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Alt 22.08.2017, 18:43   #76  
Peter L. Opmann
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Gerade habe ich das SZ-Magazin vom 18. August nachgelesen.

Axel Hacke beschäftigt sich in seiner Kolumne "Das Beste aus aller Welt" mit dem Problem, daß die Uffizien in Florenz immer so überfüllt sind, wobei es den meisten Besuchern nur darum geht, ein Selfie vor Botticellis "Geburt der Venus" zu machen.

Um das Problem zu lösen, schlägt er vor, daß jeder Besucher künftig zu Beginn eine Prüfung ablegen muß, ob er sich mit der Renaissance überhaupt auskennt. Besteht er nicht, darf er nicht rein.

Alternativ könne es auch Prämien geben, wenn Leute freiwillig darauf verzichten, die Uffizien zu besichtigen. Sie könnten dann das Postkartenset "Große Maler der Renaissance" erhalten oder anderthalb Pizza-Gutscheine für ein beliebiges "da Bruno".

Ja, Kunst ist leider nicht mehr elitär genug.
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Alt 22.08.2017, 20:00   #77  
Servalan
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Bei überlaufenen Museen und Mega-Ausstellungen, bei denen du dich am besten einen oder zwei Tage vorher anstellt, wirst du auch wie am Fließband durchgeschleust. Da frage ich mich schon, was von dem meist sauteuren Besuch übrigbleibt außer: "Seht mal alle her! Ich bin dabei gewesen! Ja, ich bin drin gewesen!" Bis zum Selfie ist es nur ein kurzer Schritt ...

Schon bei den Einführungsseminaren habe ich das Bilderzapping gehaßt: 120 Werke in 90 Minuten, mehr als ein oberflächlicher Hinweis wird das nicht. Außerdem geht bei der mehrfachen Reproduktion etliches verloren, übrig bleibt das Bildmotiv, eine Portkarte von Meisterwerken.
Wer schon von zuhause einen eigenen Zugang zu Kunst und Ästhetik mitbringt, ist im Vorteil - und der läßt sich durch Büffeln nicht wettmachen.
Exkursionen helfen auch nur bedingt, denn die laufen ebenfalls nach dem bewährten Nürnberger-Trichter-Prinzip.

Worüber ich mich gefreut habe, war eine Zwangspause im Museum Louisiana bei Kopenhagen. Irgendwie saßen wir an dem Vormittag zwischen Baum und Borke, weswegen wir eine Stunde in einem Saal ausharren mußten.
Dank guter Beziehungen unseres Professors waren wir schon Stunden vor dem regulären Einlaß im Museum und hatten unseren Pflichtrundgang recht früh beendet. Zuerst fand ich das Warten nervig.
Aber je länger wir auf unserer Position standen, desto besser gefiel sie mir. Durch diesen Umstand konnte ich nämlich ein kreisrundes Gemälde von Claude Monet aus den "Seerosenteichen von Giverny" fast eine Stunde seelenruhig betrachten. Ich konnte mich in Pinselstrich und Farbauftrag versenken. Je länger ich hinsah, umso mehr entdeckte ich, das bei einer gerasterten Reproduktion verlorenen gegangen wäre.
Der uferlose, grünviolette Teich war zugleich ein abstraktes Muster (wie eine Tapete) und ein plastisch konkretes Abbild der opaken Oberfläche. Ein gemaltes Koan, das zum Meditieren einlud. Ich konnte verstehen, warum Leute Millionen für Kunstwerke ausgeben oder Verbrechen begehen.

Ich empfand dieses Erlebnis als Geschenk, das mir mehr wert war (und ist) als sämtliche Proseminare zur Einführung in die Kunstgeschichte. Genügend Zeit und ein freier Blick werden meines Erachtens nicht ausreichend gewürdigt.
Wer will, kann sich das selbst gönnen - unabhängig vom Portemonnaie und vom Bildungsstand. Dazu gehört bloß Mut.
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Alt 22.08.2017, 22:23   #78  
Peter L. Opmann
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Vielleicht sollte ich erwähnen, daß Axel Hacke Satiriker ist.

Was Du über Monets Seerosen erzählst, habe ich auch schon in Comicausstellungen erlebt. Letztes Jahr waren in der Frankfurter Schirn frühe Zeitungscomics ausgestellt, zum großen Teil Originalzeichnungen. Der präzise, elegante Strich kam da vielleicht noch besser zur Geltung als im verkleinerten Druck.
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Alt 23.08.2017, 09:38   #79  
eck@rt
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Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Ich empfand dieses Erlebnis als Geschenk, das mir mehr wert war (und ist) als sämtliche Proseminare zur Einführung in die Kunstgeschichte. Genügend Zeit und ein freier Blick werden meines Erachtens nicht ausreichend gewürdigt.
Wir haben für alles zuwenig Zeit. Ich bewundere immer wieder die Leute, die den ganzen Tag auf ihr Smartphone starren und das ganze echte Leben verpassen. Man muss nicht alles wissen, wenn man eins nicht weiß.

Mark Rothko und seine Gang wollten Anfang der 50er Kunst und Meditation verbinden. Ich hab mal einen Vortrag über Rothko gehalten und die ganze Zeit nur ein Bild gezeigt. Wenn da zum Schluss nicht alle high waren! Vor einem Pollock-Original klappt das auch gut. Ganz nah rangehen und alles übrige ausblenden (zum Beispiel diejenigen, die dich angiften, weil du das Bild verstellst).

Man kriegt dasselbe auch, wenn man auf einen Punkt in der Luft guckt. Aber dann ist es keine Kunst, sondern Meditationstechnik.

eckrt

Geändert von eck@rt (23.08.2017 um 11:43 Uhr)
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Alt 23.08.2017, 10:51   #80  
Peter L. Opmann
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Sehen ist etwas Individuelles. Kann sein, daß jemand mit geschultem Blick nur ein paar Sekunden braucht, um auf Monets Seerosenbildern alles Wesentliche zu erfassen. Mir würde es da eher wie Servalan gehen. Das hat mit Meditation nichts zu tun.

Etwas anderes ist das Sehen beim Medium Film. Da wird mir von außen vorgegeben, wie lange Zeit ich habe, um ein Bild zu betrachten. Und diese Zeit wird ja tendenziell immer kürzer. Auch hier kann man vielleicht Sehgewohnheiten annehmen, die es erlauben, auch amerikanische Actionfilme richtig zu verfolgen. Die Regisseure wollen aber wahrscheinlich, daß ich vieles gar nicht richtig sehe (letztlich ist das Hitchcocks Dusche-Schnittechnik). Blöderweise wird man dadurch aber so erzogen, daß man nirgendwo mehr richtig hinguckt.
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Alt 25.08.2017, 07:29   #81  
G.Nem.
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Zitat:
Zitat von eck@rt Beitrag anzeigen
(...)Vor einem Pollock-Original klappt das auch gut. Ganz nah rangehen und alles übrige ausblenden (...)
Dazu muss man sich aber nicht zwingend vor einen Pollock stellen.
Es genügt, sich auf irgend ein Detail zu konzentrieren was man direkt in seinem Umfeld hat. Auch eine weiße Wand.
An Pollock fasziniert mich das Aggressive. Er war der erste Bilder-Zerstörer, quasi die eingefasste / gerahmte Zerstörungswut. Sinnbilder seiner / unserer Zeit.
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Alt 25.08.2017, 10:51   #82  
Servalan
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Marcus du Sautoy würde euch vehement widersprechen.
Die Klecksereien von Jackson Pollock sind unwahrscheinlich schwer zu fälschen, und wer es dennoch versucht, wird ratzfatz ertappt. Der populäre Mathematiker hat das mit dem Dripping selbst probiert und kam zu dem Schluß, daß Pollocks Gemälde diese Qualität nur haben, weil Pollock ein Alkoholiker gewesen ist. Im Vollrausch ändert sich die Motorik, und die Kontrolle läuft ins Leere.

Du Sautoy nennt das Phänomen "die geheimen Mathematiker".
Bei Pollock - und wohl auch bei Monets "Seerosenteich" - lassen sich zwar einzelne Farbebenen unterscheiden, aber die sind allesamt selbstähnlich, obwohl sich weder ein Anfang noch ein Ende finden lassen. Quasi ein in Farbe übersetztes Moebiusband. Vergleichbar wäre Moebius' Kurzgeschichte von ewig fallenden Mann oder Osamu Tezukas Anime-Loop über einen Ball, der einmal um den Globus hüpft.
Das ist was völlig anderes als der optische Selbstbetrug, der automatisch einsetzt, wenn jemand auf einen Punkt starrt.

Wie der Goldene Schnitt lassen sich diese Phänomene klar und verständlich beschreiben.
Die Faszination entsteht wahrscheinlich durch eine Kombination, die wohl die meisten als absurd empfinden: Einerseits besitzen die Gemälde (oder andere künstlerische Werke) eine natürliche oder traumhafte Qualität, andererseits verfügen sie über eine komplexe, nahezu manische Struktur.
Das Apfelmännchen entsteht ja auch, indem das Ergebnis als neue Variable in dieselbe Gleichung eingesetzt wird. Fraktale Muster entziehen sich weitgehend der Kontrolle, denn schon kleinste Abeweichungen führen zu komplett anderen Ergebnissen.
Manchmal wird so etwas zu einer Mode: Plakate von Salvador Dalì oder M.C. Escher oder der Erfolg des "Magischen Auges" ...
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Alt 25.08.2017, 11:48   #83  
G.Nem.
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Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Marcus du Sautoy würde euch vehement widersprechen.
Die Klecksereien von Jackson Pollock sind unwahrscheinlich schwer zu fälschen (...)
Wir haben doch gar nix über Fälschung geschrieben, sondern über Meditation.
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Alt 25.08.2017, 12:08   #84  
Servalan
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eck@rt hat explizit auf Originale von Jackson Pollock verwiesen.
Die Fälschungen habe ich als Kontrastfolie benutzt. Denn die scheitern auf ganzer Linie und sind entweder langweilig oder verursachen Kopfschmerzen.

Hinzu kommt, daß Pollock und Monets "Seerosenteich" eigentlich häßliche Motive in dreckigen Farben zeigen. Die müßten das Gegenteil von schön sein.

Der Vorspann von Twin Peaks greift Monet auf: Die Sequenz, in der der Cast vorgestellt wird, zeigt einen uferlosen trüben Fluß, der träge dahinströmt. Es gibt Episoden mit mehr oder weniger Gaststars, also variiert die Länge dieser Einstellung.
Wenn mich nicht alles täuscht, ändert sich der Vorspann bei jeder Episode fast unmerklich. Als ob der jedes Mal aufs Neue aus einem gemeinsamen Pool neu geschnitten worden ist - also ein selbstähnlicher Vorspann.
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Alt 25.08.2017, 14:45   #85  
G.Nem.
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Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
eck@rt hat explizit auf Originale von Jackson Pollock verwiesen.
Ja, hat er und ich hab's auch noch mal aufgegriffen – es ging da um Meditation.

Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Die Fälschungen habe ich als Kontrastfolie benutzt.
Als Kontrast zu was? Als Kontrast zum Punkt Meditation?

Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Denn die scheitern auf ganzer Linie und sind entweder langweilig oder verursachen Kopfschmerzen.
Ist das so? Bekommt man von Pollock-Fälschungen Kopfschmerzen?
Ich hab noch nie etwas von Pollock-Fälschungen gehört oder gesehen.

Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Hinzu kommt, daß Pollock und Monets "Seerosenteich" eigentlich häßliche Motive in dreckigen Farben zeigen. Die müßten das Gegenteil von schön sein.
Also Monets "Seerosenteich" ist kein häßliches Motiv. Das er dafür erdige oder dreckige Farben verwendet bringt es der Natur näher. Farbpigmente sind aus Erden.

Zitat:
Zitat von Servalan Beitrag anzeigen
Der Vorspann von Twin Peaks greift Monet auf: Die Sequenz, in der der Cast vorgestellt wird, zeigt einen uferlosen trüben Fluß, (...)
Von Pollock über Monet zu Twin Peaks in einem Pinselstrich.
Wie ich immer sage – alles hängt mit allem zusammen!
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Alt 25.08.2017, 14:56   #86  
Servalan
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Marcus du Sautoy hat selbst megrfach versucht, Pollock zu imitieren.
Einige seiner Vorträge findest du online, und in die flicht er seine Pseudo-Pollocks ein.
Meine Wahrnehmung sucht darin Punkte, an denen ich mich orientieren kann, und stolpert dabei von einer Achse zur nächsten. Muß wohl wie die Pareidolie ablaufen. Aber in den Imitaten finde ich keinen Haltepunkt ... Wenn diese Achsen das gesamte Blickfeld füllen, gerätst du ins Taumeln und Torkeln. Zum Verweilen lädt das nicht ein, eher zum Weglaufen.

Geändert von Servalan (20.12.2017 um 18:47 Uhr)
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Alt 25.08.2017, 16:28   #87  
G.Nem.
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Das Geheimnis ist ganz einfach –
Pollock hat nicht nur einfach gekleckst, er hat eigentlich Muster komponiert.
Diese Muster kannst du in seinen Bildern finden ( = meditativer Aspekt) und sie ergeben dann deinen gefühlten Halt beim betrachten eines Pollock ( = du kriegst keine Kopfschmerzen).
Es ergeben sich Bezüge zur japanischen, chinesischen Schrift, zu deren Tusche-Malerei eben in Abstraktion.

Deshalb ist Pollock Kunst und nicht einfach nur eine vollgekleckste Malermatte.
Vollgekleckste Malermatten kann jeder.

Wenn du also unbedingt einen Pollock imitieren willst, musst du dich mit seinen Mustern ergo seiner Handschrift auseinandersetzen. Wir haben das steinerzeit im Kunstunterricht mal "nachgespielt". Ging ganz gut, aber es fehlte die Unruhe, das aggressive Element die alle Pollocks haben.

Den Marcus du Sautoy kenne ich nicht und muss ihn mir auch nicht anschauen (denk ich mir jetzt einfach mal so).
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Alt 25.08.2017, 20:09   #88  
Servalan
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Diese Muster lassen sich mathematisch erfassen.
Marcus du Sautoy schätze ich, weil er sich allgemein verständlich ausdrücken kann. Primzahlen, die Fibonacci-Reihe oder transzendete / irrationale Zahlen wie die Kreiszahl π und die Eulersche Zahl e können ähnlich faszinierend sein.

Auf den Konferenzen des Chaos Computer Clubs Ende des Jahres bringt Joscha Bauer immer mal wieder interessante Vorträge. Und der vertritt die These, daß Kunst (und auch die Schöne Literatur) komplexe Symbolsprachen sind wie die Mathematik.
Viele haben mit seinem Ansatz ein fürchterliches Problem. Es gibt ja etliche Literaten und Künstler, die sich damit brüsten, im Schulfach Mathe miserabel gewesen zu sein und mit dem Kram so überhaupt nichts anfangen können.
Dabei haben Mathe in der Schule und die höhere Mathematik bloß etwas miteinander zu tun, wenn um das Führen von Beweisen geht. Das läuft in der Regel erst in den höheren Klassen, wenn es zum Beispiel darum geht, vom Multiplizieren auf den Satz des Pyhagoras oder die Binomischen Formeln zu kommen.

Figurative Maler müssen die Mathematik des perspektivischen Sehens meistern, sonst liefern sie nur Pfusch ab.
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Alt 26.08.2017, 15:13   #89  
eck@rt
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Ich hab gestern in Berlin die Performance "Von Monet bis Kandinski" gesehen:
http://visions-alive.com/
Hier ist eine Vorbesprechung von der Originalvorstellung in Moskau:
http://www.tagesschau.de/videoblog/u...oskau-101.html

Eine einstündige Videoshow mit Werken von Claude Monet, Edgar Degas, Paul Gauguin, Henri Rousseau, Henri de Toulouse-Lautrec, Gustav Klimt, Paul Signac, Piet Mondrian, Amedeo Modigliani, Vincent van Gogh, Pierre-Auguste Renoir, Juan Gris, Paul Klee, Edvard Munch, Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch, dazu passende Musik, dargeboten in zwei Räumen (einmal groß, einmal klein), der größere mit vier Wandflächen von ca. 5 x 15 Meter. Mittendrin sind Sitzgelegenheiten; man sucht sich seinen Sichtplatz selbst (ich schlage vor, den Stuhl direkt neben die Tür zum nächsten Raum zustellen).

Das stellt alles auf den Kopf, was wir hier über Kunst reden: Die Bilder der genannten Maler (Kunst!) sind von den Videoleuten bearbeitet, montiert und zu einer Schau verarbeitet worden. Man hat nicht mehr unendlich Zeit, sich ein Bild anzusehen, sondern ist an das Tempo der Präsentation gebunden. Man sieht nie ein Bild alleine, sondern immer ein halbes Dutzend.

Hört sich abwegig an, ist aber sehr gut gemacht, empfehlenswert, wenn ihr in Berlin seid. Die Räumlichkeiten sind schwer zu finden: nach dem Haupteingang durch einen Hof, dann aber nicht geradeaus ins nächste Gebäude, sondern um dieses Haus rum.

Mir hat Kandinski am besten gefallen (den ich sonst gar nicht toll finde): eine Farborgie!

Die Verwurstung von Kunst kann man natürlich mit der Verwurstung von Comics durch Lichtenstein vergleichen...

eckrt
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Alt 26.08.2017, 16:05   #90  
Peter L. Opmann
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Schön und gut, aber warum stellt das alles auf den Kopf? Du sprichst selbst von "Verwurstung".

Ich hoffe mal, die Antwort lautet nicht: So muß man heute Gemälde betrachten, weil das jetzt hip ist (und in Berlin stattfindet!).
Peter L. Opmann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.08.2017, 17:31   #91  
eck@rt
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Ich meinte: »Kunst« ist zum einen vorgegeben (das Original-Gemälde) und zum anderen wandelbar und verwandelbar (der Lichtenstein-Effekt). Darüber hatten wir hier doch debattiert.

"Verwurstung" war ironisch gemeint (ich sehe das nicht so). Und was "hip" ist, tangiert mich generell wenig.

eckrt
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Alt 26.08.2017, 20:48   #92  
Peter L. Opmann
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Hatte Servalan nicht auch sowas erzählt mit "120 Bilder in 90 Sekunden"? Sicher, möglich ist vieles, und vielleicht ist das alles sogar auch noch Kunst. Aber gefallen würde mir das nicht.
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Alt 26.08.2017, 21:47   #93  
eck@rt
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Nein, es ist eben nicht ein Anhäufung von Gemälden, sondern die Verarbeitung zu etwas Neuem. Das hat mit Kunst ebensoviel oder so wenig zu tun wie das Original, aber es macht Spaß, es zu erleben.

Ausprobieren! Alles ausprobieren!

eckrt
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Alt 27.08.2017, 07:57   #94  
G.Nem.
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Stichwort Performance / Aktionskunst – dort dominiert m.M.n. die Provokation.
Anfang der 90er hatte ich, bedingt durch meine damalige Freundin, reichlich mit der Kunst-Szene zu tun.
Nach der Besichtigung einer miserablen Live-Performance für extrem gut betuchtes Kunstsammler-Publikum entstand spontan diese Idee ...



Zuerst hatte ich es damals STRAPAZIN angeboten, aber die wollten nicht. Dort dominiert ganz, ganz hohe Comic-Kunst. Angekauft hat es dann U-COMIX.
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Alt 27.08.2017, 09:45   #95  
Schlimme
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Der rote Tisch ist ist genau im richtigen Stil.
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Alt 27.08.2017, 10:36   #96  
74basti
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Zitat von eck@rt Beitrag anzeigen
Hier mal einer ketzerische Frage: Was ist eigentlich Kunst? Erst wenn man das weiß, kann man sagen, dass Comics Kunst sind (sind sie nicht, sondern Literatur).

Meine ebenso ketzerische These: Kunst gibt es gar nicht.

(...gutbürgerlichen Konsens ...)

Das sind "dumme" Thesen, auf die ich gern dumme Antworten hätte.

eckrt
Falls schon erwähnt wurde, bitte löschen.

"Kunst" ist durch unser Grundgesetz geschützt. Eine Definition enthält das GG zum Glück nicht.
Daher konnte und musste das Bundesverfassungsgericht den Begriff ausfüllen (wie vor 1933 schon das Reichsgericht).
Die Definition unterlag (juristisch) einem steten Wandel. Von formalen Anknüpfungspunkten (Werkschöpfung) "formaler Kunstbegriff" über subjektive Angrenzungskriterien (Aussage-Schöpfung) "materieller Kunstbegriff" bis das BVerfG in mehreren Urteilen den "offenen Kunstbegriff" bevorzugte. Danach reicht der Zugang zur Interpretation.

Die "bürgerlichen Konventionen" zählen rechtlich seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Gefahr, dass Konventionen über "Entartung" entschieden haben, war schon in den 50er Jahren den Richtern bewusst. Das Bildungsbürgertum ist teilweise auf dem Diskussionsstand von 1933 (meine ketzerische Aussage).

Für das erste Staatsexamen musste ich den Kram bis zum Erbrechen lernen und hoffe, dass ich aus der Erinnerung alles richtig wieder gegeben habe.


"Jeder Mensch ist ein Künstler."
Joseph Beuys

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" - Francisco de Goya 1799
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Alt 27.08.2017, 12:07   #97  
G.Nem.
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Zitat:
Zitat von Schlimme Beitrag anzeigen
Der rote Tisch ist ist genau im richtigen Stil.
Das ganze Bild ist im richtigen Stil – in meinem.
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Alt 27.08.2017, 12:08   #98  
G.Nem.
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Zitat von 74basti Beitrag anzeigen
(...) Das Bildungsbürgertum ist teilweise auf dem Diskussionsstand von 1933 (meine ketzerische Aussage). (...)
Wie kommst du denn darauf?
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Alt 28.08.2017, 12:55   #99  
Servalan
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Zitat von eck@rt Beitrag anzeigen
"Verwurstung" war ironisch gemeint (ich sehe das nicht so). Und was "hip" ist, tangiert mich generell wenig.
Kulturpolitik von innen durfte ich ja mal live miterleben.
Als das Kommunale Kino mal wieder ins Kreuzfeuer geriet, bin ich in einer Sitzung des Kulturausschusses gelandet. Dort werden Anspruche an Kunst und Kultur herangetragen, die ich teilweise abwegig, teilweise kontraproduktiv empfand.

Wenn Politikern nichts mehr einfällt, dann soll die Kunst ran und den Karren aus dem Dreck ziehen. Je mehr die gefordert haben, umso deutlicher wurde, wie wenig die vom Tagesgeschäft verstehen.
Beispielsweise sollten vermehrt schulpflichtige Kinder und Jugendliche (Stichwort Bildung und Erziehung) sowie Senioren (Stichwort Demographie) geworben werden. Kunst sollte das lösen, was die Politik nicht nur in der Schule verpennt hatte.
Daß auch das reguläre Stammpublikum gepflegt werden muß, damit die nicht irgendwann wegbleiben - soweit dachten die Damen und Herren nicht.

Diese ganze Sozialpädagogisierung hatte ich für einen Irrweg. Künstler werden so zu VHS-Hiwis, die zum Beispiel mit dem "Flüchtling des Tages" gute Stimmung machen sollen. Das meiste, was dabei fabriziert wird, ist nur peinlich und läßt sich in die Tonne treten.

Insofern endet die Kunstfreiheit beim Geldbeutel: Wer zahlt, bestimmt, was gespielt wird ...
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Alt 04.09.2017, 13:51   #100  
Servalan
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Zitat von eck@rt Beitrag anzeigen
Nein, es ist eben nicht ein Anhäufung von Gemälden, sondern die Verarbeitung zu etwas Neuem. Das hat mit Kunst ebensoviel oder so wenig zu tun wie das Original, aber es macht Spaß, es zu erleben.

Ausprobieren! Alles ausprobieren!

eckrt
Gehört nicht beides zusammen, die Spaß an der Freude und der Anspruch? Weite Teile des Publikums kennen Kunstwerke bloß durch Reproduktionen - und den meisten genügt das. Die wollen nur einen amüsanten Zeitvertreib.
Insofern sind digitale Mashups und sorgfältig restaurierte Originale in klimatisch geschützten Museumsräumen für mich zwei Seiten derselben Medaille. Beide brauchen einander, sonst findet die Hohe Kunst keine Resonanz.

Der Kunsthistoriker Eike Schmidt ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat ein Faible für das Digitale und leitet zur Zeit die Uffizien in Florenz. (Sein Name kursiert zur Zeit in den Nachrichten, weil er 2019 das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) leiten wird.)
Jede neue Generation muß für sich einen eigenen Zugang zur Kunst finden, und da gehört Digitales heute als Grundlage dazu. Wer darüber die Nase rümpft, schießt sich ins Bein und lügt sich in die Tasche.
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