Dalíland (USA / Großbritannien 2022, Edward R. Pressman Productions, David O. Sack Productions, Bankside Films, Lavender Films, Popcorn Group, Burger Collection, Zephyr Film und Serein Productions SAS), Drehbuch: John C. Walsh, Regie: Mary Harron, 107 min bzw. 97 min, FSK: 16
Der katalonische Künstler Salvador Dalí (1904 - 1989) wird als einer der Hauptvertreter des Surrealismus zu den bedeutendsten Malern des 20. Jahrhunderts gezählt. Der erfolgreiche Künstler unterhielt eine umfangreiche Entourage, die ihn begleitete und aus der er seine Musen rekrutierte. Die einflussreichste Persönlichkeit seines Hofstaats war seine Ehefrau Gala Éluard Dalí (1894 - 1982), eine russische Emigrantin, die als Jelena Dmitrijewna Djakonowa geboren wurde. Seinen kommerziellen Erfolg unterstützten dabei seine Sekretäre, die Provisionen erhielten; von 1960 bis 1975 managte ihn Captain John Peter Moore (1919 - 2005), dem bis 1981 der Fotograf Enrique Sabater (1936 - 2013) nachfolgte, den schließlich der Fotograf und Dalí-Biograf Robert Descharnes (1926 - 2014) ersetzte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Dalí als der berühmteste lebende Maler. Weil er einen verschwenderischen Lebenswandel führte, befand er sich trotz seines Reichtums regelmäßig in finanziellen Nöten, von denen er durch Gala geschützt wurde. Als ich studierte, waren Poster seiner Gemälde in WGs und Studentenbuden allgegenwärtig. Weil er ab 1965 zehntausende Druckbögen blanko signierte, kursieren unter seinen Grafiken etliche Fälschungen, was der Kunstmarkt aufmerksam registrierte.
Das Drehbuch verfasste John C. Walsh, der Ehemann der Regisseurin Mary Harron, die jedoch Vorbehalte gegen das Filmprojekt hegte. Denn dessen Vorgänger I Shot Andy Warhol befasste sich mit dem Attentat von Valerie Solanas auf Andy Warhol (1928 - 1987), weshalb sie kein weiteres Biopic über einen Künstler drehen wollte. Weil der Fokus auf einer zeitlich begrenzten Epoche lag, sagte Harron zu.
Die Produktionskosten werden unter Verschluss gehalten; allerdings gilt das Werk als kleiner Film. Seine Weltpremiere fand als Abschlussfilm des Toronto International Film Festival im September 2022 statt. Bei durchwachsenen Kritiken brachte er am Box Office nur bescheidene 476.275 US-Dollar ein.
Die surrealistischen Gemälde im Film stammen von Philip Colbert (Jahrgang 1979).
Eingerahmt wird das Geschehen Szenen, die 1989 spielen. Der fiktive James Linton, der sein Kunststudium abgebrochen hat, wird als Identifikationsfigur gesetzt. Zu Beginn verfolgt er die Todesmeldung Dalís im Fernseher, die mit Dalís Auftritt 1952 in der Quizshow What's my line eingeleitet wird. Dort lacht das Publikum in Studio, weil der jede Frage mit "Ja" beantwortet, wodurch er zum Tausendsassa in etlichen Kunstsparten avanciert. Letztlich verrät ihn sein gezwirbelter Schnurrbart.
Im New York von 1974 assistiert Linton dem Galeristen Christoffe in der Dufresne Gallery, die Dalìs Originale vertreibt. Die Vernissage der nächsten Ausstellung soll in drei Wochen stattfinden, während Gala laufend Geld einfordert, das Linton ihr überbringen soll. Dalí samt Gefolge residiert in der Suite 1610 des St. Regis Hotel, was monatlich 20.000 Dollar kostet. Captain Moore führt Linton ins Dalíland ein, in dem Partys und Orgien gefeiert werden. Linton überreicht Dalì in der Galerie seine Broschüre mit sämtlichen Signaturen des Künstlers und schwärmt ihn an, daraufhin tauft ihn der Katalane nach dem Gemälde "Saint Sébastian" (1870 - 1875) des Symbolisten Gustave Moreau (1826 - 1898) San Sebastián. Um Geld einzutreiben, schickt Christoffe in die Desmond Carter Gallery, die Drucke von Dalí verkauft.
Drei Tage vor der Vernissage zieht Gala die Reißleine und verdonnert den Künstler zur Produktion von Gemälden im Akkord. Dass die Ausstellung in der Tageszeitung gelobt wurde, verstimmt Christoffe, denn der Galerist ärgert sich, dass keiner der wichtigen Kritiker von der New York Times oder vom Artforum erschienen ist; außerdem wurde kaum etwas auf der Vernissage verkauft. Kurzerhand wird Linton gefeuert, weil der zum Jünger Dalís geworden ist.
Spoiler anzeigen
Weil er sich Linton gegenüber verpflichtet fühlt, bietet ihm Captain Moore eine Stelle in Europa an. Konspirativ soll Linton für ihn bei Gilbert Hamon in Paris spezielles Papier abholen und im Kofferraum transportieren. Dieses Papier wird in einem vergitterten Raum aufbewahrt und in Packpapier auf Regalen gelagert. Linton hatte bei Christoffe gelernt, wie sich höherwertige Lithographien von Offsetdrucken unterscheiden, so dass er bei Hamon eine Mauschelei entdeckt. Auf offener Strecke fängt Moore Linton ab, um aus dem Kofferraum ein mit "x" markiertes Pack aus der Ladung herauszuziehen, das offensichtlich Geld enthält.
Spoiler anzeigen
Linton ist von der geschäftlichen Fahrlässigkeit Dalìs schockiert, der in seiner eigenen Welt wie ein Kind lebt. Am Strand von Figueres klärt Moore ihn auf: Durch Dalì sei er Millionär geworden. Dass Dalì Blankobögen signiert, sei kein Zufall. Was denke denn Linton, was in der Carter Gallery ablaufe. Natürlich gebe es Fälschungen von Dalì zuhauf, aber das gehöre zum Kunstmarkt dazu; das sei der Preis dafür, der berühmteste lebende Künstler zu sein.
Im Finale besucht Linton mit Amanda Lear den verbrannten Dalì im Krankenhaus. Linton bedrängt den Arzt, weil er ein persönliches Verhältnis zu dem Künstler gehabt habe, denn der habe ihn San Sebastián genannt. Lakonisch entgegnet der Mediziner, Linton sei nicht der Einzige, er kenne drei junge Männer, die von Dalì auch San Sebastián genannt wurden.