Comicgeschichte im Roman

  • Diesen Thread sehe ich als Ergänzung zu Comicgeschichte im Comic, der seit 2012 läuft und sich mittlerweile dem 500. Post nähert.
    Mit Romanen meine ich in dieser Hinsicht belletristische Formen im allgemeinen, also auch Erzählungen, Novellen und ähnliches, sofern sie als Einzelwerk vorliegen. Eine einzelne Kurzgeschichte zu dem Thema würde herausfallen, aber eine Anthologie von Kurzgeschichten könnte hier gern vorgestellt werden.
    Dabei sollte das Erzählerische im Vordergrund stehen und sich klar von der regulären Sekundärliteratur abheben, also keine Biographien oder Übersichtswerke. Tie-ins und Romanadaptionen bekannter Comicstoffe fallen ebenso heraus; das Werk sollte sich schon durch Eigenständigkeit auszeichnen. Auf der anderen Seite sehe ich es gern, auf welches konkrete Kapitel Comicgeschichte angespielt wird. Die Schilderung von persönlichen Erlebnissen aus dem Fandom allein reicht nicht aus.
    Obwohl das Feld übersichtlich ist, werde ich ein wenig lawinieren, um im Laufe des Tages alle mir bekannten Beispiele zu präsentieren. Ich nehme an, dass es besonders im Bereich Manga in Asien sowie im frankophonen Bereich noch etliche Perlen gibt, die unter meinem Radar liegen. Am besten illustriere ich das, was ich meine, am wohl berühmtesten Beispiel des metafiktionalen Subgenres.

    Michael Chabon: The Amazing Adventures of Kavalier & Clay. A Novel (Random House 2000), 639 Seiten, deutsche Ausgabe: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay (Kiepenheuer & Witsch 2002), 811 Seiten
    Roman über das Golden Age der Comichefte in den USA, wobei Superhelden im Vordergrund stehen. Angespielt wird unter anderem auf Jack Kirby, Bob Kane, Stan Lee, Jerry Siegel, Joe Shuster, Joe Simon, Will Eisner und Jim Steranko.
    Der internationale Bestseller wurde 2001 mit dem Pulitzer Prize for Fiction | Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet. Der fiktionale Superheld The Escapist erhielt 2004 bei Dark Horse Comics seine eigene Serie von Comicheften: Michael Chabon Presents the Amazing Adventures of the Escapist, ein Tradepaperback mit 152 Seiten erschien dort 2004. 2014 wurde der Roman für das Theater adaptiert, 2025 präsentierte die Metropolitan Opera in New York City eine Opernfassung. Gespräche über Adaptionen für Film und Fernsehen wurden wiederholt geführt, die Projekte verschwanden aber bislang in der Produktionshölle.

  • Frederick Tuten: Tintin in the New World: A Romance (William Morrow and Company, Inc. 1993, Riverhead Books 1996), 239 Seiten, deutsche Ausgabe: Tim und Struppi in der neuen Welt. Roman (Ammann Verlag & Co. 1994), 309 Seiten

    Der New Yorker Schriftsteller Frederick Tuten verfasst Kurzgeschichten, Romane und Essays. In seinem Roman versetzt er Hergés Tim, Struppi und Kapitän Haddock auf Thomas Manns Zauberberg (1924), hier ein Hotel in der Nähe von Machu Picchu, wo sie auf Mynheer Peeperkorn, Naphta, Settembrini und Clawdia Chauchat treffen. Tim nimmt die Rolle von Hans Castorf ein.
    Das war vor Ewigkeiten meine erste Begegnung mit diesem Subgenre, das ich mir als Hergé-Fan nicht entgehen lassen durfte. Damals habe ich den Roman als skurrilen Solitär wahrgenommen.


    Claude Cueni: Warten auf Hergé: parodierender Roman (Münster Verlag 2018), 192 Seiten, mit über 150 Fußnoten und Quellenangaben

    Der Schweizer Schriftsteller Claude Cueni ist französischsprachig aufgewachsen und rechnete 2018 sowohl in seinem Sachbuch 90 Jahre Tim & Struppi. Comics für die Nazis (Script Avenue Publishing 2018) als auch in seinem Roman unerbittlich mit Hergé ab. Eine Kurzfassung seiner bitterbösen Anklage erschien als Titelstory in der Comixene 130: "Schatten über Tim und Struppi".
    Tintin-Lutin und Kapitän Schellfisch machen sich auf die Suche nach ihrem Schöpfer, wobei sie den Mythos zerstören und Hergé als Antisemiten, Faschisten, Frauenhelden sowie als Kollaborateur entlarven, der nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise seine Bürgerrechte verlor.

  • Umberto Eco: La misteriosa fiamma della regina Loana: Romanzo illustrato (RCS Libri S.p.A. Libri Oro Bompiani 2004), 454 Seiten, deutsche Ausgabe: Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana. Illustrierter Roman (Carl Hanser 2004, dtv 2006), 508 Seiten

    Umberto Eco schreibt über die Historie der italienischen Comics seiner Kindheit und Jugend.
    Die Hauptfigur ist ein Antiquar namens Yambo, der auf Grund eines Schlaganfalls an partiellem Gedächtnisverlust leidet. Um seine Erinnerungen und seine Herkunft zu rekonstruieren, geht er zurück auf das Landgut, in dem er seine Kindheit verbrachte. Dort widmet er sich seiner erhalten gebliebenen Sammlung mit Comic- und Jugendlektüre der 1930er bis 1940er Jahre. Der Roman ist voller originaler Bild- und Textzitate aus faschistischen Propaganda-Comics, italienischen Comic-Klassikern und amerikanischen Strips die damals in Italien erschienen (worauf auch der Titel des Romans anspielt).

    Einmal editiert, zuletzt von Servalan (16. Juli 2026 um 13:15) aus folgendem Grund: Sorry, Rusty. Da bist du mir dazwischen gesprungen. Der Klassiker wäre natürlich umgehend erwähnt worden, deshalb habe ich deinen Beitrag leicht überarbeitet, damit er sich ins Schema einfügt.

  • Sujata Massey: The Floating Girl (Avon Books An Imprint of Harper Collins Publishers 2000), 374 Seiten, deutsche Ausgabe: Tödliche Manga. Kriminalroman (Piper 2003), 384 Seiten

    Die Eltern der Krimiautorin Sujata Massey, geborene Banerjee, stammen aus Deutschland und Indien. Sie wuchs in der englischen Grafschaft Surrey auf, lebte von 1991 bis 1993 in Japan und wohnt zur Zeit in Baltimore. Die Manga-Episode ist der vierte Band ihrer Krimireihe um die aus Kalifornien stammende Halbjapanerin Rei Shimura, die mittlerweile elf Romane und drei Kurzgeschichten umfasst.
    Rei Shimura löst ihren Mordfall in der japanischen Welt der Mangaka. Als Ghostwriterin schreibt sie eine Kolumne für die Gaijin Times, ein Monatsmagazin für Ausländer aus Tokio, das vom Showa College verlegt wird. Wichtige Zeugen sind der Dōjinshi sākuru Kunio Takahashi mit seinem Manga Showa Story sowie der Mangaka Manami Oida und der Redaktionsleiter Hiroko Shima, die den Manga Mars Girl herausgeben, einen Titel des Mainstreamverlags Dayo Comics.

  • Marc Degens: Verführung der Unschuldigen. Roman (Ventil Verlag 2025), 552 Seiten

    Der Comicsammler ist Mitglied der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.). In diesem Zusammenhang entstand seine Magisterarbeit an der Ruhr-Universität Bochum über Formen und Funktionen des Comiczitats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Der Titel seines Romans spielt auf Fredric Werthams Seduction of the Innocent | Verführung der Unschuldigen (1954) an.
    Der Ventil Verlag hat seine Schwerpunkte in Punk, Popkultur und Filmkritik; dazu gehört ein kleines Segment an Comictiteln.
    Die Zeichnerin Marthe studiert Mitte der 2010er Jahre Grafisches Erzählen an der an der Akademie für Visuelle Kunst in Essen. Ihre WG ist zugleich der Sitz des Comic-Kleinverlags Bolsterbaumhaus, für den sie den Kreuzfahrt-Comic Combo von Amadea betreut, während sie autobiografische Tiercomics zeichnet. Wenige Monate später wird die gefeierte Graphic Novel Onesie Canyon, der Bestseller des 16jährigen Urs Mærzwald, als Plagiat von Combo entlarvt ...

  • Ja. Ich versuche hier einen groben Eindruck der Werke zu vermitteln, damit niemand das Gefühl hat, die Katze im Sack zu kaufen. Unter Umständen gehe ich dann ausführlicher auf comicrelevante Hintergründe ein.

  • Jonathan Lethem: The Fortress of Solitude (2003, USA, Doubleday), deutsche Ausgabe: Die Festung der Einsamkeit (2019 Klett-Cotta) 717 Seiten

    Der Roman beleuchtet die Freundschaft zweier Jungs im New York der 1970er Jahre. Dylan Ebdus (weiß, jüdisch-irisch) zieht mit seinen Hippie-Eltern in ein von Afroamerikanern geprägtes Viertel in Brooklyn. Dort lernt er Mingus Rude kennen, den schwarzen Sohn eines früher bekannten Soul-Sängers. Die beiden Aussenseiter-Jungs werden unzertrennliche Freunde. Beide begeistern sich für Graffiti, Soul-Musik und das Sammeln von Superhelden-Comics. Eines Tages erhalten sie von einem Obdachlosen einen magischen Ring, der dem Träger die Fähigkeit verleiht, zu fliegen und unsichtbar zu werden. Sie erschaffen daraufhin ihren eigenen, realen Superhelden namens "The Aerovant". Mit dem Beginn der Pubertät und dem Aufkommen von Punk, New Wave und später Hip-Hop driften ihre Lebenswege heftig auseinander. Während Dylan dank weißer Privilegien das College besucht und Musikjournalist wird, rutscht Mingus in die Drogensucht ab und landet im Gefängnis.

  • Craig Silvey: The Amber Amulet (Allen & Unwin 2012), 96 Seiten, deutsche Ausgabe: Liam und das Amulett (Rowohlt Rotfuchs 2014), Illustrationen: Sonia Martinez

    Der zwölfjährige Liam McKenzie ist tagsüber ein ganz normaler Schuljunge und wird nachts "Der maskierte Rächer". Zusammen mit seinem Hund Richie, dem Power-Beagle, durchstreift er die Nachbarschaft und schützt die Leute mit handgeschriebenen Hinweisen z.B. vor Autounfällen aufgrund defekter Autoreifen. Seine "Superkräfte" zieht Liam aus seiner grenzenlosen Empathie, sowie aus der Energie von Edelsteinen und Kristallen, die natürlich nur er richtig zu nützen weiß. Alles wäre wunderbar, wenn es da nicht am Ende der Straße die unglückliche Frau gäbe, die mit einem gewalttätigen Ehemann zu tun hat. Kann der maskierte Rächer ihr auch helfen? Von einem fantasievollen, unbeschwerten Anfang aus bewegt sich die Story in dunklere Gefilde und thematisiert Probleme wie Gewalt und Missbrauch in Familien und den Umgang mit Angst und Einsamkeit. Eine zu Herz gehende All-Age Novelle.

  • Mit dem Thread verfolge ich verschiedene Zwecke.
    Natürlich bietet er Infos für Interessierte, die wahrscheinlich abwägen, welchen Aufwand ihnen der Roman wert ist. Deshalb sind mir Seitenzahlen wichtig; zudem rechne ich langfristig auch mit Titeln, zu denen es keine deutsche Übersetzung gibt.
    Dann möchte ich damit ebenfalls die Autoren unterstützen. Denn selbst Titel, die es in das Sortiment einer Buchhandlung vor Ort schaffen, müssen sich binnen kurzer Frist bewähren, weil sie sonst nach wenigen Wochen verschwinden. Dann sind sie zwar noch lieferbar, sie müssen aber konkret vom Kunden bestellt werden.
    Jemanden wie Marc Degens kann ich mir gut auf dem Comicsalon in Erlangen oder im Begleitprogramm einer Comicbörse vorstellen. Nach allem, was ich von ihm weiß, dürfte er einen profunderen Talkpartner abgeben als Hella von Sinnen.
    Zu guter Letzt verstehe ich die Liste als Recherchetool, die Interessierte in Schule, Universität und anderswo dabei unterstützt, ihre Referate und Hausarbeiten mit so überzeugenden Details zu versehen, dass der Funke zum Publikum überspringt.

  • Allen Say: The Ink-Keeper's Apprentice (Harper & Row 1979, überarbeitete Neuauflage Houghton Mifflin Harcourt Books for Young Readers 1994, Puffin 1996), 160 Seiten, deutsche Ausgabe: Die Schüler des Comicmeisters (Carl Hanser Verlag 1999)

    Der 1937 geborene Schriftsteller, Illustrator und Fotograf Allen Say, bürgerlich James Allen Koichi Moriwaki Seii, wurde in Yokohama als Sohn einer japanisch-amerikanischen Mutter und eines koreanischen Vaters geboren. Seit er sechs Jahre alt ist, träumt er davon, Mangaka zu werden. Mit 12 oder 13 wird er für gut drei Jahre Lehrling bei seinem Lieblingsmangaka Noro Shinpei*; er beendet seine Lehre, weil er mit seiner Familie in die USA umzieht.**
    Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird der 13jährige Kiyoi (in der Neuausgabe: Sei) Assistent des berühmten Mangaka Noro Shinpei. Der Schüler zeichnet Hintergründe in den Manga, lernt anatomisches Zeichnen durch Aktbilder und erweitert seinen Hintergrund durch Ausstellungen von Van Gogh und Nachdrucke von Edgar Degas.
    Das ist der früheste, mir bekannte Roman zu dem Thema.

    *Weder im frankophonen noch im angelsächsischen Internet finden sich die geringsten Daten zu Noro Shinpei.
    **Erstaunlicherweise ist der Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia wesentlich ausführlicher als der in der englischsprachigen Wikipedia.

  • *Weder im frankophonen noch im angelsächsischen Internet finden sich die geringsten Daten zu Noro Shinpei.

    Halte ich persönlich für eine Erfindung von Allen Say. Möglicherweise hatte er Unterricht bei einem bekannten Mangaka dessen Namen er aber nicht nennen wollte oder durfte.

  • Im School Library Journal (SLJ) vom 1. September 2011 gibt Allen Say dem Reporter Rick Margolis ein Interview, weil Say gerade den ersten Teil seiner Memoiren, Drawing from Memory, veröffentlicht hat, in der er seine Lehrzeit bei dem von ihm bewunderten Mangaka schildert. Noro Shinpei ist natürlich ein Deckname, der eine Bedeutung hat. Wörtlich übersetzt bedeutet Noro Shinpei nämlich der langsame Gefreite, weil sich der Mangameister über den japanischen Militarismus lustig gemacht hat.

    Zitat

    Around that time, you read about a poor 15-year-old boy who apprenticed under Noro Shinpei, one of Japan’s top cartoonists. So you decided to see if he’d take you on, too?

    Noro Shinpei is a pen name, of course. Noro means slow, and Shinpei means an army private—slow army private. He was making fun of the Japanese military system.

  • Marco Steiner: L'ultima pista (Cadmo Edizioni Pop up 2006), 152 Seiten

    Der 1956 geborene Schriftsteller Marco Steiner, bürgerlich Gianluigi Gasparini, war ein langjähriger Mitarbeiter und Assistent von Hugo Pratt, von dem er sein Pseudonym erhielt. Danach spielt die erste Silbe Mar auf Raymond Chandlers Philip Marlowe an, Co natürlich auf Corto Maltese und Steiner auf eine europäisierte Form von John Steinbeck. In seinem früheren Leben war er Zahnchirurg. 1993 gründeten Hugo Pratt, Patrizia Zanotti und Steiner den Verlag Lizard, den sie 13 Jahre leiteten und der seit 2016 als Label von Rizzoli fimiert, einem Verlag der Gruppe Mondadori. Dort war Steiner als Redakteur und Comicübersetzer aktiv (Persepolis, Blacksad, Tintin, Der Fotograf). In mehreren seiner Romane steht Corto Maltese im Mittelpunkt.
    Am 8. Oktober 1980 ermordet Mark David Chapman in New York John Lennon. Am selben Tag verliert der irischstämmige New Yorker Bob Collins seine Eltern durch eine Autobombe. Bob macht sich daraufhin auf die Suche nach seinen Vorfahren; dabei stößt er auf seine in Polen geborene Uroma Louise, die später in Argentinien Prostituierte wurde, den Banditen Butch Cassidy und den Seemann Corto Maltese ...


    Marco Steiner: La memoria n. 950: Il Corvo della Pietra (Sellerio 2014), 208 Seiten, französische Ausgabe: Le corbeau de pierre. La jeunesse de Corto Maltese (Denoël 2015)
    Sein erster Roman über die Jugend von Corto Maltese.

    Marco Steiner: La memoria n. 1015: Oltremare (Sellerio 2015), 288 Seiten
    Sein zweiter Roman über die Jugend von Corto Maltese.

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