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Alt 10.03.2018, 09:22   #18  
Peter L. Opmann
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Jetzt will ich mal mit der "Spinne"-Lektüre beginnen.

Die Datenliste, die hier üblich ist, will ich übernehmen. Allerdings verbinde ich "Inhalt" und "Bemerkungen", da ich beides in einem Text zusammenführen möchte. Die Daten zu "Auch erschienen" bekomme ich wohl nicht in jedem Fall hin. Gerade bei "Amazing Fantasy" # 15 fehlt mir der Überblick, wo das alles erschienen ist und bei den Zweitstorys erst recht. Vielleicht kann das jemand anders ergänzen - oder kann man die Daten zuverlässig irgendwo im Internet finden?

Die Spinne (Williams) 1

Erscheinungstermin: 1/1974

Originalausgabe:
1) Amazing Fantasy # 15
2) Tales to Astonish # 70
3) Journey into Mystery # 97

Story-Titel:
1) Die Spinne
2) Die Suche beginnt
3) Geschichten aus Asgard! Heimat der mächtigen Nordgötter

Original-Storytitel:
1) Spider-Man!
2) Beginning: The Start of the Quest
3) Tales of Asgard

Zeichnungen:
1) Steve Ditko
2) Adam Austin (= Gene Colan)
3) Jack Kirby

Text:
1) Stan Lee
2) Stan Lee
3) Stan Lee



Meine erste „Spinne“-Ausgabe war die # 14 (mit „Memrod“ dem Jäger). Der Erstausgabe bringe ich also keine nostalgischen Gefühle entgegen. Etwas ehrfürchtig war ich schon, als ich das Heft vor einigen Jahren endlich erworben habe. Mein Exemplar hat deutliche Gebrauchsspuren – abgesehen von der oberen rechten Ecke, die abgerissen ist, ist es aber nicht beschädigt, dafür war es entsprechend günstig. Jedenfalls: Das war nun der Beginn von „Amazing Spider-Man“ bei Williams. Ich war jetzt beim Wiederlesen aber insgesamt recht enttäuscht.

Die Redaktion scheint unschlüssig gewesen zu sein, was sie mit diesem Titel anfangen sollte. Das Cover ist gar nicht das Original, das immerhin von Jack Kirby stammt und ähnlich ikonisch ist wie das von „Action Comics“ # 1. Das Bild mit dem vorbeischwingenden Helden, der einen Gauner unterm Arm hat, haben Williams-Leser nie zu sehen bekommen. Dies ist vielmehr das Cover von „Amazing Spider-Man“ # 98. Der Grüne Kobold ist wegretuschiert, und dafür ist ein völlig unpassend aus dem Wasser springender Submariner hineingeklebt, der einen Hansrudi-Wäscher-artigen Spruch absondert: „Zu spät, Verräter! Aquarius naht!“ Die Werbeaussagen zur Spinne sind auch nicht viel geistreicher.

Auf der inneren Umschlagseite finden wir ein auf Marvel allgemein bezogenes Vorwort von Stan Lee (den damals noch kaum jemand gekannt haben dürfte). Dann folgt die nur elf Seiten lange Origin-Story aus „Amazing Fantasy“ # 15. Das damals noch 36 Seiten umfassende Heft wird aufgefüllt mit der Zweitstory aus „Tales to Astonish“ # 70. Hier wird nicht die Herkunft von Aquarius erklärt, der ja eine Golden-Age-Figur ist und in dieser Episode nach Atlantis zurückkehrt – und sie ist witzigerweise eine Seite länger als die „Spinne“-Story. Und weil dann immer noch Platz ist, wird das Heft mit einer „Geschichte aus Asgard“ abgerundet, die vergleichsweise am besten gezeichnet ist. Der unbedarfte Leser fühlt sich wie in einem Gemischtwarenladen und hat keine Ahnung, was die Heftreihe „Die Spinne“ nun eigentlich ausmacht.

Aber immerhin: Die allererste „Spinne“-Story ist drin. Man bekommt den Eindruck, daß das eine Serie wird, die sich von herkömmlichen Superhelden-Vehikeln unterscheidet. Stan Lee und Steve Ditko wußten von Anfang an, was sie wollten. Der Held war im wirklichen Leben ein problembeladener Teenager (einen Jungen als Held hatte es bei Fawcetts Captain Marvel gegeben, einen mit Pubertätsproblemen noch nie). Peter Parker entdeckt seine Kräfte, die er auf ungewöhnliche Weise erworben hat (bekanntlich durch den Biß einer radioaktiv verseuchten Spinne), und er kämpft keineswegs von Anfang an gegen das Böse, sondern will, was auch näher liegt, mit seinen wundersamen Superkräften reich und berühmt werden. Erst als ein Räuber, den er aus Hochmut nicht aufhält, später seinen geliebten Onkel tötet, merkt er, daß er mit seinen Fähigkeiten auch Verantwortung erworben hat. Im Unterschied zu Batman, dessen Eltern von Gangstern umgebracht werden, schwört Spider-Man nicht Rache; er führt keinen Kreuzzug gegen das Böse. Aber er kann nicht einfach so dastehen, wenn in seiner Nähe Unrecht geschieht.

In der ersten Story fehlt noch ein richtiger Supergegner; es geht also auch nicht um eine gewitzte Methode, so einen zu besiegen. Lediglich die Superkräfte der Spinne sind schon ziemlich genau definiert: die proportionale Kraft einer Spinne, die Fähigkeit, an Wänden zu kleben und zu laufen, der Netzapparat, den Peter Parker selbst konstruiert. Der klingelnde Spinnensinn kommt erst im nächsten Heft. Die Geschichte hat dagegen große Anteile von Alltagssituationen, was für die Serie durchaus weiter kennzeichnend sein wird. Wegen der Verwandlung einer Figur, die nicht weiß, wie ihr geschieht, gleicht sie einer der Monster-Storys, die damals noch mehr Erfolg hatten. Andererseits fehlen Gruseleffekte fast völlig (waren auch vom Comics Code nicht erlaubt). Mir ist das aufgefallen, weil zu bsv-Zeiten mit dem Bild einer haarigen Tarantel für „Die Spinne“ geworben worden war. Ich als Steppke habe die Serie darauf prompt für Horror gehalten und lieber die Finger davon gelassen. Mit Horror hat „Spider-Man“ aber fast nichts zu tun. Man könnte die „Spinne“-Originstory unter Science Fantasy einordnen, aber sie läßt sich eben auch im Superheldengenre weiterführen, was dann auch passiert.

Steve Ditko hat schon ganz zu Beginn einen Teil der typischen Spinne-Posen drauf, was ich durchaus beeindruckend finde. Er arbeitet später vor allem die akrobatischen Fähigkeiten der Spinne noch besser heraus. Parker trägt wie Clark Kent anfangs eine Brille, die Ditko aber dann bald wegläßt. Durch die verspiegelten Augenfelder der Spinne-Maske läßt er einmal Parkers aufgerissene Augen erkennen; solche kleinen Fehler sind aber entschuldbar. Alles in allem ist gleich zu Beginn zu erkennen, daß er für diese Serie die bessere Wahl ist als Jack Kirby.

Die Redaktion hat in diesem Heft nicht weniger als sechs redaktionelle Seiten zur Verfügung. Neben der lange obligatorischen Checklist und der Vorschau auf die nächste Monatsproduktion handelt es sich um das schon erwähnte Stan-Lee-Vorwort, ein Miniposter des Ding (FV), eine Werbeseite für Sammelcoupons und ein Bilderrätsel. All das trägt eher dazu bei zu verschleiern, was für eine wegweisende Spinne-Geschichte hier präsentiert wird. Ich denke, die Redaktion hätte dazu durchaus etwas zu sagen gehabt, denn zu diesem Zeitpunkt lief die Serie in USA schon mehr als zehn Jahre lang.
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