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Alt 14.07.2018, 17:09   #231  
Peter L. Opmann
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Spinne (Williams) 39

Erscheinungstermin: 8/1975

Originalausgabe:
1) Amazing Spider-Man # 38
2) Tales to Astonish # 101

Story-Titel:
1) Ein Kerl namens Joe!
2) …und Unheil wird winken!

Original-Storytitel:
1) Just a Guy named Joe
2) …and Evil shall beckon!

Zeichnungen:
1) Steve Ditko
2) Gene Colan / Dan Adkins

Text:
1) Stan Lee
2) Archie Goodwin



Ich nehme mal an, daß Steve Ditko noch nicht wußte, als er diese „Spider-Man“-Ausgabe zeichnete, daß es seine letzte war. Ob er möglicherweise dachte: Hoffentlich kann ich nach diesem Heft endlich aufhören, oder ob Stan Lee dachte: Wenn er noch einmal so einen Mist anschleppt wie ASM # 37, dann werfe ich ihn endgültig raus – das weiß wohl niemand ganz genau. Es ist erneut eine von einigen Superhelden-Mustern abweichende Geschichte, und ich bezweifle, daß es für Marvel gut gewesen wäre, wenn Ditko in dieser Art weitergemacht hätte.

Hätten wir die Originalausgabe vor uns, dann könnten wir den Epochenwechsel schon am Cover sehen. Denn es handelt sich um ein lediglich collagiertes Motiv, wahrscheinlich stand Ditko, als es produziert wurde, schon nicht mehr zur Verfügung. Eine Spinne-Figur aus dem Comic ist großgezogen, und unten sind drei Panels aus dem Comic ergänzt, die Spider-Man im Kampf mit „Joe“ und mit Gangstern zeigen. Williams hatte dieses Cover aber schon bei „Spinne“ # 2 verwendet und ließ daher ein neues zeichnen. Das ist nicht schlecht gemacht. Als Junge fiel mir das nicht auf, und heute bemerke ich es zumindest nicht auf den ersten Blick. Es ist ein nachgezeichnetes Panel, aber anatomisch wird Ditkos Version sogar verbessert. Nur werden, wie beim nachgezeichneten Cover von „Spinne“ # 30, Muskeln kaum hervorgehoben.

Dann überrascht, daß Ditko hier auf eine Splashpage verzichtet. Dafür habe ich keine Erklärung. Der Gegner der Spinne wird hier ausführlich vorgestellt. Joe Smith träumt davon, Boxchampion zu werden, ist aber wohl zu untalentiert. Sein Manager vermittelt ihm darauf eine dümmliche Filmrolle: In einem Fantasiekostüm soll er Amok laufen. Joe zertrümmert aus Frust die Kulissen so gründlich, daß eine Filmlampe umkippt und er einen gewaltigen Stromschlag abkriegt. Darauf ist er benommen, hat aber plötzlich Superkräfte. Nun kann er auf den New Yorker Straßen richtig Amok laufen. Die Spinne greift ein, wird aber von Joe locker aus dem Weg geräumt. Sein Manager kommt dazu und hilft ihm, erstmal unterzutauchen. Joe sieht immer noch Sterne und kann nicht richtig denken. Aber er bleibt nur kurz unter Kontrolle. Der Frust muß raus, und Joe will nun richtig losprügeln.

Die Spinne wird zur gleichen Zeit von einigen Ganoven angegriffen, nachdem ein Unterweltboß dem, der sie erledigt, 100 000 Dollar versprochen hat. Während sie ihre Gegner reihenweise umhaut, entdeckt sie Joe in seinem früheren Boxstudio, wo er gerade unter seinen früheren Sportfreunden aufräumt. Sie mischt sich ein, und Ditko läßt zehn Panels Prügelei ohne Dialoge folgen. Am Ende hat Joe einige schwere Treffer der Spinne abbekommen, die eine unerwartete Wirkung entfalten: die Benommenheit ist weg; Joe ist wieder normal. Alle sind glücklich. Joe kann nun Schauspieler werden und den angerichteten Schaden mit seinen Gagen problemlos bezahlen. Die Spinne zieht sich zurück, muß sich aber noch einmal mit den Gaunern befassen, die sich auf sie gestürzt hatten. Die erledigt sie nun gewissermaßen im Vorbeigehen endgültig. Aber zufrieden ist sie mit diesem Erlebnis keinesfalls.

Joe ist eine zwiespältige Figur. Daß jemand ungewollt zum Bösewicht mutiert, finde ich keine schlechte Idee. Das wurde später mit dem „Strolch“ („Prowler“) noch einmal durchexerziert. Aber daß einer durch einen Stromschlag superstark wird, halte ich für ein Indiz dafür, daß Ditko auf das Superheldenkonzept keine Lust mehr hatte. Er hätte die Spinne sicher lieber als Gegenspieler der Unterwelt gesehen. Und anscheinend war er ein Fan von Boxen und Wrestling. Aber für den Leser ist die Story ziemlich unbefriedigend. Joe, der zur Abwechslung mal ein gewisses Profil bekommt, hätte wohl zu einer interessanten Figur ausgebaut werden können, taucht aber offenbar erst spät wieder im Marvel-Universum auf.

Aber es tut sich auch wieder einiges in Peter Parkers Privatleben. Bei Jameson kündigt bereits die zweite Sekretärin (vielleicht auch die dritte, denn die im letzten Heft sah etwas anders aus). Peter begegnet in der Redaktion Ned Leeds. Er dachte, Leeds ist mit Betty an die Westküste gereist, aber es stellt sich heraus, daß auch Leeds nicht weiß, wo Betty steckt. Peter bleibt bei seiner Strategie, die Verbindung zu Betty durch Arschloch-Verhalten zu beenden (weil die Spinne zwischen ihnen steht). Leeds empfindet das als Herzlosigkeit. An der Uni stößt Peter auf demonstrierende Studenten. Hier sind sie noch keine Helden; Peter distanziert sich von ihnen, was ihn allerdings in den Verdacht bringt, Parteigänger von Richard Nixon zu sein (1966 war er noch nicht US-Präsident, hatte aber anscheinend schon einen schlechten Ruf). Jedenfalls: Zu diesem Zeitpunkt war die Protestkultur noch im Zwielicht.

Nachdem Joe seinen Frust los ist, geht er offenbar auf die Spinne über. Aus Wut auf Leeds versetzt sie einer auf der Straße herumstehenden Schaufensterpuppe einen Schlag. (Manche glauben, die Schaufensterpuppe sollte in Wirklichkeit Stan Lee darstellen.) Dann taucht noch Mary Jane Watson bei Tante May auf. Wir sehen von ihr praktisch nur ihren voluminösen Busen und ihre Wespentaille. Als Peter nach Hause kommt, braust sie gerade in einem Sportwagen davon. Er ist enttäuscht, aber nur deshalb, weil er gehofft hatte, es sei Betty. Im Fernsehen wird gemeldet, daß Joe Smith von Hollywood einen hochdotierten Vertrag bekommen hat. Dazu wird verbreitet, daß er die Spinne im Kampf besiegt habe. Peter ist endgültig bedient. Nächste Ausgabe: „Die größte Überraschung der Saison“ – ich glaube, damit ist nicht der neue Zeichner John Romita gemeint.

Im redaktionellen Teil lernen wir den dritten „Leser des Monats“ kennen. Werner ist wiederum ein älterer Marvel-Leser und vertritt die willkommene These, daß Comics nicht Schund, sondern gute Unterhaltung sind. Recht hat er immerhin mit der Behauptung, die Jugendlichen seiner Generation würden als Eltern einmal aufgeschlossener sein. Interessanter ist die Leserbriefseite, aber vor allem die Antworten der Redaktion. Zum einen geht es um die ausgelassene Ausgabe mit dem Skorpion; da wird wahrheitswidrig behauptet, bei dem ausgefallenen Abenteuer hätten die Amerikaner einen Fehler gemacht. Außerdem teilt die Redaktion mit, man wolle in jeder Produktion die Leserbriefe nur einmal pro Serie abdrucken. Deshalb gebe es in „Spinne“ und „FV“ nur alle zwei Ausgaben eine Leserbriefseite. Es gibt immer noch Leser, die nicht verstehen, daß Williams ältere Marvels bringt als zuvor der bsv. Hier heißt es nun seitens der Redaktion lapidar, die Zeichner wechselten in USA öfters, und Williams habe darauf keinen Einfluß.

Letzte Bemerkung: Wieder mal wird eine Episode des „Submariner“ ausgelassen, ausgerechnet „Tales to Astonish“ # 100 mit einem 20 Seiten langen Duell von Aquarius und Hulk. Dafür gibt es nun einen neuen Zeichner, der mir immer gut gefallen hat: Gene Colan.

Geändert von Peter L. Opmann (14.07.2018 um 17:17 Uhr)
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