Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 27.11.2021, 19:46   #40  
LaLe
Dr. Znegilletnirepus
 
Benutzerbild von LaLe
 
Ort: Lübeck
Beiträge: 11.377
Aus The Shades Journal

"Was machen Sie denn für ein langes Gesicht, Mr. Black?"

Spencer Kilne sprach mich eines Wintermorgens derart an. Wir begegneten uns auf der Dart Street, einer engen Gasse, die sich den Vorwurf der dreisten Kühnheit gefallen lassen müsste, sollte sie je auf die Idee kommen sich als mehr denn das zu sehen. Irgendein Stadtplaner muss während einer Weihnachtsfeier zu tief ins Glas geschaut haben, als er auf den Gedanken verfiel, die Dart Street als Straße zu bezeichnen. Aber dort waren wir nun. War ich. Wir schrieben das Jahr 1943.

"Ein langes Gesicht? Das muss mir bislang entgangen sein," antwortete ich mit einem leichten Fingerspiel um das Kinn herum. "jedenfalls soweit ich etwas derart beschreiben würde. Sollten sie damit also auf meine Gesichtsanatomie anspielen wollen, so muss ich sagen, dass mein Einfluss darauf denkbar gering ist."

Ich lächelte leicht, gleichwohl mir Kilne herzlich gleichgültig war. Sein Atem roch nicht wirklich angenehm und genauer als mit dieser vagen Umschreibung kann ich es nicht benennen. Ich konnte dem von ihm ausgehenden Odeur zumindest keine Mahlzeit zuordnen und hatte auch keinerlei Interesse dem weiter nachzugehen. Es war schlicht unangenehm diesem ausgesetzt zu sein, erst recht in einer solch engen Gasse wie der Dart Street, ohne große Ausweichmöglichkeiten. Oder gar vor dem ersten Kaffee, den ich im Französischen Viertel einzunehmen gedachte. Aber ähnlich einem Hahnrei oder schlecht rasiertem Mann fehlt denen mit schlechtem Atem das Gespür für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Spencer hatte mich am Wickel und hegte keinerlei Absicht seine Gesellschaft zu einer für mich positiven Erfahrung zu machen.

“Sie wirkten bedrückt, war alles was ich damit sagen wollte”, und mit diesen Worten trat er unglücklicherweise noch dichter an mich heran.

“Ich bin noch nicht lange wieder in der Stadt und versuche erst einmal anzukommen. Ich war wohl tief in Gedanken versunken.” Ich nahm an Spencer mit einer solchen Aussage über ihm sicher fremde tiefergehende Gedankengänge abwimmeln zu können.

“Sie haben doch genug Geld.” Er sagte das so als meinte er, Geld würde einen davon abhalten tiefergehende Gedanken zu hegen - und auf ihn, dessen Familienname ihm einen Platz in der ersten Reihe des gesellschaftlichen Rankings von Opal verschaffte, traf dies sicher zu.

Ich hatte mit seiner Familie geschäftlich zu tun und seine Eltern hielten es für hilfreich ihn mit diesen zu betrauen damit der Idiot etwas halbwegs sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen wüsste. Seine größte Leistung war bis zu diesem Tag allerdings das Nacktbad mit Mimzi Gadaton - dem ebenfalls idiotischen Spross einer anderen von Opals angesehensten Familien.

Während der jährlichen Regatta, ausgerichtet von den Chumleys, einer weiteren einflussreichen Familie, sprangen die beiden in die Fluten der Seven Colors. Mit nichts als einer Champagnerflasche zwischen sich, deren Inhalt das unerschrockene Pärchen im Wasser zu sich zu nehmen gedachte, gaben die beiden ein starkes Statement für die Mode. Die Zuschauer jubelten gleichwohl sie Spencers aschfahlen und wenig strammen Bauches angesichtig wurden wie auch Mimzis mit denselben Eigenschaften versehenen Hintern.

“Wie verrückt die beiden doch sind”, riefen die Zuschauer. “Wie sportlich.” “Diese Kinder.” “Das gehört in jede Zeitung, haha.”

Dort landete das dann auch und nicht nur in den Klatschspalten. Das unerschrockene Duo hatte bei seiner Wahnsinnstat das ein oder andere außer Acht gelassen. Zunächst einmal hatten wir Herbst und die nächtlichen Wasser der Seven Colors befanden sich nahe dem Gefrierpunkt. Dann waren die Seven Colors für ihr kabbeliges Wasser bekannt. Mimzi mag eine ganz passable Plantscherin im öffentlichen Schwimmbad sein, einer Esther Williams würde sie aber wohl kaum das Wasser reichen können. Und schlussendlich ist eine Champagnerflasche etwas, das sich aufgrund seines Gewichtes hervorragend dazu eignet von einem wild um sich rudernden Spencer dazu zweckentfremdet zu werden sich selbst bei dem Versuch Mimzi über Wasser zu halten, auszuknocken.

Die Wasserschutzpolizei wurde gerufen und alles schien sich in Wohlgefallen aufzulösen - abgesehen von Mimzis Tändelei mit einem der Polizisten, die Wochen später bekannt wurde und Oatsie Van Kleet, einen weiteren Sprössling einer reichen Familie, dazu veranlasste, mit gebrochenem Herzen auf das Chandler Building zu steigen und ausgestattet mit einem Revolver und reichlich Brandy zu versuchen sich das Hirn wegzublasen. Wenig erfolgreich übrigens. Der arme Junge kam mit einem über Wochen anhaltenden Klingeln im rechten Ohr davon.

Wie auch immer, Spencer stand nun vor mir mit der erkennbaren Absicht mir weiter meine Zeit zu stehlen obwohl ich erkennbar mit den Füssen scharrte und einen leichtsinnigen Versuch unternahm ihm deutlich zu machen, dass ich andere Pläne hatte.

“Ich weiß wie wir sie aufmuntern können,” sagte er, alles ignorierend was ich ihm über meinen Gemütszustand mitzuteilen versucht hatte. “Karten.”

“Karten?” antwortete ich.

“Eine Runde Rommee.”

“Nein. Nicht zu dieser Tageszeit. Da nehme ich normalerweise meinen Kaffee zu mir. In diesem Augenblick wird vermutlich gerade das spezielle Aroma ziehen meiner Tasse ziehen und sich der Eigentümer des Ladens wundern wo ich denn bleibe.”

Hast du je den Wunsch verspürt, Worte seien wie billige Perlen, die von einem kaputten Armband rutschen, du aber noch die Gelegenheit hast sie aufzufangen? Mit Worten, erst einmal ausgesprochen, ist das einzige das bleibt, dieses schlechte Gefühl im Magen, das sich auch jetzt einstellte als ich sah, wie sich Spencers Augen weiteten. Diesmal hatte er verstanden.

“Kaffee?”

“Ja.”

“Kaffee, Kaffee, Kaffee.” Er wiederholte es ständig, ganz so als müsste er es für einen späteren Vortrag auswendig lernen. “Wir sollten diesen Kaffee gemeinsam genießen, Mr. Black. Es ist kalt um diese Jahreszeit und wir sollten dafür Sorge tragen, dass es uns wieder warm um Wange und Herz wird.”

Es war die pure Gier, die in diesem Augenblick Spencers Leben rettete, denn wie ich schon sagte, geschäftlich war ich mit seiner Familie verbunden. Spencers Unfähigkeit auf diesem Gebiet war für mich sehr einträglich, sehr viel einträglicher als noch zu den Zeiten, da ich diese mit seinem Vater, ein ernsthafter Konkurrent im Geschäftsleben, tätigte. Ich mag mir nicht vorstellen, was ich sonst getan hätte. Mord ist Mord, oder? Aber verdammt, Kaffee ist Kaffee, und diesen in Verbindung mit hohlem Gewäsch zu sich zu nehmen sollte mit dem Tode bestraft werden. Liege ich da falsch? Bin ich zu hart? Vielleicht.

Aber an diesem Tag hatte Spencer einen Schutzengel, selbst in der verlassenen Dart Street. Und so stieß ich einen Seufzer aus und begann mich in Richtung des bald bedauernswerten Franzosen mit den großartigen Kaffeebohnen zu bewegen als…

… ich die Stimme des Mannes vernahm, den ich als Sam Mild kennenlernen sollte.

“Wir haben sie gesucht, Black. Sie kommen jetzt mit uns.”

Spencer und ich drehten uns um und sahen uns fünf Männern gegenüber. Sie waren alle gut gekleidet, wenngleich nicht gut aussehend … ausgenommen vielleicht Mild selbst, der über eine kantige Art verfügte, die manche Frauen reizvoll finden mögen. Die Schuhe waren geputzt und blitzten, alle trugen Fedorahüte in Varianten von dunkelgrau und dunkelbraun. Und sie alle trugen Revolver. Glänzend. Neu.

Ich hob eine Augenbraue als ich sie sah. Spencer gab ein Geräusch von sich wie ein kleines Kind, dem man mit dem dunklen Keller drohte.

“Und mit wem habe ich das Vergnügen”, fragte ich ruhig.

“Das soll sie nicht kümmern. Steigen sie in das Auto.” Mild deutete mit dem Kopf hinter sich wo ein sechster Mann am Ende der Dart Street stand, neben sich die offene Tür eines schwarzen Ford.

Das war der Augenblick als Spencer auf die Knie ging und sein Gesicht einen länglich wirkenden Ausdruck bekam. “Tun sie uns nichts! Entführer! Mörder! Ich habe Geld! Meine Eltern haben Geld! Töten sie uns nicht!”

Ich würde lügen, gäbe ich nicht zu Kilnes Gebaren als feige und widerlich empfunden zu haben. Mild, dem es wohl ähnlich ging, sah mit einem höhnischen Grinsen auf einen von Opals feinsten Söhnen herab.

“Von dir wollen wir nichts. Also sei still.”

Einer von Milds Männern schnappte sich Kilne, stellte ihn auf die Füße und verpasste ihm einen heftigen Tiefschlag. Wie tief? Nun, so tief, dass allein die Vorstellung schmerzt.

Ich war versucht zu lachen. Kilnes Gesichtsfarbe wechselte in rasantem Tempo von rot zu blau zu grün. Seine Lippen waren in einer Weise aufeinander gepresst als wollten sie verzweifelt einen Rülpser zurückhalten. Das Wasser schoss ihm in die Augen. Zum Schluss gab er ein angestrengt gemurmeltes hohes Kieksen von sich. Ich bin Männern jeglicher Herkunft begegnet. Dämonen. Ich bekam es mit vergessenen Kreaturen zu tun, die man nur aus Mythologien kennt, doch nie hörte ich etwas ähnliches wie das Geräusch, das Spencer Kilne an diesem Wintermorgen in der Dart Street von sich gab. Er sank zu Boden und sein Peiniger verpasste ihm einen weiteren Schlag, der ihn das Bewusstsein verlieren ließ.

Dann wandten sich die fünf Anzüge mir zu. Ich lächelte wie ich es mitunter in dieser Art von Situation zu tun pflegte. Und die Schatten kamen.

Zwei Angreifer fanden sich in der Luft wieder. Den einen zerriss es während der andere seinen Kopf verlor.

Mild, schnell und geschmeidig, entging einem weiteren meiner Geister in dem er sich zur Seite rollte.

“Verschwendet keine Kugeln! Jeder Schuss auf sie ist nutzlos!” rief er während er einem zweiten Geist auswich dabei aber unglücklich mit einer Wand kollidierte. Ich hörte wie in seinem Arm etwas riss.

Dann hörte ich ein lauteres Reissen als ein weiterer seiner Männer hochgehoben, sein Rückgrat gebrochen und die Überreste beiseite geworfen wurden.

Zu diesem Zeitpunkt war auch Mild gefangen worden und bereits auf dem Weg nach oben. Der Ruhe in seiner Stimme tat dies keinen Abbruch. “Wir sind nicht hier um ihnen etwas zu tun, Black. Wir benötigen ihre Hilfe. Mein Auftraggeber benötigt ihre Hilfe.”

Mit einem Schnipsen meiner Finger verschwanden die Schatten. Mild fiel zu Boden. Der letzte der fünf, den zuvor eine Schattenkreatur würgte, brach zusammen während er sich an den Hals griff und nach Luft schnappte.

“Warum sagen sie das nicht gleich?” entgegnete ich als ich auf Mild zutrat und ihm auf die Füße half.

Er nannte mir seinen Namen während er seinen gebrochenen Arm versorgte und immer wieder leicht zusammen zuckte.

“Nun, Mr. Mild, ich denke sie haben noch zu lernen, dass ein zivilisiertes Auftreten sehr viel zielführender sein kann. Worum geht es nun? Wer ist ihr Auftraggeber? Warum braucht er mich? Und wo wir schon einmal dabei sind, woher wissen sie so viel über mich, dass ihnen klar war, dass ihre Kugeln gegen meine Schattenkreaturen wirkungslos sind?”

“Mein Chef bezahlt mich gut dafür, dass ich meine Hausaufgaben mache.” Mild ging zu dem Mann, dem meine Geister das Rückgrat gebrochen hatten. Leicht niedergekauert hielt er ihm seine Waffe an die Schläfe. Der Mann stöhnte und schloss seine Augen.

“Entschuldige Eddie.” Mild flüsterte als er den Schlagbolzen zurückzog.”Du weisst wie wir die Dinge regeln.”

“Ich weiß.” flüsterte dieser zurück. “Wir sehen uns Sam.”

Mild erschoss ihn.

Dann wendete er sich mit einer Kaltschnäuzigkeit ab, die selbst mich beeindruckte. Er wirkte als hätte er gerade die Post in Empfang genommen oder ein Spinnennetz aus der Küchenecke entfernt.

“So sind die Regeln. Unser Boss mag es nicht wenn Dinge unerledigt bleiben. Was waren noch gleich ihre Fragen? Ach ja, da war dieser Kerl in St. Paul, Hubert Mason. Er hat diese verrückten Vorstellungen über sie und diese neue Brut an Superhelden und Superschurken, die überall im Land auftauchen. Flash und Human Bomb und Mr. Terrific. Wissen sie? Mason glaubt, sie alle seien ein Zeichen dafür, dass der Teufel von der Nation Besitz ergreift. Er hält sie alle für Agenten des Satans.”

“Da könnte Mr. Mason richtig liegen.” sagte ich mit einem Lächeln.

“Ja, wenn ich mir anschaue was sie gerade getan haben, dann könnte er tatsächlich richtig liegen. Aber mich damit zu befassen war gar nicht meine Aufgabe. Das waren die Informationen, die Mason über sie und die anderen zusammengetragen hatte. Er hatte vor durchs Land zu reisen und sie einen nach dem anderen zu töten. Er hatte gerade den Helden Clock getötet als ich ihn einholte und The Whip sollte der nächste sein.

Ich lächelte erneut. Mild tat es mir nach. Wir brachen beide in Gelächter aus. “Ja,” Mild setzte seinen Vortrag fort”ich denke er wollte erst einmal klein anfangen und sich dann zu den schweren Kalibern vorarbeiten. Wie auch immer, im Sammeln von Informationen war er jedenfalls richtig gut. Fragen sie mich nicht wie er das alles über sie herausfinden konnte aber er wusste eine Menge. So auch, dass ich gegen ihre Schattendämonen mit Kugeln nichts ausrichten würde. Dass ich sie nicht würde besiegen können.”

“Und wo ist Mason nun?”

“Er schlief mit einer brennenden Zigarette ein und verbrannte.” Mild lächelte erneut und zuckte leicht wegen seines gebrochenen Armes zusammen. “Natürlich rauchte er nicht bis ich ihn dazu brachte.”

“Und ihr Auftraggeber?”

“Er ist ein großes Tier in Hollywood. Sein Leben ist in Gefahr. Angriffe bizarrer übernatürlicher Kreaturen. Er braucht ihre Hilfe um dem ein Ende zu machen. Und er zahlt gut.”

“Zahlt? Mild, ist ihnen klar, dass, wenn sie sich nur die Mühe gemacht hätten ein paar Worte zu sagen, ich das Leben ihrer Männer verschont hätte?”

Mild zuckte. “Mein Auftraggeber ist Howard Hughes.”

“Howard Hughes also. Hmmm. Nun, ich war noch nie in Hollywood und wollte das schon längst einmal ändern.”

Mild nickte dem letzten verbliebenen seiner Männer zu. “Dan, nimm die Papiere der Männer an dich. Wir wollen nicht, dass sie identifiziert werden.”

“Was ist mit dem Fettsack?” fragte Dan als er zu Spencer ging und ihn mit dem Fuß anstieß.

Mild sah mich an. Er wirkte etwas verlegen. “Mr. Hughes wünscht keine Zeugen.”

Nun war es an mir kurz zu zucken. “Ich nehme an, Mr. Hughes bekommt üblicherweise was er will”, sagte ich und versuchte ob der sich abzeichnenden Entwicklung verärgert zu wirken.

Mild und ich gingen los und ließen Dan mit gezogener Waffe neben Spencer kniend zurück. Wir saßen im Ford als wir den Schuss hörten. Dan kam einen Moment später aus der Dart Street gelaufen, ein wenig von Spencers Blut am Hosenbein und sprang ins Auto.

“Ist es um diese Jahreszeit eigentlich warm in Los Angeles?” fragte ich.

“Wärmer als hier”, erwiderte Mild.

“Gut”, sagte ich und lehnte mich zurück. “Dann werde ich das Wetter genießen wenn auch sonst nichts.”




Geändert von LaLe (14.01.2022 um 14:11 Uhr)
LaLe ist gerade online   Mit Zitat antworten