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Alt 12.05.2021, 21:32   #12  
LaLe
Dr. Znegilletnirepus
 
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Bevor es mit dem Abschluss des ersten Storybogens weitergeht, hier einmal mein Versuch, den im letzten Heft enthaltenen und in den Omnibussen ausgesparten Auszug aus dem Tagebuch von The Shade zu übersetzen. Eine bloße Transkription wäre mir irgendwie zu blöd gewesen und bevor ihr fragt, nein, mir ist nicht wirklich langweilig. Wäre toll wenn es mir auch nur annähernd gelungen wäre, den Text so ins Deutsche zu übertragen, dass ihr zumindest eine Idee davon habt, was den Robinson-Run an Starman für mich zu etwas ganz Besonderem macht. Dieser Auszug ist dafür ein perfektes Beispiel.


Aus The Shades Tagebuch

Mit der Unsterblichkeit ist das so eine Sache, speziell mit den Erinnerungen. Ein verlängertes Leben bringt so viel mehr an Ereignissen mit sich, derer man sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder erinnern kann. Und ich habe mein Leben nun wahrlich in einer Weise gelebt, dass es sehr viele Dinge zu erinnern gibt.

Heute geschah nicht viel und so hatte ich das Bedürfnis weiter an meinen Aufzeichnungen zu arbeiten. Ein David Knight patroullierte durch die nächtlichen Straßen Opals und so entschied ich mich von vergangenen Zeiten zu schreiben.

Ich erinnere mich an meinen letzten Aufenthalt in London. Ich besuchte auch Oscar in seinem Haus an der Tide Street und dankenswerter Weise geschah dies noch bevor er in Ungnade fiel. Wir genossen einen feinen Cream Tea, Oscar augenscheinlich nicht den ersten, wie seine Hüften bewiesen. Damals wurde mir das gar nicht so richtig bewusst, aber nun, da ich an die Begebenheit zurückdenke...

Unsere gemeinsame Zeit war ein wahrer Genuss. Die meiste Zeit hörte ich ihm aufmerksam zu gleichwohl die vorherige Nacht nicht ohne Nachwirkung blieb. Doch irgendwann begann er mit seinen Geschichten über die Londoner Gesellschaft. Ich erinnere insbesondere die der "Dame" Catherine Walters, in ihrem Gewerbe besser bekannt unter dem Namen "Skittles" und ihre Liaison mit dem Cricketspieler W. G. Grace, die unter der Bezeichnung "Dr. Grace getting a sticky wicket" die Runde machte. Ich bekam mich kaum wieder ein.

In diesem Augenblick begann ich zu realisieren, dass ich womöglich nicht länger alterte. Die Erkenntnis kam so plötzlich über mich als ich der Tatsache gewahr wurde, dass ich die Woche zuvor sechzig geworden war und noch immer wie Ende dreißig aussah. Und an Oscar konnte ich an diesem Tag erkennen, was ein Lebenswandel wie ich ihn führte, für Auswirkungen auf den Körper hat, gewöhnlich haben sollte. Meinen Freund so zu sehen, während ich davon verschont blieb, machte mich traurig. Ich schämte mich gar, fühlte mich irgendwie ... schuldig.

Rückblickend ist das womöglich der Grund, weshalb ich Oscar nie wieder sah. Es war 1891, Jahre nach unserem letzten Treffen in Opal während seiner Amerikareise und Jahre vor seiner Auseinandersetzung mit Queensbury sowie all dem was darauf folgen sollte. Bedauernswerter Oscar, vielleicht hätte ich für ihn da sein sollen, ´95. Aber wie viele andere Freunde auch, war ich nicht auffindbar.

Wie auch immer, Oscar hatte mir an diesem letzten gemeinsamen Abend unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass meine spätere Anwesenheit im Hinblick auf die folgende Verabredung mit seinem Lord Alfred nicht erforderlich war.

Und so waren wir in dieser Nacht allein, London und ich.

Meine angeschlagene Stimmung und der scharfe Wind trieben mich dann zur Tiger Bay unten an der Themse, wo die Luft erbärmlich stank. Ein Ort von dem sich Menschen guter Gesinnung fernzuhalten wussten. Nur weder bin noch war ich ein guter Mensch. Und so ging ich weiter.

Die Opiumhöhlen und Kneipen waren voll von Seeleuten, Hafenarbeitern und Orientalen. Keine Sprache, die hier nicht gesprochen wurde, keine Hautfarbe, die man nicht zu Gesicht bekam. London war schon immer ein Schmelztiegel und in dieser Nacht brannte das Feuer unter ihm lichterloh.

Ich betrat einen verlassenen Friedhof und stolperte über eine Szene, die sich nicht jeden Tag bot. Ein riesiger Braunbär wurde von seinem Besitzer zu Tode geprügelt, dem Ende nah, geschunden von nicht enden wollenden Hieben mit einem nietenbesetzten Hammer. Ich überlegte was das Tier getan haben könnte, dass es eine solche Behandlung verdiente und der Mann erklärte mir, es sei zu alt um weiter seine Kunststücke aufzuführen. Als Tanzbär am Pitney Market und anderen Orten hatte es ihm lange Zeit gutes Geld gebracht aber nun sei es zu alt und fräße ihm die Haare vom Kopf. So habe er sich dazu entschlossen es zu töten und sein Fleisch an eine Schlachterei zu verkaufen.

Die Szene wirkte auf mich derart lächerlich. Dieser kleine schwächliche Mann erhob sich über das Tier und maßte sich an dessen Existenz aufgrund seines Alters ein Ende zu setzen. Ich will nicht ausschließen, dass es meine Schuldgefühle Oscar gegenüber waren, die mich in diesem Augenblick bewegten und zu meiner Reaktion führten. Irgendwie.

Wie auch immer. Ich tötete den Mann.

Was mich zur Tiger Bay getrieben hatte war der Umstand, dass ich hier in meine neue Existenz geboren wurde, die als The Shade. Ich begann über meine einst "menschliche" Existenz nachzudenken, die vor der Transformation. Ich nahm an, erhoffte mir, dass mir die Rückkehr an den Ort meiner Neuwerdung eine Art inneren Frieden schenken könnte. Denn bis zu diesem Tag verfolgten mich die Schrecken meiner Neugeburt und die zahllosen mit ihr verbundenen Tode, die ich starb. 1891 hätte ich alles getan um dem ein Ende zu setzen.

Aber zurückzuschauen bringt einen nicht voran. Das mag in der Vorstellung der Dichter ein probates Mittel sein. Ich bin kein Dichter. Alles was mir diese Rückschau einbrachte war eine Traurigkeit von der Art, die einen an dunkle Orte zieht, die selbst jemand wie ich, der sich im Dunklen heimisch fühlt, fürchtet.

Gerade als ich mich wieder der Stadt zuwandte, sah ich sie, den letzten Sargnagel meiner schwindenden Zuneigung für London. In der Victoria Match Factory arbeiteten gut tausend Mädchen und Frauen. Ihre Arbeit bestand darin, Hölzchen in Phosphor zu tauchen was aufgrund des andauernden Kontaktes mit dessen Dämpfen dazu führte, dass deren Knochen nekrotisierten. Der Anblick von Bettlerinnen ohne Kiefer oder Finger war ein alltäglicher. Man nannte sie "Phos Girls". In diesem Augenblick rührte mich der Anblick einer solchen armen Seele an. Ihr fehlender Kiefer hinderte sie am Sprechen und so gab sie Laute von sich, die an das klagende Miauen eines Kätzchens erinnerten. Ich hatte solche Mädchen schon gesehen. Es war wahrlich kein neuer Anblick und ich hatte angenommen, dass mich das inzwischen so weit abgehärtet, verhärtet hätte, dass es mich nicht mehr berührt.

In dieser Nacht nahm eine Träne ihren Weg über meine Wange.

Ich gab ihr ein Pfund. Mit Sicherheit mehr Geld als sie in ihrem ganzen Leben je besessen hatte.

Ich drehte mich um und ließ sie zurück und mit ihr London und England. Ich kehrte nie zurück. Opal City war bis dahin mein Wohnort gewesen, der Ort von dem aus ich zu meinen Reisen nach London, Paris oder Gotham City aufbrach. Doch nun war Opal meine Heimat geworden, mein Platz in dieser Welt.

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Es ist eine Stunde her seit ich die letzten Zeilen schrieb. In dieser Stunde ist viel geschehen. Ich genoss einen hervorragenden französischen Wein, der mein Mahl bestehend aus gutem Rind und Oyster Pie wunderbar abrundete. Ein Einwohner Opal Citys hatte sieben Millionen Dollar in der Lotterie gewonnen. Und David Knight, der amtierende Champion und Held der Stadt, hatte weniger Glück.

David Knight wurde vor zwanzig Minuten getötet.

Die Berichte sind noch vage, es gibt kaum belastbare Aussagen aber es scheint, dass David Knight starb. Da ist nichts, das ich nun tun könnte oder das zu tun ich mich veranlasst sähe. Ganz davon ab, dass die Möglichkeit besteht, dass ich dies eh nicht beabsichtige. So verfolge ich weiter die Nachrichten, überlege, und ja, in meiner gegenwärtigen Stimmung...

... ich erinnere mich.

Nur wenige wissen um den Starman der 50er, ich hingegen erinnere mich. Er flog durch Opals Nachthimmel für ein Jahr und eine Woche und starb am Ende einen heldenhaften Tod. Heldenhaft aber dumm.

Ted Knight arbeitete weiter an seinen Forschungen, hatte gerade den Prototypen eines Gravitationsstabes entwickelt und beschäftigte sich vermutlich mit der Frage wie er diesen weiter optimieren könnte. Er erholte sich dabei von den Verletzungen, die er sich in Washington zugezogen hatte. Jetzt, da ich darüber näher nachdenke, eine zeitlang stand es nicht gut um ihn. Dann heiratete er noch und bekanntlich sind Frauen das Ende aller männlicher Bemühungen. Wer will ihm also verdenken, dass er eine Auszeit vom Superheldendasein nahm?

Ich habe eine ganze Reihe von Theorien darüber entwickelt, wer damals seinen Platz als Starman eingenommen hatte. Die Antwort auf diese Frage ist etwas, das mich auch heute noch herausfordert. Womöglich weiß Knight um sie und vielleicht ergibt sich eines Tages die Gelegenheit ihn danach zu fragen. Wie auch immer, dass dieser Starman über völlig andere Kräfte verfügte und keinerlei Verbindung zu seinem Vorgänger oder irgendeinem seiner Nachfolger hatte, war offenkundig. Ein wahres Rätsel. Ein Puzzle. Manche mögen so etwas, ich empfinde dafür regelrechte Abscheu.

Eines Tages werde ich die Wahrheit wissen. Die ganze Wahrheit.

Doch für den Augenblick beschränke ich mich darauf mich zu erinnern.

Geändert von LaLe (11.11.2021 um 16:43 Uhr)
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