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Alt 18.11.2017, 20:20   #3886  
Peter L. Opmann
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Erstaunlich! Diese Episode will ein moralisches Problem abhandeln. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Dazu ist so ein 20seitiger Comic zu kurzatmig und schmalbrüstig. Aber daß Lee und Kirby es versuchen, finde ich doch anerkennenswert. Sie wollen offenbar aus ihrer Superheldenserie mehr machen als bloße Unterhaltung. Ein Schurke bekommt mal ansatzweise menschliche Züge. Was noch auffällt: Blindheit ist das große Rahmenthema dieser Ausgabe. Wie in dieser Maulwurf-Story geht es auch bei „Daredevil“ darum, daß der Held wirklich erblindet, also seinen Super-Radarsinn einbüßt.

Das neue Haus, in das die FV eingezogen sind, hat sich als eine Falle des Maulwurfs entpuppt. Nicht speziell für sie. Wie der sehbehinderte Bösewicht enthüllt, will er von solchen Häusern aus auf dem ganzen Planeten „blendende Strahlen“ aussenden, um die Menschheit erblinden lassen, und so die Weltherrschaft an sich reißen. Praktisch, daß die FV nun als erste ohne Sehvermögen in seinem Haus festsitzen, denn sie sind nach der Logik dieser Geschichte die einzigen, die diesen Plan vereiteln können.

Anfangs sieht es jedoch ganz und gar nicht danach aus. Der Maulwurf ist allen fünf Teammitgliedern (einschließlich Crystal) haushoch überlegen, da er an die Dunkelheit gewöhnt ist, sie ihn aber ohne Augenlicht nicht treffen können. Glücklicherweise weiht er sie beim Kämpfen mit ausgeprägter Eitelkeit ausführlich in seine Pläne ein, so daß sie immer wieder versuchen können, sich an seiner Stimme zu orientieren. Bevor ihn einer von ihnen aber in die Finger bekommt, setzt er seinen Stock, der in Wirklichkeit eine Hightech-Waffe ist, so gegen Reed ein, daß der leblos zu Boden sinkt.

Kurz zuvor hat die Szene mal wieder gewechselt. Ein Skrull-Raumschiff nähert sich der Erde, darin ein „Sklavenfänger“ auf der Suche nach einem Gladiator für die auf dem Skrull-Planeten äußerst beliebten Kampfspiele. Da wird schon auf die nächste Geschichte vorgeblendet. Hier finde ich diese Verschränkung zweier Storys nicht so glücklich, weil der Einschub signalisiert, daß der Maulwurf bald besiegt sein wird und die FV sich dann gleich um die nächste Bedrohung kümmern können. Der Spannung ist das Intermezzo nicht zuträglich.

In der Tat erleben wir gleich darauf, daß Sue den Maulwurf zu fassen kriegt und ihm seine Schutzbrille von der Nase ziehen kann. Sie bewahrt seine empfindlichen Augen vor dem Licht, und ohne sie ist er ziemlich hilflos. Nun kann auch die Fackel zuschlagen und seinen Stab zerschmelzen. Damit ist der Maulwurf am Ende. Ding setzt seine Kraft ein, um Reed eine sehr lange Herzdruckmassage zu verpassen, und am Ende schlägt er erfreulicherweise wieder die Augen auf.

Der moralische Überbau dieser Story dreht sich um den Maulwurf. Sobald ihm die Kontrolle entgleitet, wird er weinerlich und beklagt sein schweres Schicksal: von allen Leuten gemieden und stigmatisiert, blieb ihm nichts anderes übrig, als unter die Erde zu gehen. Er sieht seine bösen Pläne völlig gerechtfertigt nach allem, was ihm angetan wurde. Die FV lassen das Gegreine aber nicht gelten und verweisen etwa auf Dings Freundin Alicia Masters, die ebenfalls blind ist und ihr Leben vorbildlich meistert. Ich muß gestehen, die Figur des Maulwurf geht mir schon nahe, aber zum einen erfahren wir nur in sehr groben Umrissen, inwiefern ihm Unrecht geschehen ist, und zum anderen bleibt ihm in seiner Niederlage nur die Rolle des begossenen Pudels – was aus ihm wird und wie er vielleicht wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden könnte, ist ausgeblendet. Sicher wird er auch eines Tages wieder in der Schurkenrolle gebraucht.

Auch dieses Heft weist also Schwächen auf, die mir als Kind bestimmt nicht aufgefallen sind. Grafisch ist die Ausgabe erneut sehr gut geworden. Der Maulwurf ist eine typische Kirby-Karikatur mit platter Nase, extrem breitem Mund und teigigen Wangen. Gut gefällt mir, daß er ohne seine Brille völlig anders aussieht, wie das in der Realität auch oft ist. Er wandelt sich vom Unsympathen und Angstmacher zu einem bemitleidenswerten behinderten Greis – das ist schon gut gemacht. Nach wie vor inkt Joe Sinnott. Technisch fällt an dem Heft auf, dass die deutschen Texte so ungeschickt eingeklebt sind, daß man häufig Schnittkanten sieht. Das gab es bei Williams sonst meist nicht. Um die Dämon-Story ungekürzt ins Heft zu bringen, wurde auf eine Eröffnungsseite verzichtet. Ein Panel wurde geopfert, um den Serientitel und eine knappe Zusammenfassung unterzubringen. Auf dem Backcover ist erstmals eine ganzseitige Sea-Monkeys-Anzeige. Die wird uns nun praktisch bis zum Ende von Williams begleiten.
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