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Alt 13.04.2018, 22:09   #1109  
Schlimme
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https://www.comic-salon.de/de/nominierungen
Zitat:
Die 25 für den Max und Moritz-Preis 2018 nominierten Titel
in alphabetischer Reihenfolge:

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"A Silent Voice" (Yoshitoki Ōima)
(Übersetzung: Christine Steinle)
> nominiert durch das Publikum
Egmont Manga
Wenn in Comics gesellschaftliche Missstände aufgegriffen werden und dies auch noch explizit mit der Unterstützung eines Interesssenverbandes geschieht, dann gehören diese leider viel zu oft der Kategorie "gut gemeint" an. Dass der Fall bei "A Silent Voice" deutlich anders gelagert ist, zeigt schon der Umstand, dass die Künstlerin Yoshitoki Ōima ihren Manga aufgrund des großen Erfolgs zweimal ausbauen musste, bis aus der ursprünglich 48-seitigen Geschichte eine Serie von sieben umfangreichen Taschenbüchern entstand. Geschildert werden die Probleme, mit denen das gehörlose Mädchen Shoko an einer öffentlichen Schule konfrontiert ist. Insbesondere ein Mitschüler, Shoya, macht ihr das Leben regelrecht zur Hölle, so dass Shoko schließlich unter dem Druck des Mobbings die Schule verlässt. Aber auch Shoya muss die Schule wechseln, als die Vorfälle publik werden. Auf der Oberschule treffen die beiden wieder aufeinander und Shoya nutzt die zweite Chance, sich mit Shoko auszusöhnen und sie wirklich kennenzulernen. Wie dabei Vorurteile und Missverständnisse gegenüber Menschen mit Behinderung ganz ohne den pädagogischen Zeigefinger in einer berührenden Geschichte benannt und ausgeräumt werden, macht Yoshitoki Ōimas Manga zu einem außergewöhnlichen Werk.

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"Ambient Comics" (Nadine Redlich)
Rotopol
Auf der Suche nach der modernsten und innovativsten aller Bilderzählungen? Den Anfang und das Ende aller Möglichkeiten, den universellen Comic, hat Nadine Redlich mit "Ambient Comics" gezeichnet. Der Aufmerksamkeitsspanne der Generation Smartphone gemäß erzählt sie in jeweils sechs Bildern 74 Geschichten, in denen – wie im Comic üblich – zwischen den Bildern Zeit vergeht. Die Spannbreite der Einseiter reicht dabei von hochdramatischen Themen wie Weltuntergang, schmelzenden Polkappen und einstürzenden Neubauten bis zu Alltagsdramen wie dem Wachstum eines Pickels. Für all das braucht Nadine Redlich kein einziges Wort. Ihre Comics sind stumm, der Strich ist sparsam, aber präzise. Es sind minimale Details, die sich von Bild zu Bild verändern und die Geschichte entstehen lassen. Das Drama liegt häufig verborgen hinter den Bildern: Ein winziges Pflänzchen wächst z. B. langsam aus dem Abfluss eines Spülbeckens, vor dem sich Geschirr stapelt. Wir erahnen einen typischen WG-Konflikt, eine Geschichte von vermiedener Verantwortung und von Prokrastination. Oder ist jemand gestorben, bevor der Abwasch erledigt war? Im Grunde erzählen wir Leser uns hier die Geschichten selbst. Wer sich die Zeit nimmt, die "Ambient Comics" braucht, wird belohnt: Wie bei einem guten Whisky kommt der Geschmack erst mit dem zweiten oder dritten Schluck, dann aber entfaltet sich das volle Aroma.

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"Black Hammer" (Jeff Lemire und Dean Ormston)
(Übersetzung: Katrin Aust)
Splitter Verlag
Eine Gruppe ehemaliger Großstadt-Superhelden lebt inkognito auf einer Farm irgendwo im Mittleren Westen der USA. Schnell wird klar, dass die einst strahlenden Kämpfer für das Gute jede Menge persönlichen Ballast mit sich herumschleppen – und dass hinter der vermeintlichen Kleinstadtidylle dunkle Geheimnisse lauern. Mit "Black Hammer" verknüpft Jeff Lemire Elemente des realistisch grundierten Independent-Comics und des Superhelden-Abenteuers so geschickt wie unterhaltsam. Die kongenialen Zeichnungen von Dean Ormston kombinieren die Superhelden-Ästhetik des Golden Age mit der differenzierten Personenzeichnung des Autorencomics. Dave Stewarts fein abgestufte Farbgebung vervollständigt das Bild. Die Superkräfte der Helden sind hier, wie oft bei Lemire, nur eine Metapher für individuelle Stärken und Schwächen seiner sehr menschlichen Figuren. Die Schlachten der Vergangenheit tauchen nur noch als Erinnerungen auf, stattdessen stehen die Gruppendynamik der kleinen Schicksalsgemeinschaft, persönliche Konflikte und die Suche nach einer Erklärung für ihre rätselhafte Lage im Vordergrund – und die Dialoge bestechen bei all ihrer Ernsthaftigkeit immer wieder auch durch Ironie und Humor.

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"Brodecks Bericht" (Manu Larcenet)
Nach dem Roman von Philippe Claudel
(Übersetzung: Ulrich Pröfrock)
Reprodukt
In beeindruckenden düsteren Bildern von großer Dichte erzählt Manu Larcenet die Geschichte Brodecks, der den Mord der Dorfbewohner an einem Fremden rechtfertigen soll. Die Bewohner des Dorfes leben in großer Armut und Kälte, und nach und nach enthüllen sich all die Greuel und Untaten, die den Menschen dort widerfahren sind oder an denen sie teilhatten. Das über 300 Seiten starke Werk erzählt in nie nachlassender Intensität von Schuld und Mitschuld, von Angst und Peinigung und der Unfähigkeit der Menschen, zu ihren Taten zu stehen. Oft seitenlang ohne Worte auskommend, lässt sich auf den eindringlichen und eindrücklichen Gesichtern jede Regung und jede Interaktion untereinander ablesen. Man schaut in die Abgründe der menschlichen Seele, in tiefste Finsternis, tief wie das Schwarz der Zeichnungen. Brodecks Bericht ist ein düsteres, großes Meisterwerk, das in starken Bildern eine unglaublich abgründige Geschichte über die menschliche Spezies erzählt, die einem, wenn man das Buch längst aus den Händen gelegt hat, immer noch bedrückend nachgeht.

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"Chiisakobee – Die kleine Nachbarschaft" (Minetarō Mochizuki)
Nach dem Roman von Shūgorō Yamamoto
(Übersetzung: Cordelia Suzuki)
Carlsen Manga
Alles scheint ganz kontemplativ, ganz selbstbeherrscht, obwohl hinter den Bildern Katastrophen lauern. Die Eltern des Zimmermeisters Shigeji sind bei einem Großbrand umgekommen. Seine Firma und damit seine Existenz sind fast vernichtet. Er muss sich mit sozialen Erwartungen auseinandersetzen, die er nicht erfüllen will. Er muss Verantwortung für Waisenkinder übernehmen, die ihre feindlichen Gefühle ausleben. Minetarō Mochizuki, Jahrgang 1964 und seit 1985 als Manga-Zeichner erfolgreich, hat mit "Chiisakobee" einen Roman von Shūgorō Yamamoto aus dem Jahr 1957 für den Comic adaptiert. Er hat die alte Geschichte um Handwerk, Emotion und Einfühlungsvermögen in die Gegenwart verlegt und erzählt von der Unveränderlichkeit der Werte und Konflikte. Mochizuki richtet seinen Blick dabei auf die Details des Zusammenlebens. Immer wieder hebt er Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke oder Speise-Arrangements der japanischen Küchenkultur hervor. So entstand ein eigenwilliges Werk, das 2017 beim Festival im französischen Angoulême als beste Serie ausgezeichnet wurde.

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"Das Leben ist kein Ponyhof" (Sarah Burrini)
www.sarahburrini.com / Panini Comics
Seit fast zehn Jahren verknüpft Sarah Burrini in ihrem Comic-Strip "Das Leben ist kein Ponyhof" höchst unterhaltsam Absurdes und Alltägliches – und mischt sich immer wieder auch in aktuelle Diskurse ein. Inzwischen sind drei Sammelbände als Bücher veröffentlicht worden und jeden Montag gibt es Nachschub. Ereignisse aus ihrem eigenen Leben und Betrachtungen aktueller politischer und sozialer Ereignisse kombiniert Burrini dabei mit fantastischen Elementen. Neben sprechenden Tierfiguren, die mit dem gezeichneten Alter Ego der Autorin in einer Wohngemeinschaft leben, gehören auch regelmäßig ironische Ausflüge in die von Männern dominierte Superheldenwelt als "Nerd Girl" dazu. Und in den vergangenen Jahren sind zunehmend auch kritische Kommentare zu Rechtspopulismus, Fake-News-Kontroversen oder aktuellen Fällen von Sexismus und Diskriminierung zu finden. Der besondere Charme der cartoonhaft gezeichneten und sich an klassischen Zeitungsstrips orientierenden Reihe ergibt sich aus dem Wechselspiel von jugendlich wirkender Fantasie und erwachsenem Reflexionsvermögen sowie aus der spielerischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Kunstform Comic.

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"Dead Dead Demon's Dededede Destruction" (Inio Asano)
(Übersetzung: Hana Rude)
Tokyopop
Dies ist eine Geschichte über die Unübersichtlichkeit der Welt, die große Gereiztheit der Menschen, die Verwirrungen zwischen Fakten und Fake News und jene Bedrohungen der Existenz, die man verdrängt, damit man leben, lieben, feiern, weinen und lachen kann. Schon der Titel der Manga-Serie deutet das Tohuwabohu der alltäglichen Wahrnehmung an: "Dead Dead Demon’s Dededede Destruction". Inio Asano, geboren 1980 in der japanischen Präfektur Ibaraki und seit dem Jahr 2000 als Mangaka erfolgreich, – unter anderem mit den Titeln "Das Ende der Welt vor Sonnenaufgang", "Das Feld des Regenbogens" und "Gute Nacht, Punpun" – entwirft mit dicht aneinandergelegten Strichen eine hermetische Welt der Enge. Darin versucht das traditionelle Manga-Personal von Oberschülern und Studenten mit seinen Gefühlen umzugehen, während ein todbringendes Raumschiff seinen Schatten über Tokio wirft und die Waffenindustrie die Situation für mörderische Geschäfte nutzt. Philosophie und Gesellschaftskritik im Genre-Gewand der Science Fiction.

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"Der große böse Fuchs" (Benjamin Renner)
(Übersetzung: Benjamin Mildner)
avant-verlag
Mit minimalistischem Strich und lavierender Farbigkeit zeichnet der Franzose Benjamin Renner die Fabel vom großen bösen Fuchs. Die Bemühungen des Protagonisten, der Schreck des Hühnerhofes zu sein, scheitern an den kuragierten Hennen – und seiner eigenen Unfähigkeit. Die Ausbildungsversuche des bösen Wolfes, einen furchteinflößenden Gesellen aus dem Fuchs zu machen, scheitern ebenfalls. So stachelt der Wolf ihn an, des Nachts Eier zu stehlen, um sich nicht nur noch von Steckrüben ernähren zu müssen. Der Diebstahl gelingt, doch muss der Fuchs nun die Eier ausbrüten und sich als Mutter betätigen. Die geschlüpften Küken erkennen ihn gleich als ihre "Mama" an und eine große gegenseitige, vom Fuchs zunächst nicht eingestandene Liebe entbrennt. Gegen alle Angriffe von außen – z. B. im Pelz des bösen Wolfes –, gegen alle politischen Entscheidungen – wie sie auf dem Hühnerhof gefällt werden – verteidigt der Fuchs seine Küken und lässt sich schließlich von den feministischen Hennen als eine Art Punchingball zu Trainingszwecken missbrauchen – nur um bei seiner Brut sein zu können. Die Geschichte über die Liebe von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt wird von Renner in höchst humorvoller Weise erzählt. Die wunderbaren Zeichnungen lassen sämtliche Gefühlsregungen – trotz aller Reduziertheit – bestens nachverfolgen und miterleben. Ein großer und tiefgründiger Spaß für Eltern und ihre Küken.

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"Der Ursprung der Welt" (Liv Strömquist)
(Übersetzung: Katharina Erben)
avant-verlag
Das Problem seien nicht die Männer, die sich nicht für das weibliche Geschlechtsorgan interessierten, behauptet Liv Strömquist etwas überraschend zu Beginn von "Der Ursprung der Welt", sondern diejenigen, die ein zu großes Interesse dafür entwickelt hätten – und präsentiert die Top Ten der Frauenmissversteher. Männer wie der Arzt und Cornflakes-Erfinder John Harvey Kellogg und der Theologe Augustinus hätten dazu beigetragen, dass die Vulva als unrein und Quelle zahlreicher Krankheiten stigmatisiert und deshalb oft verstümmelt, beschnitten oder gar mit Säure behandelt wurde… Nach dieser Einführung hebt die 1979 geborene Schwedin an zu einer umfassend recherchierten, mit feministischer Verve und ätzendem Sarkasmus vorgetragenen Kulturgeschichte der Vulva, die nicht zuletzt auch davon erzählt, wie die weibliche Sexualität jahrhundertelang unterdrückt, pathologisiert und für minderwertig erklärt wurde. Diese Auseinandersetzung mit dem weiblichen Feuchtgebiet ist alles andere als trocken: "Der Ursprung der Welt" ist ein ebenso unterhaltsames wie informatives, von schrillem Humor und aufrichtiger Empörung getränktes Pamphlet.

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"Die drei ??? – Das Dorf der Teufel" (Ivar Leon Menger, John Beckmann und Christopher Tauber)
Kosmos Verlag
Mit der Graphic Novel zu den drei ??? wird eine der beliebtesten Krimiserien für Kinder und Jugendliche nun ins grafische Medium übertragen. Waren bei den "alten" Geschichten die Cover eindrucksvoll von Aiga Rasch illustriert, ist es nun die gesamte Story, die in eine von Christopher Tauber gezeichnete Bilderfolge umgesetzt wird. Arbeitsteilig, Ivar Leon Menger und John Beckmann übernehmen das Schreiben der Geschichte, erzählt das Trio neue spannende Abenteuer. Alfred Hitchcock höchstpersönlich schreibt Vor- und Nachwort. In "Das Dorf der Teufel" helfen Justus Jonas, erster Detektiv, Peter Shaw, zweiter Detektiv und Bob Andrews, Recherche und Archiv, dem Chauffeur Morton einen vermissten Freund zu finden. Diese Suche führt alle vier nach Redwood Falls, in ein Dorf wie aus dem 19. Jahrhundert, mit Anklängen an das Leben der Amischen in den USA, wo die Zeit stehen geblieben ist … In abwechslungsreichen Panelgestaltungen, die immer wieder ganz- oder zweiseitige Überblicksszenen zeigen, wird der Lauf der Geschichte mit seinen vielen Windungen und durch die drei ??? vorangetriebenen Entdeckungen erzählt. Zeichnungen und Text ergänzen sich bestens und man taucht tief mit ein in die Welt der drei schlauen und manchmal auch im Beziehungs- und Freundschaftsgeflecht sich verheddernden Detektive. Ein spannender Spaß für Kids und Teens und auch für die heute erwachsenen Fans der drei ???.

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"Die Welt der Söhne" (Gipi)
(Übersetzung: Myriam Alfano)
avant-verlag
Die Zivilisation ist untergegangen; wer überlebt hat, ist auf sich selbst gestellt. Diese mittlerweile hinlänglich bekannte Prämisse diente in den letzten Jahren als Basis für unzählige Comics, Romane und Fernsehserien. Und doch schafft es Gipi dieser Ausgangslage Neues abzugewinnen. In "Die Welt der Söhne" versucht ein Vater mit seinen zwei Söhnen in einer postapokalyptischen Welt zu überleben. Gipi fokussiert ganz auf die Beziehung zwischen dem harten und grausamen Vater und den beiden aufsässigen Jungs, die letztlich aber nur Eines möchten: die Liebe ihres Vaters. Als dieser stirbt, machen sich die Söhne auf den Weg durch eine barbarische Welt voller unerwarteter Gefahren; sie suchen jemanden, der ihnen erklären kann, wer ihr Vater tatsächlich gewesen ist. Der italienische Comic-Autor Gipi erzählt in einfachen, rauhen aber dynamischen Federzeichnungen eine intensive und hoch emotionale Geschichte.

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"Esthers Tagebücher" (Riad Sattouf)
(Übersetzung: Ulrich Pröfrock)
Reprodukt
Esther ist zehn und ein ganz normales Mädchen. Und doch ist sie die Protagonistin einer ungewöhnlichen Comic-Serie. In "Esthers Tagebücher" wird der 1978 geborene franko-syrische Comic-Autor Riad Sattouf die Tochter eines befreundeten Paars bis zu ihrem 18. Geburtstag begleiten und Jahr für Jahr aufzeichnen, was sie ihm erzählt. Der erste Band umkreist Esthers Schule, beste Freundinnen und ausgewählte Feindinnen, den schwierigen älteren Bruder und andere doofe Jungs, Klamotten und den Traum vom eigenen iPhone, Pop- und Reality-TV-Stars, er umkreist auch das Mobbing auf dem Pausenhof, Rassismus, Neid und Eifersucht … Mit anderen Worten: Esther erzählt uns den ganz normalen Irrsinn und die konstante Überforderung im Teenager-Alltag. Beschönigungen? Niedlichkeiten? Nein, Riad Sattouf ist auch in diesem Mädchenkosmos der genaue, scharfe, satirische Beobachter, den man aus anderen Comics wie dem autobiografischen "Der Araber von morgen" kennt. Dabei bleibt Sattouf konsequent in Esthers Perspektive. Esthers gleichermaßen naiver wie kritischer Blick entlarvt viele Ungereimtheiten, Widersprüche und Absurditäten – und darin liegt viel Potenzial für haarsträubende Komik.

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"Geisel" (Guy Delisle)
(Übersetzung: Heike Drescher)
Reprodukt
Im Juli 1997 wurde Christophe André, ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, im Kaukasus entführt. Seine Gefangenschaft dauerte 111 Tage, die er größtenteils in einem nackten Zimmer verbrachte, mit Handschellen an eine Heizung gekettet. Der Franko-Kanadier Guy Delisle, dessen Reportagen aus Städten wie Jerusalem und Pjöngjang zu internationalen Bestsellern avancierten, zeichnet in "Geisel" die Leidensgeschichte Christophe Andrés auf. "Geisel" ist 432 Seiten dick; der Stil ist einfach und reduziert, die Seitenaufteilung ist gleichförmig und der blaue Farbton kühl, geradezu unangenehm. Delisle inszeniert die Geiselhaft nicht als Action-Spektakel, sondern schildert, im Gegenteil, die bedrückende Langeweile, das zermürbende Warten, die endlose Wiederholung alltäglicher Routinen und mehr noch – er macht sie spürbar. Guy Delisle erzählt nicht viel, und trotzdem schafft er einen hoch spannenden erzählerischen und atmosphärischen Sog, dem sich der Leser nicht entziehen kann, bis er die Gefangenschaft tatsächlich aus Andrés Perspektive wahrnimmt. "Geisel" ist ein beeindruckendes Buch: Noch nie war Langeweile so spannend und dramatisch ...

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"German Calendar No December" (Birgit Weyhe und Sylvia Ofili)
avant-verlag
Erzählt wird die Geschichte der Nigerianerin Olivia, die aus der Kleinstadt Warri, der "Ölstadt” im Süden Nigerias stammt und es kaum abwarten kann, ins Internat zu gehen. Als Tochter einer deutschen weißen Mutter ist sie sowohl in Warri als auch im Internat etwas ungewollt Besonderes. Die Schule wird als Horror empfunden, sie revoltiert gegen die ungerechten Strafmaßnahmen. Zum Studium geht sie nach Hamburg, lernt Deutsch (ihre Mutter sprach nicht in ihrer Heimatsprache mit den Kindern) und begegnet einer Gruppe Einwanderer, die im Hamburger Bahnhof arbeitet. Hier erlebt sie mit, wie diese Flüchtlingen und "Illegalen" helfen. Ein neuer Vorsteher macht ihnen das Leben schwer, doch es findet sich ein Weg. Das offene Ende lässt Olivia erneut auf Reisen gehen. In abwechslungsreichen Bildern erzählt Birgit Weyhe die Biografie einer heranwachsenden Frau, die zwischen verschiedenen Kulturen und Träumen ihren Weg finden muss. Die Panelfolge wird immer wieder aufgebrochen für ganzseitige Einschübe oder eingestreute Elemente, Masken und holzschnittartige Einbringungen weisen auf Afrikanisches hin. Dabei durchzieht die Liebe zur Musik – die sie von ihrem Vater geerbt hat – wie ein roter Faden das Buch. Ein einfühlsames Werk über das Leben.

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"Gung Ho" (Thomas von Kummant und Benjamin von Eckartsberg)
Cross Cult
Benjamin von Eckartsbergs und Thomas von Kummants "Gung Ho" kann sich sehen lassen, auch im internationalen Vergleich. Die Endzeit-Action-Serie erzählt von einem Dorf im Ausnahmezustand. Nur eine schwer bewachte Mauer trennt die Bewohner von der "Weißen Plage": Mörderische Raubtiere, Reißer genannt, die ganz Europa in den Ausnahmezustand versetzt haben. Als die aufsässigen Waisen-Brüder Zack und Archer in die Siedlung kommen, gerät die fragile soziale Ordnung durcheinander. Die in der nahen Zukunft angesiedelte postapokalyptische Story besticht durch ihre Optik: Thomas von Kummants digital collagierte Zeichnungen mit hellen Farben und ausgefeilten Lichteffekten vermitteln einen plastischen Look, der an Animationsfilme erinnert. Selten hat die Postapokalypse so gut ausgesehen. Und die Story ist gehaltvolle Genre-Kost, die neben Action, Spannung und Teenager-Romantik auch Themen wie Korruption, Machtmissbrauch, Autoritätskonflikte, Konkurrenz und Eifersucht verhandelt. Dies wird von Benjamin von Eckartsberg hochspannend und mit geschickt konstruierten Cliffhangern erzählt.

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"Herbst in der Hose" (Ralf König)
Rowohlt Verlag
Ein Buch über die Schattenseiten des männlichen und menschlichen Alterns, dessen Lektüre große Freude bereitet? Sowas schaffen nicht viele Autoren und Zeichner. In "Herbst in der Hose" zeigt Ralf König ein weiteres Mal, wie gut er die Menschen und ihre Schwächen kennt. Die Dialoge bestechen durch pointierte Lebensnähe; in den Zeichnungen vermittelt König mit minimalen Variationen in den Gesichtern seiner Hauptfigur die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle. Dank eines klug zusammengestellten Figurenensembles unterschiedlichen Alters, Geschlechts und sexueller Orientierung gibt es eine große Vielfalt an Zugängen zum Thema. König schafft es, sogar eigentlich pointenlosen Episoden durch gutes Erzähl-Timing noch eine Pointe zu verpassen. Und von alles andere als unterhaltsamen Besuchen bei den Eltern im Altersheim erzählt er mit so viel Witz und Einfühlungsvermögen, dass es nicht nur eine Freude, sondern auch ein großer Trost ist.

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"Maggy Garrisson" (Lewis Trondheim und Stéphane Oiry)
(Übersetzung: Resel Rebiersch)
Verlag Schreiber & Leser
Maggy Garrisson ist schnoddrig, schlagfertig und skrupellos; sie ernährt sich von Junkfood und Bier und mausert sich eher zufällig zur gewieften Privatdetektivin, die es mit korrupten Polizisten, ruchlosen Gangstern und pathetischen Kleinkriminellen aufnimmt und ihre moralischen Zwiespälte in Bier ertränkt. Von mickrigem Fall zu mickrigem Fall stapft Maggy Garrisson durch das Großbritannien der kleinen Leute, dessen prekäres Ambiente sich trotz Stéphane Oirys kräftigen Farben nasskalt und grau anfühlt und sich nur mit viel Witz ertragen lässt. Großartig ist insbesondere Lewis Trondheims Erzählweise: Die einzelnen Alben erzählen abgeschlossene Geschichten, werden aber zusammengehalten durch eine lange Story, in der sich die Figuren und ihre Beziehungen entwickeln und verändern. In einer Zeit, in der die klassischen französischen Bandes Dessinées weitgehend aus der Wiederholung und dem Wiederbeleben bekannter Muster, alter Rezepte und toter Helden zu bestehen scheinen, bietet "Maggy Garrisson" eine erfrischende und höchst unterhaltsame Abwechslung.

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"Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen" (Jan Bachmann)
Edition Moderne
Eine wunderbare Comic-Seite: Erich Mühsam, der arme Poet, sozialistischer Agitator, schüchterner Bohémien (1878–1934) auf der vergeblichen Suche nach sich selbst, das heißt nach seinen Werken in den Münchner Buchhandlungen: Sechs Panels in den Farben Blau, Gelb, Schwarz und am Ende Grau. Eine Karikatur mit langer Nase und spitzem Bart ist dieser Mühsam; sie darf die Figuren des französischen Comic-Künstlers Joann Sfar zu ihren Ahnen zählen. Aber Mühsam ist gezeichnet von Jan Bachmann, einem Basler Jahrgang 1986, der bei seinem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin den Umgang mit dem Stift für sich entdeckt hat. Bachmann hat aus Tagebuchauszügen des Jahres 1910 das Album "Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen" erarbeitet, eine vitale Studie vom Leben auf den letzten Pfennig, mit Gesichtern wie Landschaften und Landschaften wie expressive Explosionen. Der von den Nazis ermordete Dichter wird wiederentdeckt als der Comic-Held, der er in Mühsams Zeichnungen von eigener Hand längst gewesen ist.

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"Nick Cave – Mercy on me" (Reinhard Kleist)
Carlsen Verlag
Was tut man, wenn man in einem trostlosen australischen Provinznest namens Warracknabeal aufwächst und eines Tages das rebellische Herz eines Outlaws in sich entdeckt? Man haut ab, es geht gar nicht anders. Mit einem Highschool-Kumpel, mit dem er zuvor eine Punk-Band gegründet hatte, strandet Nick Cave in London, wo niemand je von den "Boys Next Door" gehört hat, trotz ihres Albums in Down Under. Das Leben wird zum Exzess aus ekstatischem Lärm-Blues und Drogen, dann geht es weiter nach West-Berlin, wo Cave "The Bad Seeds" gründet. Deren finstere Balladen wie "Mercy Seat" covert auch Johnny Cash, womit eine Verknüpfung mit Reinhard Kleists erfolgreicher und in mehrere Sprachen übersetzter Comic-Biografie "Cash" entsteht. Allerdings wählt Kleist hier einen raueren, impulsiveren Strich, um sich Cave anzunähern, und findet prägnante, ebenso kunstvolle wie verstörende Bilder, auch zu den Themen seiner Balladen.

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"NiGuNeGu" (Oliver Mielke und Hannes Radke)
> nominiert durch das Publikum
www.nigunegu.de / Pyramond Verlag
Dieser Web-Comic produziert auf den ersten Blick einiges an Erklärungsbedarf. Das fängt schon mit dem Titel an, der sich aus den Namen der drei Hauptfiguren ableitet, nämlich dem Nice Guy, dem Nerd und dem Guru, die zusammen Ni(ce)Gu(y)Ne(rd)Gu(ru) ergeben. Vereint sind diese drei in einer sogenannten "Bromantic Comedy", was sich wiederum von "Brother" und "Romance" ableitet – als Genre also in etwa den Gegenpart zu einer Serie wie "Sex and the City" bildet. Und wie sich die drei höchst unterschiedlichen, nach dem Motto "nomen est omen" zusammengestrickten Kumpels in den Irrungen und Wirrungen des Geschlechterkampfes schlagen, ist höchst unterhaltsam vom Autorenteam Oliver Mielke und Hannes Radke umgesetzt worden. Im Gegensatz zu den vielen Lesern, die sich online über inzwischen fast fünf Jahre mit recht kleinen, wöchentlich gelieferten Lesehappen begnügen mussten, können Neueinsteiger nun in Kürze gleich einen gedruckten Sammelband für den vollen Lesegenuss nutzen.

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"Schläfst du?" (Dorothée de Monfreid)
(Übersetzung: Ulrich Pröfrock)
Reprodukt
Im extremen Hochformat und damit der Form der innen befindlichen Hochbetten bestens angemessen, erzählt Dorothée de Monfreid die alte Geschichte vom Nicht-(ein-)schlafen-können. Acht Hunde teilen sich in zwei Stockbetten ein Zimmer und Popow, der vielleicht Älteste der Runde – schnarcht! Nono kann deshalb nicht schlafen und fragt die millionenfach gestellte Frage: "Micha, schläfst Du?" mit anschließender Aufforderung: "Lies mir was vor". Also klettert Nono die Leiter herunter und nun macht das Buchformat richtig viel Sinn. Als nächster meldet sich Pedro, möchte ein Kuscheltier leihen, dann möchte Zaza in einem anderen Bett schlafen und Kaki aus Zazas Glas trinken. Nach und nach verlassen alle – Leiter runter, Leiter rauf – ihre Betten und sammeln sich bei Micha, der vorliest. Das Märchen, beginnend mit "Es war einmal …", scheint seinen Zweck bestens zu erfüllen. Schon beim nächsten Umblättern schnarchen sieben kleine Hunde zufrieden in Michas Bett. Ein Vorlesespaß für Jung und Alt.

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"The Artist" (Anna Haifisch)
www.vice.com / Reprodukt
Ein kränkelndes Vogelwesen, das mit sich und der Welt hadert – auf den ersten Blick ist die Hauptfigur in Anna Haifischs "The Artist" kein Sympathieträger. Und doch hat die zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung schwankende Kreatur auch international eine beachtliche Popularität erreicht – ganz zu Recht. Denn hier geht’s um grundlegende menschliche Fragen. So ringt der autobiografisch inspirierte Held ständig mit der schier unlösbaren Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das alles erlebt Haifischs Figur in übersteigerter Form, sodass man über die oft absurd verlaufenden Episoden immer wieder auch herzlich lachen kann. Verstärkt wird die Wirkung durch Haifischs unruhigen, nervös wirkenden Zeichenstrich, der der fragilen Figur etwas Flimmerndes, Haltloses gibt. In angedeuteten Räumen steht der Künstler von der traurigen Gestalt auch visuell oft auf verlorenem Posten. Das wird durch eine ruhige Kolorierung in warmen Pastelltönen kontrastiert, die den Bildern etwas Freundliches gibt und zugleich die Wirkung der Hauptfigur und ihrer tragikomischen Erlebnisse verstärkt.

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"Tracht Man" (Christopher Kloiber)
> nominiert durch das Publikum
Plem Plem Productions
Das Gute an "Tracht Man" ist, dass man sich nicht lange mit der Frage aufhalten muss, ob das Ganze womöglich ernst gemeint ist und vielleicht nur vermeintlich ironisch rüberkommt. Bei deutschen Superhelden-Comics ist das regelmäßig die Gretchenfrage, die fast nie gänzlich beantwortbar scheint. Bei "Tracht Man" befinden wir uns dagegen auf der sicheren – eindeutig parodistischen – Seite und können uns jede Grübelei sparen, die einem eh nur den Spaß an diesem Riesenklamauk vermiesen würde. Denn was Christopher Kloiber hier erschaffen hat, ist eine Riesengaudi sowohl für Altbayern wie auch Preußen und lässt kaum ein Klischee aus – bis hin zum Superkräfte verleihenden Biergenuss, wenn es gilt, einem Schurken wie dem Saupreiß eine "Tracht" Prügel zu verpassen. Und dann residiert der Schöpfer der Serie mit seinem Verlag Plem Plem Productions ironischerweise auch noch in Franken, was jetzt lieber nicht allzu konsequent hinterfragt werden sollte.

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"Tüti" (Dominik Wendland)
Jaja Verlag
Plastiktüten haben vor allem aus ökologischen Gründen schon lange keinen guten Ruf mehr. Die Hauptfigur von Dominik Wendlands Comic-Groteske "Tüti" hat es allerdings so faustdick hinter den Henkeln, dass dagegen alle Umweltsünden ihrer Artgenossen harmlos wirken. Vom Winde verweht wabert das weiße Kunststoffwesen mit dem Smiley-Gesicht durch eine der originellsten deutschen Comicerzählungen der jüngeren Zeit. Sie mischt bei einer rebellischen Gangsterbande mit, erlebt amouröse Abenteuer, nimmt mehreren Menschen auf bizarre Weise das Leben und wird vorübergehend als absolutistische Herrscherin verehrt. Dabei bleibt bis zum Schluss rätselhaft, was an Tütis Aktionen reiner Zufall ist, was menschliche Projektion – und wieweit dieser Beutel vielleicht doch über eine Persönlichkeit verfügt, wie es ihm von den Menschen zugeschrieben wird. Das setzt Wendland in reduzierten Bildern um, die die Absurdität der Situation auch visuell voll ausreizen.

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"Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" (Ulli Lust)
Suhrkamp Verlag
Ulli Lust, Mitte zwanzig, angehende Künstlerin in Wien, liebt zwei Männer: Den zwanzig Jahre älteren Georg, mit dem im Bett aber nichts mehr läuft, und den nigerianischen Flüchtling Kimata, den sie bei einer Party abschleppt, und zu dem sie in sexueller Leidenschaft entbrennt. Und dann ist da noch ein dritter Mann im Hintergrund, ihr Sohn Philipp, fünfjährig, der bei seinen Großeltern auf dem Land aufwächst. Dieses Beziehungsgeflecht arbeitet Lust in ihrer zweiten großen autobiografischen Graphic Novel "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" tabu- und schonungslos auf und verknüpft ihre Erfahrungen mit großen Themen: Liebe und Sex über Alters- und Kulturgrenzen hinweg, die Selbstbestimmung der Frau, alternative Lebensentwürfe, Flüchtlingspolitik … Das ist überzeugend, weil Lust sich weder als Opfer noch als Täterin zeichnet, sondern als junge, streckenweise reichlich naive, egoistische und sexuell anspruchsvolle Frau, die von der Situation und ihren Rollen als Gefährtin, Liebhaberin und Mutter überfordert ist. Dieses komplizierte Kapitel aus ihrer Jugend erzählt Ulli Lust mit einem direkten, skizzenhaften Strich und einer Dringlichkeit, der man sich kaum entziehen kann.
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