurückbleibt, während der Strolch sich endgültig davonmacht. Peter Parker läßt sich nochmal beim Daily Bugle blicken und schwindelt Jameson vor, die Spinne habe ihn aufgefangen. JJJ ist freilich verärgert darüber, daß er wieder mal keine Fotos gemacht hat. Peter wankt nach Hause und wälzt vielerlei Sorgen.

Auch Hobie Brown überdenkt die letzten Erlebnisse. Er kommt zu dem Schluß, daß er aus dieser Geschichte nur noch gut herauskommen kann, wenn er die Spinne zur Strecke bringt und doch noch zum Held wird. Auf dem Weg zur Uni trifft Peter Gwen. Sie möchte wissen, was mit ihm los ist. Er läßt durchblicken, daß er von ihrer Beziehung zu Flash weiß, und läßt sie stehen. Tief deprimiert erfährt er am Abend aus dem Fernsehen, daß der Strolch wieder raubend in der Stadt unterwegs ist (was nicht seinen Plänen entspricht), und er versucht, sich auf andere Gedanken zu bringen, indem er zur Spinne wird und ihn fängt. Diesmal will er auch seine Kamera schußbereit haben.

Erneut durchkämmt die Spinne die ganze Stadt - nun auf der Suche nach dem Strolch. Es bleiben noch etwa zwei Seiten für den entscheidenden Fight. Diesmal läßt die Spinne ihrem Gegner keine Chance, fängt ihn und verklebt seine Waffen mit ihrem Netz. Dann demaskiert sie den Strolch und erkennt, daß er ein junger Bursche ist. Sie macht ihm klar, daß er sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen und noch problemlos in ein normales Leben zurückkehren kann. Sie selbst, fügt sie mit reichlich blumigen Worten hinzu, kann das nicht mehr: „Wir beide reiten auf einer Rakete ins Nichts… nur daß du Glück hattest, …weil du ausgestiegen bist.“

Dieser doch eigentlich recht sinnfreie Spruch ist durchaus geeignet, einen jüngeren Leser zu beeindrucken. Aber die Story ist nicht reines Blendwerk. Den Umgang der Spinne mit dem Strolch finde ich recht überlegt, den Schluß angemessen. Es wäre weder befriedigend gewesen, wäre der Strolch lediglich besiegt worden und hätte Rache geschworen, noch, wenn die Spinne ihn ins Gefängnis gebracht hätte – beides ein Standard-Schluß für Superheldengeschichten. Nicht überzeugend finde ich nach wie vor, wie der Strolch überhaupt entsteht. Natürlich muß es in einem Superheldencomic Supergegner geben, sonst sehe ich aber keine Motivation, daß Hobie zum Strolch wird. Und sein Plan, Geld zu rauben und anschließend den Raub wiedergutzumachen, bleibt hirnrissig. Möglicherweise war der Punisher, einige Jahre später, der erste halbwegs realistische Bösewicht, jedenfalls in der Marvel-Welt.

Ebenfalls verständnislos stehe ich der Infoseite über US-Kriegscomics, speziell die Serie „Blue Tracer“ gegenüber. Soweit ich jetzt gegogelt habe, war das ein Kriegscomic von vielen, entwickelt im Verlag Quality Comics, der dann später in DC aufging. Man kann eine gewisse Verbindung zur Serie „Die schwarzen Falken“ herstellen, die beim bsv gelaufen war. Aber mit Marvel hat das alles nichts zu tun. Dabei hatte auch dieser Verlag im Zweiten Weltkrieg etliche Kriegscomics am Start. Aber vielleicht wollte die Williams-Redaktion bei diesem heiklen Thema auch gerade Verbindungen zu Marvel möglichst vermeiden. Hatte es zuvor schon Informationen über Kriegscomics gegeben, wie hier behauptet wird? Da fällt mir höchstens „Der Fall Der Rote Wächter“ ein, eine jedoch ziemlich anders gelagerte Sache.
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Alt 05.11.2018, 20:09   #400  
Peter L. Opmann
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Noch 'ne Anmerkung:

Zitat:
Zum "Blue Tracer": das wirkt für uns heute so ähnlich wie alte John Wayne-Kriegsfilme. Ich sehe durchaus gerne, wenn die Nazis was auf die Nase bekommen, aber diese Sachen wirken einfach naiv und irgendwie auch zu kindlich. Ich glaube, ich habe schon mal die "Captain Marvel Jr."- Episode erwähnt, in der sich Captain Nazi in Amerika als Eisverkäufer tarnt, um US-Kinder zu schädigen. Klar, dazu verwendet man den einzigen Top-Agenten mit Superkräften. Das hat was von Bugs Bunny...
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