• Ich halte ihn nicht für "verstaubt". "Birth of a Nation" davor z.B. oder die auf den beiden Shaara-Büchern beruhenden Filme zum Thema (Alle drei annähernd gleich lang oder sogar länger als "VWV") haben mich einfach mehr gepackt, sei es vom Inhalt oder von seiner Machart.

    Dito die Bücher. "The Clansman" habe ich zwar nicht gelesen aber die Shaara-Trilogie fand ich auch um Welten besser, obwohl ich mich da bei zwei Bänden sogar noch durch das englische durchkämpfen mußte.

    Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertig macht.

  • Der nächste Film symbolisiert gleichermaßen die Größe und den Niedergang des alten Hollywood: „Die zehn Gebote“ (1956) von Cecil B. DeMille. 1953 begann in USA die Ära des Fernsehens, und die Zahl der Kinobesucher ging unmittelbar empfindlich zurück. Hollywood steuerte gegen durch Technicolor, Breitwandformate, Special effects und eine Ballung von Superstars – all das hatte das Fernsehen nicht zu bieten. Aber es schien auf Dauer nur zu funktionieren, wenn man sämtliche Vorzüge des Kinos bündelte. Das tat DeMille, der noch zu den Kinopionieren gehörte (er hatte 1914 den ersten Langfilm, „The Squaw Man“, in Hollywood gedreht). Den genannten Superlativen fügte er bei seinem letzten Film die gewichtigste Buchvorlage hinzu, die man sich denken konnte: die Bibel, speziell die fünf Bücher Mose. „Die zehn Gebote“ war eine sehr teure Paramount-Produktion, in die DeMille aber einiges eigenes Geld steckte. Das Einspielergebnis stellte die Kosten von 13 Millionen Dollar bei weitem in den Schatten – ich habe Unterschiedliches gelesen, aber wikipedia gibt knapp 123 Millionen Dollar (bei der Erstauswertung) an. Dennoch war das Monumentalkino ein Irrweg. Je teurer die Filme wurden (bei „Cleopatra“ waren es bereits 40 Millionen), desto größer war das Risiko, falls sie doch floppten – und das geschah in der Folge bis Anfang der 1960er Jahre so oft, daß die Studios aufgeben mußten und zu bloßen Verleihfirmen wurden.

    „Die zehn Gebote“ ist auf die Lebensgeschichte des Mose (Charlton Heston, zu dieser Zeit noch nicht so bekannt) konzentriert, ein Film von knapp dreieinhalb Stunden Länge – auch das bekam man im Fernsehen nicht. In gewissem Sinn ist dieser Bibelfilm konventionell, betulich wie ein Passionsspiel. Aber DeMille brachte seine enorme Erfahrung ein, um die Zuschauer trotzdem zu packen und in Erstaunen zu versetzen. Dafür verbog er (besser gesagt: sein Team von Drehbuchautoren) die Bibelvorlage so, wie es die Hollywood-Gesetze erfordern. Die Story ist naiv, nach einem strengen Gut-Böse-Schema aufgebaut und angefüllt mit Mord, Intrigen, Eifersucht und heroischen Kämpfen. Wie bei „Vom Winde verweht“ muß ich sagen: Langweilig wird dem Zuschauer nicht. DeMille setzt ganz klar auf Wunderglauben (was die Bibel nicht tut). Die Special effects machen meiner Ansicht nach nicht mehr viel her – sie haben mich an „Star Trek“ (die ursprüngliche Serie) erinnert, die immerhin zehn Jahre später kam. Der Auszug aus Ägypten wird hier zur – zugegeben immer noch sehr unterhaltsamen – Supershow. Die Filmemacher von 1956 konnten sicherlich noch darauf bauen, daß die Mehrheit des Publikums mit biblischen Geschichten etwas anfangen konnte. Doch der Sinn der Überlieferung für Christen kommt im gesamten Film nicht vor. Fritz Grünzweig, Autor einer Einführung in die Bibel, schrieb: „Der Weg Israels von Ägypten ins Land Kanaan ist ein Vorabbild für den Weg der Gemeinde Jesu. Es ist wichtig, an dem heilsgeschichtlichen Ort auszuharren, an den wir heute gestellt sind: nicht mehr unter Pharao und noch nicht im verheißenen Land, sondern unterwegs mit unserem Herrn.“

    Wie gesagt: Die Buchvorlage wird hier an die Erfordernisse eines Hollywood-Spektakels angepaßt. In der ersten Filmhälfte baut DeMille eine lange Geschichte ein, die in den fünf Büchern Mose nicht zu finden ist. Mose liefert sich ein Duell mit dem leiblichen Sohn des Pharao (Yul Brynner) um Reich, Frau und Macht. Aber er kämpft auch für sein versklavtes Volk, wobei immer etwas unklar ist, ob er seine eigene Herkunft von den Hebräern und deren Gott kennt oder nicht. Die Bibel wird überall da verändert, wo ihre Story nicht in das strikte Schwarz-Weiß-Bild des Films paßt. Daß Mose einen Ägypter erschlagen hat, wird nur mal ganz kurz nebenbei erwähnt. Der Pharao zeigt nicht die geringsten Anzeichen dafür, daß ihn die Plagen, die Gott ihm schickt, irgendwie beeindrucken. Daß die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten den Tempelschatz der Ägypter mitgehen lassen, kann nicht verschwiegen werden, weil sie daraus später am Berg Sinai das Goldene Kalb machen. Aber auch diese Tatsache wird nur verschämt in Dialogen angedeutet. DeMille scheut sich nicht, Figuren hinzuzuerfinden. Die wichtigste ist wohl der ägyptische Funktionär Edward G. Robinson, der zu den Juden überläuft, aber dann die Idee des Goldenen Kalbs hat (mit anderen Worten: das Volk ist daran unschuldig). Am Ende wird die Handlung stark zusammengedrängt: kaum etwas zu sehen von der Wüstenwanderung, und Moses Tod wird ausgeblendet. Andererseits werden Figuren, die in die Abenteuergeschichte passen, stark ausgebaut; ein gutes Beispiel dafür ist Josua (John Derek), der später in das gelobte Land einziehen wird, aber in der Mose-Geschichte noch so gut wie keine Rolle spielt. Kein Wunder, daß die katholische Filmkritik von dem Bibelfilm ursprünglich beinahe abriet: „Der trickreiche Aufwand an Schauwirkung ist eher geeignet, den Sinngehalt des biblischen Berichts zu verdecken, als seine überzeitlich religiöse Bedeutung sichtbar zu machen. Insofern Vorbehalte.“ Von kritischen Reaktionen in USA habe ich kaum etwas gelesen.

    DeMilles Muster-Monumentalfilm (übrigens ein Remake seines Stummfilms von 1923) behält seine filmhistorische Bedeutung und beeindruckt mich auch nach wie vor durch seine inhaltliche Geschlossenheit. Man sollte allerdings nicht auf die Idee kommen, den Film anzusehen, um sich damit die Lektüre der Bibel zu sparen. Daß der Regisseur immer zuerst und hauptsächlich daran dachte, was auf der Leinwand am besten wirkt, verwundert letztlich nicht. Denn Hollywood interessiert sich nicht für Inhalte, sondern fürs Geschäftsmodell, also für den return on investment. DeMille hat da ein Erfolgsmuster geliefert, das sich aber vermutlich sehr schnell abgenutzt hat. Vielleicht war es auch so, daß keiner seiner Nachfolger dem Publikum so konsequent das gegeben hat, was es will, wie er. Unglücklicherweise hatte DeMille erst kurz zuvor bei den Oscars abgesahnt, nämlich mit einem Film, der nicht so sehr im Gedächtnis geblieben ist, dem Zirkusfilm „Die größte Schau der Welt“ (1952), so wurde er nun mit einem technischen Oscar abgespeist. Schade vor allem für die vielen „Zehn Gebote“-Stars wie Anne Baxter, Sir Cedric Hardwicke, Yvonne de Carlo, Debra Paget, John Carradine oder Vincent Price. Doch zukunftweisend war „Die zehn Gebote“ nun einmal nicht.

  • Die Monumentalfilme haben das Kino immerhin ca. 10 Jahre beherrscht. Andere Trends haben auch nicht länger gehalten. Und wenn das Fernsehen auch weiterhin nur das s/w-Mäusekino, wo man 1 Meter vor der Mattscheibe sitzen mußte, geblieben wäre...

    Heute wirkt der Film natürlich an vielen Stellen unfreiwillig komisch (Vor allem, wenn man ihn wie ich über 40 Jahre nach der Entstehung auf einem Röhrenfernseher das erste mal sieht) und hat nicht umsonst die Vorlage für unzählige Parodien geliefert.

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  • Ich will Dir da nicht widersprechen. Aber die Ära der Monumentalfilme war doch eine arge Berg-und-Tal-Fahrt. Jedes Studio hatte auch mindestens einen Riesenflop. "Cleopatra" mit einer Million Dollar Gage für Liz Taylor ist das bekannteste Beispiel. Aber dazu gehören auch Marlon Brandos "Meuterei auf der Bounty" (was für mich kein schlechter Film ist), Barbra Streisands "Hello Dolly" oder "Der Untergang des römischen Reiches", ein Monumentalfilm, der die Misere des gesamten Genres gleich mit beinhaltete.

  • "Hello, Dolly" und "Der Untergang..." stehen ja schon am Ende bzw. sogar schon deutlich außerhalb der Dekade. Und den letzteren betrachte ich schon als von vornherein mißlungen, weil ein total wirres Drehbuch. Da war ja selbst das "Remake" von R. Scott besser strukturiert.
    Hello, Dolly habe ich nie gesehen, weil ich weder Musical- noch Streisand-Fan bin.
    Und die Meuterei würde ich jetzt nicht als klassischen Monumentalfilm betrachten. Der mußte nicht so teuer werden. Das war v.a. ein Star-Vehikel und bei den Kosten spielt, denke ich, auch viel von Brando's Ego rein.

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  • Ich setze Monumentalfilme nicht mit Sandalenfilmen gleich, sondern verstehe darunter alle Produktionen mit überdimensioniertem Budget. Da liefen im Einzelfall unterschiedliche Dinge schief, aber obwohl ich Controller nicht unbedingt schätze, fehlte da immer jemand, der sagte: Wir werfen jetzt dem guten Geld nicht noch mehr schlechtes Geld hinterher; der Film wird abgeblasen.

    Übrigens hat man ja den Ausweg im Ausweichen nach Europa gesucht, wo Filmemachen wesentlich billiger war, vor allem in Cinecitta. Da gab es Sandalenfilme, die dann oft nur noch vortäuschten, teuer zu sein, noch um 1970 herum.

  • Ich setze Monumentalfilme nicht mit Sandalenfilmen gleich,

    Ich jetzt auch nicht. Für mich steht es für das in Szene setzen von großen Menschenmassen oder "Monumenten" (ohne CGI) mit entsprechender Kamera-Führung. Der für mich gelungenste M-Film ist darum auch "Waterloo" von S. Bondartschuk, obwohl der eigentlich auch schon wieder außerhalb liegt.
    Aber natürlich hast Du mit den ausufernden Kosten Recht. Diesen Film hätte man genau wie die beiden Römer-Daker-Filme aus Rumänien im reinen Hollywood-Verfahren nicht mehr finanzieren können.

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  • Ja, und der Autor dieses Beitrags kommt mir bekannt vor. :D

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