Die U-Strahlen
Wie sich dieser Band genau einordnen lässt, darüber wird es verschiedene Ansichten geben, denn im engeren Sinne ist das definitiv kein Band von Blake und Mortimer, noch nicht einmal ein Autorencomic von Edgar P. Jacobs. Der Comic stellt ein merkwürdiges Zwischenstück dar, das den historischen Umständen der Zeit geschuldet ist und verbindet zwei Comicserien, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.
Die belgische Comiczeitschrift Bravo! brachte unter anderem den Science-Fiction-Comic Flash Gordon von Alex Raymond aus den USA heraus. Sobald die Nazis Belgien im Zweiten Weltkrieg besetzt hatte, untersagte die Zensur eine Fortsetzung der heimischen Fassung, die von Edgar P. Jacobs betreut wurde. Um die Lücke für das Publikum zu füllen, erhielt Jacobs den Auftrag, einen möglichst ähnlichen Comic zu erstellen, dessen Konzept aber völlig in seinen Händen lag.
Die U-Strahlen ist dieser einzigartige Hybrid, der zwar das Figurenkonzept seines Vorbilds übernimmt, was besonders bei den weiblichen Figuren auffällt. Denn aus dem Sidekick Dale Arden wurde nicht nur Sylvia Hollis, mit der Prinzessin Ica gab es auch auf der Gegenseite einen weiblichen Part. Von daher passt der Ersatz wesentlich schlüssiger zu den Retro-Alben der Jacobs-Erben als zu den kanonischen Alben.
Carlsen legte 1992 eine deutsche Fassung vor, die der neuen Version von 1974 entspricht, die zunächst im Tintin-Magazin abgedruckt wurde, bevor sie ein halbes Jahr später in Belgien bei Le Lombard und in Frankreich bei Dargaud auf den Markt kam.
Visuell hat Jacobs dafür Arthur Conan Doyles Klassiker The Lost World | Die vergessene Welt (1912) geplündert. Was er sich auf diese Weise angeeignet hat, nutzt Jacobs später als Motive in Die teuflische Falle und Das Geheimnis von Atlantis. 80 Jahre später setzte Jean Van Hamme mit Christian Cailleaux und Étienne Schréder diesen Band 0 fort.
Der Comic hat schon seine Qualitäten, aber Jacobs hat seine Stimme noch nicht gefunden.