Jenseits von Reclam: Klassiker entstaubt

  • Kannst Du eventuell eine knappe französische Literaturgeschichte empfehlen? Ich stelle fest, daß ich viele wichtige französische Werke nicht kenne, oft nicht mal die Autoren/-innen. Liegt sehr wahrscheinlich daran, daß ich der Sprache nicht mächtig bin, aber es müßte ja eigentlich nicht sein, weil das Allermeiste sicher deutsch übersetzt ist. Dabei ist Frankreich unser Nachbarland, da sollte man nicht so ahnungslos sein.

    Wie wenig ich die französische Literatur kenne, weiß ich natürlich nicht. Die ganz großen Namen sind mir schon vertraut. Aber neulich, als ich "Die Viererbande" sah, hieß es, auf der Bühne würden Stücke unter anderem von Marivaux geprobt - nie gehört von dem Mann. Das dürfte ein Alarmzeichen sein...

  • Eine Romanistin bin ich leider nicht, sprich in dem Bereich bin ich auch nur eine Amateurin.
    Durch meinen Lektüreplan neben der Schule bin ich unweigerlich auf Molière, Émile Zola und Victor Hugo gestoßen, daneben habe ich mich als Krimiliebhaberin für den Polar interessiert, von Léo Malet über Jean-Patrick Manchette und Jean-Claude Izzo bis zu Didier Daeninckx, oder den Amadisroman. Das lief alles frei nach Schnauze, nachdem ich in meiner Kindheit Das Diogenes Lesebuch französischer Erzähler bekommen habe.
    Ich weiß ja nicht, wie tief du in das Gebiet einsteigen willst, aber der deutsche Wikipedia-Artikel Französische Literatur bietet eine umfangreiche Literaturliste für Interessierte.
    Wenn es um neuere Literatur geht, empfehle ich dir, einen Blick auf den Prix Goncourt zu werfen; das ist der wichtigste französische Literaturpreis, der seit 1903 verliehen wird und für den es heute nur symbolische zehn Euro Preisgeld gibt, durch den aber die Verkäufe mächtig angekurbelt werden. Den wollen natürlich alle haben, aber nicht alle bekommen ihn, deshalb ist die Liste mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Céline zum Beispiel ist übergangen worden, und das hat ihn ein Leben lang gewurmt.

  • Scheint nicht so einfach zu sein. Ich kann schon auch mit Namen wie Balzac oder Flaubert - Jules Verne! - etwas anfangen, bei den Bühnenautoren Corneille, Racine, Rostand (auch wenn der vermutlich nicht so bedeutend ist), Sartre, Camus, Colette, George Sand... Aber ein Überblick fehlt mir völlig.

    Ich will gerade nicht tief einsteigen, sondern mich schnell informieren. Ich dachte, vielleicht genügt mir der Essay im Kindlers Literatur Lexikon, aber der schließt mit einem gewissen Rivarol ab, der 1801 gestorben ist. Da fehlt also ein bißchen was.

    Jedenfalls danke für die Hinweise. Nach einem Lesebuch könnte ich mich mal umsehen - das gibt es für englische und amerikanische Erzähler ja auch. Und die Preisträger des Prix Goncourt lassen sich sicher leicht finden.

  • Du solltest Dir da jetzt kein schlechtes Gewissen machen. :zwinker: Ich unterstelle mal, von unseren anderen, zumindest den nicht deutschsprachigen Nachbarn kennst Du doch auch nicht so wahnsinnig viele Autoren, oder?

    Aber wenn Du wirklich zuviel Zeit hast noch ein paar bisher nicht genannte Namen: Stendhal, Voltaire, Rabelais, Merle, Gautier, Gide, Maupassant, Barbusse, Pagnol,Rolland und (An den habe ich mich bis jetzt aber selbst noch nie ran gewagt.) Proust.

    Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertig macht.

  • Bin ja schon froh, wenn mir die Namen etwas sagen. Mir fällt da noch einer ein, mit dem ich mich auch schon mal beschäftigt habe: Jean-Jacques Rousseau (der Gedanke kam mir bei "Voltaire").

    Der Kindler-Essay liefert mir ein Argument, warum man sich in der französischen Literatur eher als bei anderen Ländern auskennen sollte: Es war das erste romanische Land, das sich von Latein unabhängig machte und eine eigene Landessprache entwickelte. "La chanson de Roland" (um 1100) steht da offenbar am Beginn.

  • Pah, das ist ist ja noch nach dem "Hildebrandslied". :D

    Bei Rousseau habe ich nur mal in den in den "Emilie" rein gelesen aber das war mir dann doch rasch zu dröge.

    Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertig macht.

  • Rousseau war ja in der Schweiz geboren, aber er gehört wohl zur französischen Literatur. Ich habe von ihm praktisch gar nichts gelesen. Aber sein "Zurück zur Natur" ist bis heute einflußreich.

  • Rudyard Kipling: Kim (Macmillan 1901, Penguin 1987, W. W. Norton & Company 2002) | Kim (Tauchnitz 1901, dtv 1995, Fischer Taschenbuch 2013, Hanser 2015)

    Trotz seiner erzählerischen Qualitäten steht Kipling heute im Kreuzfeuer der Kritik, weil er den britischen Kolonialismus vor allem in Indien mit einer rassistischen Unwucht glorifiziert hat. Der erste englischsprachige Träger des Literaturnobelpreises feierte das 60. Thronjubiläum von Queen Victoria mit dem Gedicht "The White Man’s Burden" (1899), das schon von Zeitgenossen wie Henry James wegen seiner Verherrlichung des Imperialismus auf Vorbehalte stieß und mittlerweile als weinerliche Rechtfertigung vermessener Arroganz betrachtet wird. Jenseits des Literaturbetriebs dürfte vor allem Disneys Dschungelbuch-Verfilmung allgemein bekannt sein. Er gilt als Klassiker des Kinderbuchgenres, doch darüber hinaus hat sich der hervorragende Erzähler mit seinen Kurzgeschichten profiliert.
    Vor kurzem erschien eine neue Übersetzung von Kim im Hanser Verlag, die zum Beispiel von Dennis Scheck enthusiastisch besprochen wurde. Der Roman wurde zweimal verfilmt und fällt auf den ersten Blick unter die Kinderbücher, weil der Held Kimball O’Hara ein Waisenjunge ist, der Sohn eines irischen Soldaten und einer indischen Mutter. Doch der Roman glänzt durch weitere Ebenen, die ihn auch für Erwachsene zu einem Lesevergnügen machen. Denn Kim ist der reluctant hero in einem imperialen Kräftemessen zweier Geheimdienste, dem Great Game zwischen dem Britischen Empire und dem Russischen Zarenreich. Dieser Klassiker der Moderne besticht durch seine stilistischen Brüche, wenn das alltägliche Leben auf den indischen Straßen plötzlich durch eine abstrakte Geheimdienststrategie abgelöst wird. Kims Ausbildung zum Agenten in Lucknow prägt bis heute die Geheimdienstliteratur für ein jugendliches Publikum; ein weiteres Kabinettstückchen beschreibt die Verwandlung eines Agenten im Zug vor den staunenden Augen der anderen Passagiere. Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsident Indiens, bezeichnete den Roman als sein Lieblingsbuch.

  • Robert Merle: Malevil (Gallimard 1972, Tallandier 1972) | Malevil oder Die Bombe ist gefallen. Ein phantastischer Roman (Aufbau Verlag 1975, Robinson Verlag Frank Brunner CommanditGesellschaft Robinsons Neue Welten in der Bibliothek des Abenteuers 1982, Goldmann 1993, Bertelsmann 1998)

    Nante hat Robert Merle ja schon öfter erwähnt, und auch von seiner Stellung im Literaturbetrieb halte ich ihn für eine faszinierende Persönlichkeit, die eine intensivere Beschäftigung mit überraschenden Erkenntnissen belohnt. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist, ihn als einzigartig zu klassifizieren, doch in seiner Wirkung verknüpft sich ein vielfältiges, teilweise widersprüchliches Publikum, dass ihm auch nach seinem Tod die Stange hält. Denn einerseits deckt er als populärer Bestsellerautor klassische Genres ab, vor allem den historischen Roman, gleichwohl wird er von den Hütern der Hochkultur als einer von ihnen respektiert. Schon mit seinem Romandebüt wurde er 1949 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, doch den Durchbruch beim breiten Publikum verdankte er 1972 seinem postapokalyptischen Roman Malevil.
    Dessen Verfilmung mit Jean-Louis Trintignant 1981 hatte ich mir in einem Seminar als Referatsthema ausgesucht, weshalb ich auch die Vorlage kennen wollte. Das wurde zu meiner ersten Begegnung mit Merle, mit dem ich mich danach zwar ausgiebiger, aber nicht systematisch beschäftigt habe; denn sobald ich in Antiquariaten einen Titel von ihm entdeckte, schlug ich zu; auf diese Weise sammelten sich dann Madrapour, Die Insel und Nachtjäger bei mir an. Die Grundlage meines Referats war die westdeutsche Taschenbuchausgabe, die ihre Übersetzung als Lizenz eines DDR-Verlages druckte, und das ist kein Zufall. Denn trotz des Kalten Krieges war einigen seiner 22 Übersetzungen auch hinter dem Eisernen Vorhang großer Erfolg beschieden; so war er neben der DDR in der Tschechoslowakei und in Ungarn gefragt. Nach seinem Tod erscheint sein Werk in Russland, Lettland, Japan, Italien, Polen, Spanien, Portugal und Jugoslawien. In der DDR war er mit einer Gesamtauflage von 1,46 Millionen Exemplaren nach Mark Twain und Honoré de Balzac der beliebteste Schriftsteller. Sogar heute werden seine Romane in Frankreich in Auflagen von mehreren Tausend Exemplaren jährlich verkauft oder für Kino und Fernsehen verfilmt.
    Der Science-Fiction-Klassiker beginnt als Heimatroman: Am Ostersonntag 1977 lädt Emmanuel Comte die Honoratioren seines Heimatdorfes de la Roque auf sein Gut, die Burg Malevil, zu einer Weinprobe ein, darunter befinden sich unter anderem der Bürgermeister, der Arzt, der Lehrer. Der Kreis seiner Kindheitsfreunde ist durch die dicken Mauern der Burg im Périgord geschützt, als plötzlich die Atombombe fällt. Dank ihrer vereinten Fähigkeiten können sie das Leben nach der Katastrophe organisieren, wobei sie in dem falschen Priester Fulbert und dessen Bande einen Gegenspieler finden. Damals traf dieser Roman den Nerv der Zeit, obwohl ich ihn trotz seiner 650 Seiten in weiten Teilen generisch empfinde. Retrospektiv gewinnt er jedoch im Gesamtwerk, denn dieselbe Region liefert die Kulisse für Merles internationale Longsellerserie Fortune de France, die zwischen 1547 und 1661 das Leben von zwei Generationen fiktiver Hugenotten beschreibt.
    Ich hege keinen Zweifel, das Merle sich in die französische Literaturgeschichte eingeschrieben hat.

  • Fortune de France ist "großes Kino" ((und hat wenigstens 4-5 mal meine Urlaubsplanung beeinflusst.

    Malevil habe ich noch zu DDR- Zeiten gelesen und war mein Einstieg mit Merle. Obwohl mir die "Geschützten Männer" und "Die Insel" danach mehr zugesagt haben. Aber es war schon ein Ding, so daß Leben " The Day after" geschildert zu bekommen, wobei er ja sehr optimistisch fantasiert hat. Erst später kam mir der Gedanke, dass die Überlebenden ja praktisch nur die Reste der alten Zivilisation verwerten und darum zwangsläufig in spätestens einigen Jahrzehnten auf ein primitiven agrarisches Niveau absinken würden.

    Den Film habe ich nicht mehr so im Kopf, nur daß das Ende die Handlung auf den Kopf stellt, weiß ich noch und fand es völlig unnötig.

    Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertig macht.

  • Von der Verfilmung hat sich ja auch Merle distanziert, und ich muß gestehen, dass ich heute nicht mehr den geringsten Schimmer davon habe. Sonst hätte ich Malevil in einem anderen Thread erwähnt.
    Trotz seiner Schwächen hatte mich Merle gepackt. Besonders Madrapour und Die Insel haben aus meiner Sicht seine Qualität bestätigt. Vor kurzem habe ich in der Mediathek Aus einem deutschen Leben (1977) von Theodor Kotulla gesehen, in erster Linie wegen Götz George in der Rolle des SS-Offiziers und KZ-Kommandanten Franz Lang (damit ist Rudolf Höß gemeint); Merles Vorlage beruht auf Verhörprotokollen. Obwohl die Verfilmung ihre Schwächen hat, wollte ich sie gesehen haben, zumal mit The Zone of Interest (2023) das Thema wieder im Gespräch war. Zu Der Tod ist mein Beruf verkneife ich mir eine längere Einlassung, weil die im öffentlichen Bereich zu politisch geworden wäre.

  • Aus Madrapour bin ich ehrlich gesagt nie ganz schlau geworden. Die Insel ist für mich sein bestes Einzelwerk und leider immer noch aktuell.

    Hinter Glas war für mich beim ersten Lesen völlig unverständlich, heute finde ich die Schilderung dieses einen Tages aus verschiedenen Sichtweisen genial.

    Schwächen von Merle? Ketzerei! :zwinker: OK, seine Castro Verherrlichung in Moncada wirkt aus heutiger Sicht peinlich und in den letzten beiden Bänden von Fortune de France merkt man ihm sein Alter doch an. Da wiederholt er sich zu oft.

    Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertig macht.

  • Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur's Court (Charles Webster & Company 1889, The Heritage Press 1948, Seven Seas Books 1958, Signet 1963, Airmont Publishing Co. Inc. 1964, Washington Square Press, Inc. 1966, Penguin Classics 1972, Bantam Classics 1983, Aerie Tor Classics 1991, Dover Publications 2001, Barnes & Noble Classics 2005, Oxford University Press 2008, University of California Press 2011) | Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof. Roman (Stein Verlag 1923, Aufbau 1958, Carl Hanser Verlag 1977, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv phantastica 1983, Diogenes 2001, dtv Verlagsgesellschaft 2004, Manesse Verlag 2024)

    An und für sich mag ich Samuel Langhorne Clemens, allerdings gibt es gewisse Episoden in seinen Werken, die mir sauer aufstoßen. In meinem Schulbuch fand sich zum Beispiel das Kapitel, in dem Tante Polly Tom Sawyer dazu verdonnert, den Gartenzaun zu streichen. Diesen Anlaß nutzt das Schlitzohr auf seine Art aus, indem es seine Freunde die Arbeit machen und sich dafür entlohnen läßt. Tom hat sich gewieft aus der Malaise gezogen, aber ich hatte einen Kloß im Hals, weil er für meine Begriffe seine Freunde für sich ausgenutzt hat. Ehrlich gesagt, waren in der Saga am Mississippi vor allem Huckleberry Finn und der entlaufene Sklave Jim meine Favoriten.
    Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt habe ich dann Die Arglosen im Ausland geschmökert, in einer Taschenbuchausgabe vom Aufbau-Verlag, der die beschwerlichen Verhältnisse einer Reise nach Übersee in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schildert. Neben Europa sollen dabei die Stätten der biblischen Geschichte im Nahen Osten aufgesucht werden. Twain zeichnet seine Mitreisenden dabei als herablassende Amerikaner, die die Namen ihrer Guides vor Ort kategorisch ignorieren und ihnen einen Dienstnamen geben, mit dem alle Guides von ihnen angesprochen werden. Durch solche Anekdoten bestätigt er Vorurteile über die Bewohner aus God's Own Country.
    Für deutsche Muttersprachler hat sein Aufsatz "The Awful German Language" (1880), den ich mal in Radio gehört habe, einen besonderen Reiz, und für Linguisten, Germanisten oder Literaturwissenschaftler bietet er einen speziellen Leckerbissen avant la lettre. Twain hört schon genau hin und kommt skurrilen Eigenheiten auf die Spur, die Fremdsprachler wohl leicht zur Verzweiflung bringen können. Ich kann mir gut vorstellen, dass Twain einen sympathischen und unterhaltsamen Gesprächspartner abgegeben hat. Dass er bis heute sein Publikum findet, spricht für die Qualität seines Werks.
    Auf meiner Suche nach Klassikern der phantastischen Literatur ist mir dann ziemlich früh seine Zeitreisegeschichte in die Hände gefallen, die wohl ungekürzt ist und mit Anmerkungen versehen wurde. Zunächst gefällt mir die Prämisse, weshalb die ersten Kapitel ein reines Lesevergnügen sind, mal mit stärkeren, mal mit schwächeren Episoden; allerdings finde ich den Roman zu lang. Der Satiriker Twain stopft den Stoff voll wie eine Weihnachtsgans, weshalb er für mich zum Schluß aus dem Rhythmus gerät. Insbesondere bei den Antikriegskapiteln scheint noch unter dem Trauma des Amerikanischen Bürgerkriegs zu leiden, sodass mir hier der angeschlagene Ton nicht angemessen erscheint. Mark Twain ist ohne Zweifel Weltliteratur, doch sein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof hat Schwächen, weshalb er sich mehr für eine Analyse als für ein vergnügliches Lesestündchen eignet.

  • Leonardo Sciascia: Il giorno della civetta (Einaudi 1961) | Der Tag der Eule (Walter Verlag 1964, dtv 1987, Wagenbach 2009)

    Der schmale Band, mehr eine längere Erzählung als ein Roman, machte seinen Autor in Italien berühmt. Der Volksschullehrer Sciascia schrieb zwar schon seit zehn Jahren, überwiegend Essays und Gedichte, doch der Anti-Mafia-Giallo war sein literarischer Durchbruch, und heute gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen sizilianischen Belletristik. Seit seiner Jugend wurde er von Autoren der Aufklärung wie Voltaire, Montesquieu, Cesare Beccaria und Pietro Verri geprägt, sodass er zu Lebzeiten als das „Gewissen der italienischen Gesellschaft“ galt. Obwohl er breite Interessen verfolgte, zum Beispiel als Journalist und Kunstkritiker, brachte er sich über seine politischen Ämter, zuerst im Stadtrat von Palermo, dann in der Camera dei deputati des italienischen Parlaments und zuletzt wenige Monate im Europaparlament, in kulturelle Debatten ein.
    Der Sizilianer schuf europaweit ein Bewußtsein für die Strukturen der Mafia in der autonomen Region der Mittelmeerinsel, wobei er auch die Verstrickungen zwischen dem Verbrechen und der Politik ins Visier nahm. Obwohl er auf seine Weise die Grundlage für Anti-Mafia-Ermittlungen legte, polemisierte er 1987 im Corriere della Sera heftig gegen die Staatsanwälte Antonino Caponnetto, Giovanni Falcone, Paolo Borsellino, Leonardo Guarnotta und Giuseppe Di Lello, die er als Karrieristen verunglimpfte. Über den Fall Aldo Moro analysierte er die gesellschaftlichen Strukturen, die die politischen Machtverhältnisse gestalten.
    Mit seinem Roman über Capitano Bellodi, einen Norditaliener aus Parma, der nach Sizilien versetzt wird und gegen die Mafia ermittelt, schuf er die Blaupause für dieses Subgenre des Krimis. Bellodi stößt zwar auf die Omertà, also eine Mauer des Schweigens, aber mit ihm erkennt das Publikum die Strukturen hinter den geschilderten Verbrechen, während die Existenz der Cosa Nostra verleugnet wird. Die eigentlichen Strippenzieher können sich dabei einer Anklage entziehen, was der nach Bologna abkommandierte Bellodi niedergeschlagen in der Presse verfolgen muss. Im Gegensatz zu seinen späteren Romanen kommt der Kommissar lebend davon, doch das verweigerte Happy End sah Sciascia als deutliche Kritik an Genreklassikern wie Hammett und Chandler.
    Mehrere seiner Werke wurden verfilmt, darunter Der Tag der Eule 1968 von Damiano Damiani, den ich leider nur einmal gesehen habe, zu meiner Schulzeit im Fernsehen - sonst hätte ich den Roman in einem anderen Thread besprochen.

  • Leo Perutz: Der schwedische Reiter. Roman (Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m.b.H. 1936, Deutscher Taschenbuch Verlag 2004)

    Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir Leo Perutz erst im Laufe meines Studiums in den 1990ern begegnet ist. Doch derzeit steht er wieder hoch im Kurs, nicht nur wegen des neuen Storybogens im Mosaik. Dass der Erfolgsschriftsteller Daniel Kehlmann 2024 einen Essay über ihn geschrieben hat, lässt sich biographisch begründen, denn 1990 verfilmte Michael Kehlmann, Daniels Vater, Perutz' Roman Der Meister des Jüngsten Tages für das Fernsehen. Perutz gelang der literarische Durchbruch nach dem Ersten Weltkrieg, und seit 1921 wurden seine Bestseller regelmäßig verfilmt. Nach dem "Anschluss" an das Dritte Reich, floh Perutz zunächst nach Venedig und ließ sich letztlich in Tel Aviv nieder. Zwar standen seine Titel nicht auf der Liste der verbotenen Bücher, doch Zsolnay galt als jüdischer Verlag. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er Mühe, wieder Schritt zu fassen und geriet in den Hintergrund des literarischen Lebens. Durch prominente Bewunderer wie Jorge Luis Borges verschwand sein Werk nie völlig aus den Buchhandlungen, blieb aber eher ein Geheimtipp. Der einflussreiche Herausgeber Franz Rottensteiner rief unter anderem seinetwegen 1975 beim Zsolnay Verlag die Reihe Die phantastischen Romane ins Leben, wodurch sein Werk wiederentdeckt wurde. Seit 2010 vergeben die Gemeinde Wien und der Hauptverband des österreichischen Buchhandels den mit 5.000 Euro dotierten Leo-Perutz-Preis für die beste Neuerscheinung eines Kriminalromans aus dem deutschen Sprachraum, der einen Bezug zu Wien hat.
    Perutz besuchte dieselbe Schule wie die Kafka-Freunde Felix Weltsch und Max Brod. Nach seinem Wehrdienst wurde er Versicherungsmathematiker, wobei er für zunächst für die Assicurazioni Generali arbeitete, dieselbe Gesellschaft, für die auch Franz Kafka tätig gewesen ist, später für die Versicherungsgesellschaft Anker. In seinem Beruf profilierte er sich durch Aufsätze in Fachzeitschriften; die nach ihm benannte Perutzsche Ausgleichsformel wurde mehrere Jahre in der Branche angewendet. Perutz besuchte die literarischen Cafés und sah sein Vorbild in Karl Kraus; gleichwohl nutzte er mathematische Konzepte in seiner Ästhetik. Seine kunstvoll verschachtelten Romane gehen der Frage nach, was Wirklichkeit überhaupt ist, und zeichnen sich durch unsicheres Erzählen aus, häufig durchsetzt mit phantastischen Elemente, weshalb er ähnlich wie Ambrose Bierce eingeschätzt wird. Es ist schon ein Vergnügen, seine sprachlich anspruchsvollen Werke zu lesen.

  • Andrzej Szczypiorski: Msza za miasto Arras (Czytelnik 1971) | Eine Messe für die Stadt Arras. Roman (Diogenes 1988)

    In meiner Jugend hatte ich eine Diogenes-Phase, in der ich den Schweizer Verlag favorisierte; und im Fahrwasser von Ecos Klosterkrimi geriet mir dieser historische Roman über die Wirren der Pestzeit in der Stadt Arras zwischen etwa 1458 und 1461 in die Hände. Doch das erste Mal habe ich den Namen Szczypiorski vermutlich in einer Ausgabe des alten Literarischen Quartetts mit Marcel Reich-Ranicki gehört, der seinen bekanntesten Roman über den grünen Klee lobte, nämlich Die schöne Frau Seidenman. Mich stieß jedoch der kitschige Titel ab und ließ mich auf Distanz gehen, während eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels Początek, das hieße Der Anfang, in seinem sachlich-lakonischen Tonfall eher in mein Beuteschema gefallen wäre.
    Während des Krieges kämpfte der jugendliche Szczypiorski 1944 im Warschauer Aufstand, wurde gefangengenommen und im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Nach dem Krieg arbeitete der Bildungsbürger als Journalist und schrieb unter Pseudonym Kriminalromane. Ab 1977 engagierte er sich auf Seiten der Opposition, obwohl ein Biograph herausfand, dass er schon ab 1955 für den polnischen Staatssicherheitsdienst Służba Bezpieczeństwa tätig gewesen ist. Nach dem Fall des kommunistischen Regimes bekleidete er einige Jahre das Amt eines Senators. Sein literarisches Schaffen verbindet sich dabei unauflöslich mit der kulturellen, sprich politischen Versöhnung zwischen Deutschen und Polen.
    Dieses Engagement schlug sich dann in einer Reihe von Preisen nieder, die ihm vor allem in Deutschland verliehen wurden: 1989 der Nelly-Sachs-Preis, 1990 der Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken, 1995 das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland und der Andreas-Gryphius-Preis. Seit 2000 verleiht die Polska Fundacja Dzieci i Młodzieży ihm zu Ehren den Andrzej-Szczypiorski-Preis. 2006 wurde in der Nähe des KZ Sachsenhausen das Haus Szczypiorski eingerichtet, eine internationale Jugendbegegnungsstätte.
    Sein Roman über die Stadt Arras, in der Pest und religiöser Fanatismus zu einer Raserei führen, die sich in Judenpogromen, Kannibalismus, Hexenprozessen, Mord und Totschlag, rechtlicher Willkür und privaten Abrechnungen äußert, geht über das rein Historische hinaus. Exemplarisch wird an dem Fall abgehandelt, wie Menschen jegliches moralische Maß verlieren, was letztlich durch den fürstbischöflichen Stadtherrn durch pragmatische Barmherzigkeit eingehegt wird. Ein nachdenkliches Werk.

  • Adolfo Bioy Casares: La invención de Morel (Editorial Losada 1940) | Morels Erfindung. Roman (Nymphenburger Verlagshandlung GmbH 1965, Suhrkamp Verlag 1984)

    Der Titel spielt auf H.G. Wells Roman Die Insel des Dr. Moreau an und dürfte trotz seines weitreichenden Einflusses (k)ein Geheimtipp geblieben sein, denn der gerade mal 120 Seiten lange Roman stammt aus Argentinien. Die Graphik der Erstausgabe bei einem jungen Verlag aus Buenos Aires gestaltete Norah Borges, die Schwester des literarischen Schwergewichts Jorge Luis Borges, mit dem Bioy Casares befreundet war und von dem das Vorwort der Erstausgabe stammt. Der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz hält den Science-Fiction-Roman für einen perfekten Roman, und weitere lateinamerikanische Schriftsteller wie Julio Cortázar, Juan Carlos Onetti, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez bewundern ebenfalls dieses Werk, das auch im Ausland immer wieder frisch aufgelegt wurde. Meine Ausgabe erschien im Rahmen der Phantastischen Bibliothek von Franz Rottensteiner im Suhrkamp Verlag.
    Jorge Luis Borges dürfte selbst Leuten ein Begriff sein, die nie Belletristik aus Südamerika gelesen haben, während sein Freund Bioy Casares nur Nerds und Kennern etwas sagen dürfte. Unter Romanisten gilt er als einer der wichtigsten Autoren Argentiniens und der spanischsprachigen Literatur, obwohl er im Schatten von Borges steht, mit dem er einige Werke vierhändig verfasst hat, darunter das schelmische Seis problemas para don Isidro Parodi unter dem Pseudonym H. Bustos Domecq. Sein Schwerpunkt lag in den Genres Phantastik und Kriminalliteratur, und einige Werke entstanden gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Silvia Ocampo. Er erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, beispielsweise nahm ihn Frankreich 1981 in die Ehrenlegion auf, 1986 wurde er Ehrenbürger von Buenos Aires | Ciudadano ilustre de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires, und 1990 bekam er den höchsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt, den Cervantespreis | Premio Miguel de Cervantes.
    Generationen vor Matrix und Simulacron-3, der Vorlage von Fassbinders Welt am Draht, entstand dieser Vorläufer des Cyberpunk. Der Roman erzählt von einem Flüchtling auf einer Insel in Polynesien, der dort auf eine seltsame Gesellschaft trifft, die sich in einer Wiederholungsschleife zu befinden scheint. Für ihn wird es beständig schwerer, Realität und Fiktion zu unterscheiden, bis er schließlich zu dem Schluss gelangt, in einem virtuellen Raum gefangen zu sein. Bioy Casares beruft sich dabei auf so disparate Einflüsse wie den antiken Philosophen Cicero, das sogenannte Bevölkerungsgesetz des Ökonomen Thomas Robert Malthus und das Broadway-Musical Tea for Two. Heute finden sich sowohl in der populären als auch in der Hochkultur zahlreiche Verweise auf diesen bahnbrechenden Roman: Die Erfinder der Fernsehserie Lost zählen zu den Fans; nicht nur Alain Resnais ließ sich davon zu seinem Film Letztes Jahr in Marienbad anregen, sondern auch die Brothers Quay zu ihrem zweiten abendfüllenden Stop-Motion-Film The Piano Tuner of Earthquakes; als weitere Inspirationen gelten das Videospiel Myst sowie der erste Band der Comicreihe Die geheimnisvollen Städte des Szenaristen Benoît Peeters und des Zeichners François Schuiten: Die Mauern von Samaris. Den Roman selbst gibt es seit 2007 als Comic aus der Hand von Jean-Pierre Mourey.

  • Maj Sjöwall und Per Wahlöö: Roman om ett brott (Norstedts Förlag 1965-1975) | Roman über ein Verbrechen (Rowohlt 1968-1977, Volk und Welt 1973-1988)

    Der Nordic Noir ist heute allgegenwärtig und wird regelmäßig verfilmt, entweder für das Kino oder das Fernsehen, häufig als Serie. Als ich mich näher mit dem Krimigenre befasste, stolperte ich die schwedische Krimireihe um den Kommissar Martin Beck aus Stockholm. Zehn Jahre nach dem Abschluss der Reihe brachte der Rowohlt Verlag 1987 eine Gesamtausgabe der Taschenbuchreihe im Schuber heraus, ergänzt um ein schmales, geheftetes Booklet mit Hintergrundinfos. Da schlug ich natürlich zu. Gewiss, die dünnen Bände hatten ihren Reiz, aber so revolutionär empfand ich sie nicht. Dennoch muss mich vor allem Per Wahlöö beeindruckt haben, denn seine übrigen Romane bei Rowohlt legte ich mir zur Abrundung zu.
    Zwar läuft unter dem Titel Kommissar Beck – Die neuen Fälle bis heute eine Serie, die sich auf diese Vorlage beruft und in der mittlerweile Martin Becks Enkel seinen Dienst bei der Polizei angetreten hat, doch ich habe mich bewusst gegen einen Post im Thread "Vom Schreiben zum Verfilmen" entschieden. Die zehn Krimis des Ehepaars Sjöwall/Wahlöö sind meilenweit von dem entfernt, was heute über den Bildschirm flimmert. Denn sie bilden eine Einheit, quasi einen weltlichen Dekalog, und enden im letzten Band, Die Terroristen, damit, dass Beck bei der Polizei kündigt. Inwieweit dieses Finale beabsichtigt wurde, darüber kann ich nur spekulieren, weil Per Wohlöö im selben Jahr an Krebs starb. Danach schrieb seine Witwe Maj Sjöwall allerdings weiter Krimis, immer vierhändig: je einmal mit Bjarne Nielsen und Tomas Ross, dreimal mit dem deutschen Jürgen Alberts.
    Plakativ widmete Henning Mankell einen seiner Krimis seinen Vorbildern, erntete jedoch im Gegenzug eine rüde Replik von Sjöwall. Biographische wie auch weltanschauliche Parallelen gibt es am ehesten mit Stieg Larssons Millenium-Trilogie, die in zahlreichen Szenen dem schwedischen Urkrimi trocken ihre Hommage erweist. Denn Sjöwall/Wahlöö verstanden sich als marxistische Kritiker der kapitalistischen Ordnung und gingen entsprechend hart sogar gegen Sozialisten wie Olof Palme zu Gericht, die sie als Heuchler empfanden. Wie Larsson verbrachte Wahlöö als Journalist einige Jahre im Ausland; die Regierung des faschistischen General Franco verwies Wahlöö aus Spanien. Um über die Runden zu kommen, arbeitete Wahlöö als Gerichtsreporter und als Übersetzer, unter anderem für einige Kriminalromane des US-Amerikaner Ed McBain über das 87. Polizeirevier. Wahlöös journalistische Bandbreite reicht vom seriösen Sydsvenska Dagbladet über die Boulevardzeitung Kvällsposten bis zur sozialistischen Zeitung Tidsignal, für die von er von 1965 bis 1970 arbeitete und in deren Redaktionskollektiv er saß.
    Obwohl Norstedts regelmäßig die einzelnen Bände nachdruckte, dauerte es Jahre, bis das Ehepaar davon leben konnte. Zeitweise weigerten sie sich Steuern zu zahlen oder veranstalteten in Restaurants Tumulte, damit sie rausgeworfen wurden und die Zeche prellen konnten. Die Serie um Kommissar Beck und seine Kollegen fällt in das Subgenre police procedural, wozu sich Sjöwall/Wahlöö auf konspirative Weise Informationen über den Polizistenalltag beschafften.
    Dabei werden die Fälle vergleichsweise langsam und lakonisch erzählt, über den Landschaften liegt über eine melancholische Stimmung, weil sie sich vom exzentrischen Meisterdenker à la Sherlock Holmes oder Hercule Poirot entfernen wollten. Dadurch wird die Jagd nach dem Schuldigen zu einem bürokratischen Vorgang, in den immer wieder die Hierarchie hineinfunkt. Der Reiz ihres Klassikers dürfte darin liegen, dass ihnen ihr Anliegen nur halb geglückt ist; denn die eindrucksvollste Figur im Team stellt Gunvald Larsson dar, einer von Becks Assistenten, der aus einer reichen Familie stammt, diese aber wegen ihrer Dekadenz verachtet. Gunvald Larssons latente Unberechenbarkeit hat ihre genialen Momente und bringt so manches Mal den entscheidenden Hinweis.

  • David Foster Wallace: A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again: Essays and Arguments (Little, Brown and Co. 1997) | Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich (Marebuch 2002, Goldmann 2006 und Büchergilde Gutenberg 2018)

    Von David Foster Wallace wollte ich schon immer etwas lesen, und als ich vor einigen Wochen im Bücherstapel in meinem Krankenhaus diesen schmalen Band entdeckt habe, musste ich rasch zugreifen. Der Hochschullehrer und depressive Alkoholiker wählte mit 46 Jahren den Freitod, schuf jedoch mit seinem Roman Infinite Jest | Unendlicher Spaß (1996) ein erzählerisches Meisterwerk, das inzwischen zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Während seiner Schulzeit geriet Foster Wallace in Schwierigkeiten, aus denen ihn nach eigenen Angaben Tennis spielen, Marihuana und das Schreiben retteten.
    Foster Wallace lockte mich vor allem durch seine verspielte Art des Schreibens, denn seine postmoderne Belletristik strotzt vor popkulturellen Verweisen und wuchert mit intertextuellen Abschweifungen, denn gern nutzt er Fußnoten (die wiederum auf andere Fußnoten verweisen können) als weitere Erzählebene. Er wird der Metamoderne zugerechnet, die vor dem Absurden nicht zurückschreckt, Neologismen schöpft und die Sprache zum Kunstwerk werden lässt. Am liebsten hätte ich natürlich Unendlicher Spaß im Original gelesen, doch nach meiner jetzigen Erfahrung glaube ich, dass ich damit hoffnungslos überfordert gewesen wäre. Sein Hauptwerk entstand schon seit 1986, während der Essay, den ich gelesen habe, ursprünglich 1996 im Harper's Magazine erschien, einem 1850 gegründeten Monatsmagazin, und oberflächlich über eine siebentägige Luxuskreuzfahrt von US-Amerikanern in der Karibik berichtet. Allein schon wegen des Titels halte ich seine vermeintliche Reisereportage für ein augenzwinkerndes Seitenstück seines Opus magnum. Dank seines Übersetzers Marcus Ingendaay lernte ich die mir neuen deutschen Wörter schlunz und knüssel kennen; insofern kann ich nur spekulieren, welche Wörter Foster Wallace im Original nutzt.
    Mit einem realistischen Bericht hat Foster Wallaces irrwitziges Vexierspiel, das vor Ironie, Doubles, Umkehrungen und Vertauschungen strotzt, nicht das geringste zu tun. Obwohl ich in einer Hafenstadt lebe, die von Kreuzfahrtschiffen geprägt ist (denen ich gern im Hafen zusehe), wäre diese Mischung aus schwimmendem Grand Hotel und Cluburlaub mit Animatoren für mich persönlich ein Albtraum. Die Fernsehserie Das Traumschiff habe ich gehasst. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb hat mich Foster Wallace amüsiert, wobei ich in ihm einen würdigen Nachfolger von Mark Twain sehe.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!