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Alt 10.06.2018, 16:53   #101  
Servalan
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New Tricks | New Tricks - Die Krimispezialisten Staffel 11 Episode 5 (Folge 82) "London Underground | Unter der Stadt" (Großbritannien 2014, Wall to Wall Media - Warner Bros. Television Productions UK für BBC), Drehbuch und Regie: Julian Simpson, 59 min

Das britische Vorbild der Rentnercops lief bei der BBC seit März 2003 in 12 Staffeln mit insgesamt 107 Episoden. In der vorletzten Staffel ist nur noch Dennis Waterman von der ursprünglichen Besetzung dabei. Nach dem Finale der 11. Staffel (Folge 97) verließ er die komödiantische Krimiserie um verrentete Polizeibeamte, die ungelöste Fälle (UCOS) offiziell als Zivilisten zum Abschluß bringen.
Die synchronisierte Fassung lief auf zdf_neo.

Als der Filmkritiker Oliver Houghton ermordet in der Londoner Kanalisation aufgefunden wird, erhält die UCOS-Einheit, jetzt geleitet von DCI Sasha Miller, einen neuen Fall. Denn Houghton war vor zwanzig Jahren Zeuge im ungelösten Mordfall David Straka. Dessen Leiche lag an einem Rinnsal im Park Hampstead Heath: Straka war in einer der zwei Quellen des Flusses Fleet ertrunken.
Der begeisterte Lokalhistoriker Danny Griffin, Sasha Millers Ex-Ehemann und ihr Untergebener bei UCOS, findet rasch das verbindende Element: Sobald der Fleet Hampstead Heath verläßt, verläuft er unterirdisch, und Houghtons Leiche wurde dort aufgefunden, wo der Fleet in die Themse mündet.
Als erstes suchen Gerry Standing und Steve McAndrew den ehemaligen Lebensgefährten des schwulen Konzeptkünstlers auf. Sam MacFarlane verwaltet den Nachlaß und plant eine Biographie Strakas. Die beiden Ermittler konfiszieren Strakas letzten, unvollendeten Experimentalfilm als wichtigste Spur, die in die Kunstszene der 1960er und 1970er Jahre führt.
Miller und Standing warten in der Tate Britain Gallery unter einer imposanten Kuppel, in der Francis Bacons (1909 - 1992) Triptychon "Triptych August 1972" hängt, auf Ruth Shireen. Standing kann kaum verstehen, daß seiner Vorgesetzten die Gemälde gefallen, die seiner Meinung nach auch Kinder hätten zeichnen können. David Strakas ehemalige Freundin nennt ihnen weitere Namen aus seiner ehemaligen Clique.
Von der Malerin Emily Fraser, die nebenbei ihren pflegebedürftigen Vater Edward Fraser betreut, erfahren die Ermittler, daß sich die Clique um Straka in okkulte Lehren vertieft hatte und Aleister Crowley (1875 - 1947) verehrte. Die Clique gründete ihre eigene Geheimloge des Hermetic Order of the Golden Dawn, den Order of Enigma.
Griffin hegt den Verdacht, das Filmfragment könnte einen echten Mord zeigen, ein rituelles Menschenopfer. Also muß UCOS die fehlende Leiche zu dem Snuff-Film finden ...

In einer längeren Sequenz führt Griffin zunächst seinen UCOS-Kollegen den Lauf des Fleet entlang, wobei jeder Halt einer Einstellung im Filmfragment entspricht. Diese psychogeographische Stadtführung mit ihren historischen Hinweisen ähnelt dem entsprechenden Kapitel in Alan Moores und Eddie Campbells From Hell.

Geändert von Servalan (11.06.2018 um 00:13 Uhr)
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Alt 14.06.2018, 04:19   #102  
Servalan
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Tatort (Folge 484) "Im freien Fall" (Deutschland 2001, Bavaria Film und Bayerischer Rundfunk für ARD Das Erste), Drehbuch: Alexander Adolph, Regie: Jobst Oetzmann, 88 min, FSK: 12

Seit 1991 ermitteln die beiden Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr in München, meist innerhalb des S-Bahn-Rings, inzwischen in 77 Fällen. Ihr 29. Fall bricht das klassische Schema einer Whodunit auf, mischt es mit einer Liebesgeschichte und nutzt es für eine Reflexion über das Phänomen Kunst. Diese Episode zählt zu den Favoriten der Fans und heimste von der Kritik hohes Lob ein, nur wenige kritteln an der hanebüchenen Handlung herum.
2002 wurden sowohl die beiden Hauptdarsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl als auch Drehbuchautor Adolph, Regisseur Otzmann und Redakteurin Silvia Koller mit je einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, eine der renommiertesten Auszeichnungen für deutsche Fernsehsendungen.

Im Internet kursiert eine 101 Minuten lange Fassung, bei der das Tatort-Intro, Teile des Vorspanns und der Abspann fehlen. Dieser inoffizielle Director's Cut legt die cineastischen Vorbilder der Episode offen: Visuell wird dabei wiederholt auf die Nouvelle Vague angespielt, und die zarte Love Story mit dem bösen Erwachen nimmt in erster Linie Anleihen bei Jean-Luc Godards Klassikern À bout de souffle | Außer Atem (1960) und Le Mépris | Die Verachtung (1963).

KHK Franz Leitmayr fühlt sich angeschlagen, als er in der Frühe zu eiinem Tatort gerufen wird. Auf dem Oberlicht im Hinterhof eines Mietshauses liegt die Leiche des Kunstexperten Dr.Dr. Olav Schmidt. Der erste Augenschein deutet auf Selbstmord hin, aber die Ermittler gehen gründlich vor. Dabei stützt sich Leitmayr auf dem Dach an einem Geländer ab, das nachgibt, so daß er in luftiger Hohe über dem Abgrund schwebt.
Mit mehr Glück als Verstand gelingt es ihm in einer waghalsigen Aktion sich an den Fenstersims im Stockwerk darunter zu klammern. Das abgebrochene Geländer rauscht in die Tiefe, doch Leitmayr klopft ans Fenster, weil er jemanden schlafen sieht. Die junge Frau wacht auf und rettet ihn. Verdattert stolpert Leitmayr vondannen.
Auf dem Revier wird er ärztlich untersucht und krankgeschrieben. Leitmayr besorgt sich einen Strauß Blumen, um sich bei seiner Retterin zu bedanken. Aus unbeholfenen Floskeln entwickelt sich ein Gespräch, und so lernt Leitmayr die Kunststudentin Anne Mars kennen. Weil er herumdruckst, läßt er Anne Mars im Glauben, er wäre Architekt.
Olav Schmidt war Mitherausgeber des Deutschen Lexikons für Kunst, der sich mit seinen Artikeln bei einigen Galeristen und Museumsdirektoren unbeliebt gemacht hatte. Schmidts Expertise lag auf dem Gebiet des deutschen Expressionismus, vor allem beschäftigte er sich mit der Künstlergruppe Der Blaue Reiter (1912 - 1914).
Ivo Batic hört sich indessen in der Münchner Kunstszene um, wo er im Haus der Kunst, das demnächst die Ausstellung "Vladimir Muliak. Eine Werkschau" präsentieren wird, Dr. Jürgen Saupe trifft. (Der fiktive) Murliak verdankt seinen kometenhaften Aufstieg auf dem Kunstmarkt einerseits Schmidt, der seinen Eintrag im Kunstlexikon in der letzten Edition von wenigen Zeilen auf zwei Seiten ausdehnte. Daß sogar der Kunstsammler und Galerist Dr. Knuth, eigentlich Schmidts Erzfeind, mit ihm einer Meinung war, bestätigte die Expertise.
Der liebeskranke Leitmayr erlebt merkwürdige Dinge mit Anne Mars, die ihn auf Distanz hält, was ihr künstlerisches Werk betrifft. Wenig später fährt er mit ihr auf ein wüstes Gelände vor der Stadt, wo die beiden alte Möbel entladen. Mitten in der Scheune, von der er animmt, sie wäre ein Atelier, steht eine merkwürdige Maschine. Das sei eine Zeitmaschine, raunt ihm Anne zu.
Dr. Knuth erklärt Batic, daß es fast unmöglich wäre, Ölgemälde zu fälschen, denn die Farbe benötige fünf Jahre, damit sie richtig trocken ist. Außerdem fragt Batic sich, wovon sich eine einfache Kunststudentin eine 3-Zimmer-Maisonnette-Wohnung mit Dachterrasse leisten kann.
Mitten in der Nacht hört Leitmayr im Halbschlaf mit, wie Anne Mars mit jemandem telefoniert und dabei von Fälschungen redet. Er will das Gehörte nicht wahrhaben, aber als Polizist geht er den Indizien nach. Er hofft, sich geirrt zu haben, doch der Verdacht erhärtet sich mit jedem Schritt ...


Geändert von Servalan (17.06.2018 um 23:27 Uhr)
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Alt 16.06.2018, 16:40   #103  
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Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschland 1920, Decla-Film-Ges. Holz & Co.), Drehbuch: Carl Mayer und Hans Janowitz, Regie: Robert Wiene, 1505 Meter ~ 55 min mit FSK: 12 bzw. rekonstruierte Fassung 72 min mit FSK: 6, schwarzweiß und stumm

Vom Deutschen Expressionismus war hier wiederholt die Rede, der natürlich auch im damals neuen Medium des Films seine Spuren hinterlassen hat.
Schon vor den (Ersten) Weltkrieg wendete sich die Malerei von der realitischen Wiedergabe der Realität (der Mimesis) ab, zumal die Künstler mit der Exaktheit und Geschwindigkeit von Fotografie und Film nicht konkurrieren konnten. Um die Jahrhundertwende explodierten die Avantgarden, die häufig mit Manifesten vor ihr Publikum traten. Im Mittelpunkt stand dabei das Gefühl der Künstler, eine intensive Emphase, die sich in der Bildgestaltung spiegelte. Die berühmtesten expressionistischen Künstlergruppen waren Die Brücke und Der Blaue Reiter.

1918 waren große Teile der Bevölkerung des ersten industrialisierten Krieges mit Millionen von Toten und zahllosen grausam Verstümmelten müde. Es kam in den folgenden Monaten zu Revolten, Stichworte Kieler Matrosenaufstand und Münchner Räterepublik, die blutig niedergeschlagen wurden.
Während des Krieges litt die Filmindustrie unter Blockaden und eingefrorenen Konten, das Kriegsende versprach bessere Zeiten. Doch die deutschen Studios mußten hart kalkulieren, und so wurde aus den Mängeln eine Tugend. Die ersten "vorexpressionistischen" Produktionen entstanden schon 1918, die meisten sind jedoch heute vergessen, verschollen oder nur wenigen Leute in der akademischen Forschung bekannt.
Das Cabinet des Dr. Caligari war nicht nur im heimischen Kintopp ein Erfolg, er zog auch bei den ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich und USA ein breites Publikum. Dabei fiel der Begriff des "Caligarismus" für das gotische Schauerkino aus der Weimarer Republik. Bis 1925 wurde das Genre fortgesetzt und blühte auf. Darunter finden sich Meisterwerke wie Fritz Langs Dr. Mabuse, der Spieler (1922) und Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922).

Das frühe Kino hatte allmählich eine eigene Sprache entwickelt, jenseits des abgefilomten Theaters und pseudoliterarischer Klimmübungen. Das expressionistische Kino zeigte nun das Geschehen aus der inneren Sicht einer Filmfigur, die die Realität stark verzerrt und höchst subjektiv aufnimmt. Träume, Rausch und Wahnsinn prägen die Sicht der Dinge, und dem Gezeigten ist kaum zu trauen. Hier schlägt sich das zerstörte Vertrauen in die Menschen nieder, das leise, ferne Echo der Materialschlachten in Verdun und an der Somme.
Das Cabinet des Dr. Caligari befindet sich im Filmarchiv des Bundesarchivs, und Kommunale Kinos (oder andere Einrichtungen) leihen ihre Kopie heute von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Potsdam. 2014 lief eine restaurierte Fassung auf der Berlinale, die wenig später auf arte ausgestrahlt wurde.

Auf einer Bank erzählt der junge Francis einem alten Mann eine seltsame Geschichte, die er selbst erlebt hat. Mit seinem Freund Alan besuchte er in Holstenwall den Jahrmarkt. Dort hat Dr. Caligari seine Bude, in der der Somnambule (der Schlafwandler) Cesare die Zukunft voraussagt.
Der merkwürdig starre Cesare sagt Alan, der werde "bis zum Morgengrauen" leben. In derselben Nacht wird Alan von einem Schatten heimgesucht.
Am nächsten Morgen erfährt Francis, daß Alan erstochen worden ist. Francis verdächtig Cesare des Mordes und schaltet die Polizei ein. Der Schlafwandler wird von Dr. Olsen, dem Vater seiner Verlobten Jane, untersucht. Ein weiterer Mordversuch wird verhindert.
Francis bleibt Cesare und Dr. Caliigari auf der Spur, weil er fürchtet, seine Jane solle das nächste Opfer des Serienmörders werden. Dabei kommt es eines Tages zu einer Verfolgungsjagd, bei der Dr. Caligari in eine Irrenanstalt flüchtet.


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