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Alt 11.11.2021, 16:41   #37  
LaLe
Dr. Znegilletnirepus
 
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Aus The Shades Journal

Am heutigen Abend steht das Licht wie ein liebliches Seufzen über Opal. Ich weiß nicht ob das, was ich hier beschreibe, den Tatsachen entspricht oder ob es nur meine Stimmung ist, die mir die Nacht derart erscheinen lässt. Früher am Tage hatte ich aus dem Fenster geschaut und eine tote Drossel auf der Leiste liegen sehen. Zunächst wirkte es auf mich als würde sie schlafen, die Art und die süße Stellung in der sie dort lag, die so nur Babies und kleinen Tieren zu eigen ist. Bis zu dem Zeitpunkt da dieser Eindruck zu lange währt und dem Betrachter klar wird, dass das kleine Ding tot ist und kein Gott und kein verrückter Wissenschaftler etwas daran ändern kann.

Einst verabscheute ich Tiere. Als ich noch sterblich war, taugten sie bestenfalls dazu von mir verspeist zu werden. Rinder, Igel, Schafe, Pferde und Hühner waren feine Sachen, auf dem Teller, aber solange sie lebten - und mithin stanken - fand ich sie abstoßend. Sofern ich sie nicht gar fürchtete. Speziell Hunde empfand ich als ungenießbare und dumme Kreaturen, die man besser mied. Katzen waren nicht so lästig aber nicht weniger abscheulich. Einst las ich von dem großen Katzenmassaker in Paris, einige Jahrzehnte vor der Französischen Revolution. ich erinnere mich wie ich Charles darauf ansprach ob man derartiges nicht in London wiederholen könnte.

Ich weiß nicht, wann sich meine Sicht auf diese Dinge änderte. Bin ich bösartig? Ich frage mich das weil sich diese beiden Pfadfinder, Barry und Jay, einmal derart äußerten. Die beiden haben allerdings nicht die geringste Vorstellung von den vielen Graustufen, die das Leben auszeichnen. Für sie war jeder, der sich nicht wie ein Weißer der 40er und 50er Jahre verhielt, jemand, der außerhalb des gesellschaftlichen Konsens stand und damit per se "böse" war. Als ich dann mit meinen Raubzügen begann, entschieden sie, dass dies auch auf mich zutraf. Erst Garrick und dann sehr viel später Barry. Ich war mir meiner Boshaftigkeit nie so sicher, sagte mir dann aber wenn die beiden das so sehen...

"Also gut, wenn ihr das sagt, dann will ich der Indianer in eurer Wildwest-Geschichte sein. Wie es euch beliebt."

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem anderen Helden, Tarantula, Jonathan Law. Er schrieb an einem Buch über uns, die wir über besondere Kräfte verfügten. Ganz ohne Hintergedanken und mit erhobenem Olivenzweig bat er mich um ein Treffen.

Und wir redeten.

Jonathan Law war ein besessener Zeitgenosse mit einer geradezu finster anmutenden Ausstrahlung. Seine Freundin hatte ihn gerade verlassen, so vermutete ich, und er ließ sich gehen. Es ging mit ihm offenkundig zu Ende und die Arbeit an dem Buch war alles, das ihn noch bei Verstand hielt.

Und wir redeten.

Dann fing er an über unmoralisches Verhalten zu reden. Ich war ... bin weder gut noch böse. Ich stehe über diesen Dingen, jenseits der Moral Sterblicher. Das mag ein wenig selbstgefällig klingen. Womöglich wirkt dies wie eine Art Rechtfertigung oder Entschuldigung. Ich bin mir sicher, die Hälfte der Verrückten und Verbrecher, die dingfest gemacht werden, behaupten von sich dasselbe. Machte mich meine Unsterblichkeit zu etwas Besserem als diese Sterblichen, lange tot, an deren Grundsätze sich die Gesellschaft noch immer klammerte? Das fragte ich Jonathan Law im Gegenzug. Rein rhetorisch. Ich bin mir nicht sicher ob ich die Antwort hierauf weiß und ich bezweifle, dass ich mich mit dieser Frage länger und intensiver beschäftigen sollte. Sein wie ich bin. Leben wie ich lebe. Und sollte ich Gott ein zweites mal treffen, dann soll sein Urteil über mich ausfallen wie es ihm gefällt.

Jetzt, in meiner unsterblichen Form, habe ich den Tod vieler Menschen herbeigeführt. Bin ich dessen aber schuldig? Ich denke nicht. Einige von ihnen - ich würde so weit gehen zu behaupten die meisten - waren bösartig und verdienten was ihnen zustieß. Einige wenige nicht. Manche waren unschuldig. Nachtwächter. Polizisten. Der Bäcker mit den "erotischen" Küchlein. Ein Archäologe, der mich 1905 vom Schatz des Pharao fern halten wollte. Und ja, es gab da den Mord an Louis B. Mayer, bedrängt von Hollywood und der L.A. Police und schon lange überfällig. Egal. Es war Rache für das was er meinem alten Freund John Gilbert angetan hatte.

Und wie oft ich es auch tat, ich habe es nicht einmal auch nur im Ansatz bedauert oder gar bereut. Ein Tier habe ich hingegen noch nie getötet. Als ich noch sterblich war, hasste ich sie, doch irgendwas an meiner Transformation zu dem Unsterblichen, der ich heute bin, änderte meine Sicht auf die Vierbeiner. Im Fernen Osten gibt es Religionen, die behaupten, Tiere seien weniger wert weil sie Gott ihr Hinterteil zuwenden. Nachdem ich ihn einmal getroffen habe würde ich diese These bestreiten wollen.

Hinzu kommt, das Tier, das ich einst am meisten verabscheute, der Hund, ist mir nun die liebenswerteste Kreatur. Ich glaube, dass Hunde Gottes Weg sind uns zu zeigen, dass er ... sie ... es wirklich existiert. Wenn etwas fehlerbehaftetes wie die Evolution etwas ebenso fehlerbehaftetes wie den Menschen hervorbringt, dann kann allein eine höhere Macht so etwas Reines und Perfektes erschaffen wie den Hund.

Es gibt diesen alten Mythos, der besagt, dass Mensch und Tier einst eins waren. Dann wurde offensichtlich, dass der Mensch nicht wie die anderen Tiere war und diese wandten sich gegen ihn. Eine Linie wurde gezogen und auf der einen Seite fanden sich die Tiere, auf der anderen der Mensch.

"Du bist anders als wir und kannst nicht Teil unserer Gemeinschaft sein." sagte der König der Tiere.
"Du kannst niemals sein wie wir. Und kein Tier wird dir beistehen, denn sollte es dies tun würde es ebenfalls aus der Gemeinschaft der Tiere ausgestoßen und müsste das Schicksal des Menschen teilen. Es müsste beim Menschen leben und hätte mit seinen früheren Gefährten nichts mehr gemein."

Es herrschte Stille und die Worte lagen schwer in der Luft. Ein solches Schicksal fürchteten alle Tiere und niemand würde dieses auf sich laden wollen. Die Stille hielt eine Weile an, dann trat ein Tier hervor, überschritt die Linie um sich zum Menschen zu gesellen und wich seither nicht mehr von seiner Seite.

Es war der Hund und niemand, der je die Liebe eines Hundes erfahren hat, wird ernsthaft bezweifeln, dass es sich einst genau so zugetragen hat.

Gerne hätte ich einen Hund gehabt, doch ihre Lebensspanne ist zu kurz bemessen und ich lebe ewig. Der Gedanke daran, diese reine Freundschaft nur für kurze Zeit zu erfahren, ist selbst für mich zu düster. Und das will etwas heißen. Kipling schrieb einst, dass einen Hund zu haben bedeute, dass man eines Tages weinen werde. Ein Freund wäre nicht mehr an deiner Seite und hinterließe eine Leere. Ich könnte eine solche Leere nicht ertragen. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie es ist zu weinen und bin herzlich abgeneigt diese Erinnerung aufzufrischen.

Die Tränen und die Liebe überlasse ich gerne anderen und erfreue mich an ihnen aus der Ferne. Und Gnade denen, die in meiner Gegenwart Hunde misshandeln. Ich habe in der Anwendung meiner Schattenkreaturen eine derartige Meisterschaft entwickelt, dass die spanischen Inquisitoren angesichts der andauernden Qualen, die von Inspiration und quälender Wildheit meiner Kunst zeugen, vor Neid erblassen würden. Aber selbst das wäre nur ein schwacher Abglanz davon, was denen widerführe, die einen Hund misshandeln.

Das bringt mich zurück zu der Drossel auf dem Fenstersims. Es war kein Hund, doch der Vogel war tot und das machte mich auf eine Weise traurig, die ich jetzt erst, wo ich dies schreibe und darüber nachdenke, so richtig verstehe.

Und so wirkte der Tag auf mich verzerrt und auf eine Art müde als er in eine lustlose Nacht überging.

Wie auch immer Jack, wenn du das hier liest und es dir wie ausschweifendes und zielloses Geschreibsel vorkommt, kann ich dir nur beipflichten. Ich habe aber auch nie behauptet, dass meine Aufzeichnungen eine Anhäufung aufregender Geschichten seien, oder?

Gedankenspiele sind Gedankenspiele, manche bringen großartige Gedanken hervor, andere nicht.

Jetzt aber!

... Wenn du etwas Lesenswertes haben möchtest. Ich werde etwas darüber erzählen wie ich einst für Howard Hughes arbeite. Das war 1943 und es begann in Hollywood. Ich kehrte gerade aus London zurück, wo ich Captain X, einen jungen amerikanischen Fliegerhelden, unterstützt hatte. Zurück in Opal sah ich mich mit fünf von Hughes´ Männern konfrontiert, die versuchten mich zu entführen. Unglücklicherweise waren sie ähnlich ungeschickt darin ihr Begehren vorzutragen wie ich schnell darin war eine fatale Fehlentscheidung zu treffen.

Drei von ihnen starben bevor mir der vierte erklären konnte, dass Hughes meine Hilfe benötigte und nicht vorhatte mir irgendwie zu schaden. Er bezahlte gut und so entschied ich mich ihm zu folgen. Hin zum Smog, den Palmen und den Wellen des Pazifiks.

Für Hughes begann alles damit, dass ein Greif versuchte ihn zu verschlingen. Einer seiner Angestellten hatte dann das zweifelhafte Vergnügen an seiner Statt als Mahlzeit für das Fabelwesen herzuhalten. Der Vorfall war für Hughes aber aufregend genug um auch ihn zum Zittern zu bringen.

Wenige Tage später war Hughes erneut Ziel einer solchen Attacke. Diesmal versuchte ihn ein riesiges weißes Kaninchen vom Himmel zu holen als er einen Testflug absolvierte. Hughes konnte ihm gerade noch ausweichen und nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass der Angreifer eine nicht weniger gigantische Uhr an einer Kette bei sich trug.

Seltsam, seltsam höre ich dich murmeln.

Dasselbe sagte ich mir mehrfach als ich mit meinen Nachforschungen begann, als ich Zeuge eines Pistolenduells zwischen Micky Cohen und einem verrückten Hutmacher wurde oder als ich Ava Gardner vor zwei psychopathischen Zwillingen beschützte ...




Geändert von LaLe (20.03.2022 um 21:29 Uhr)
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