Marvel-Verwirrung: Condor & Co.

  • So, nun aber mit dem richtigen 2024er Banner:


    Juliette: Gespenster kehren im Frühling zurück



    Text und Zeichnungen: Camille Jourdy

    Klappentext: Juliette, eine junge Frau, die von Angstattacken geplagt wird, lässt ihr Leben in Paris für eine Weile hinter sich, um in der Provinz neue Kraft zu schöpfen. Doch in der Kleinstadt ihrer Kindheit ist nicht alles so geblieben, wie sie es zurückgelassen hat. Sie trifft auf einen Vater mit schwankendem Gedächtnis, eine überschwängliche und launische Mutter und ihre Schwester, eine vorbildliche Familienmutter, die jedoch einen Liebhaber hat. Juliette hat in ihrem Koffer einen Knoten, den sie lösen muss. Genauso viele Knoten gibt es im Leben von Polux, einem netten, einsamen und arbeitslosen Barkeeper. Durch Zufall kreuzen sich ihre Wege...

    Auf den von der 1979 geborenen französischen Künstlerin Camille Jourdy geschaffenen Comic „Juliette“ bin ich durch die Nominierung zum Max und Moritz Preis des Comic Salons Erlangen 2024 aufmerksam geworden. So fand es noch direkt auf den Salon den Weg in meine Einkaufstasche. In der vergangenen Woche hatte ich endlich die Muße, mich dem -240- Seiten starken HC-Band zu widmen. Juliette erzählt in ruhigen Bildern und Worten die Geschichte einer jungen, zurückhaltenden Frau, die zu ihrer Familie in den Mief einer französischen Kleinstadt zurückkehrt und dort mehr oder minder unfreiwillig mit den Gespenstern ihrer Kindheit und Jugend konfrontiert wird.

    Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich mich mit der Hauptfigur, sowie den knapp ein Dutzend Nebenfiguren, die nach und nach Teil der Geschichte werden, innerlich angefreundet hatte. Nur sehr langsam kommt die Story in Schwung und man ist sich lange nicht sicher, wohin das Ganze überhaupt geht. Doch, wie ich finde, wurde meine Geduld und das Warten belohnt. Auch wenn einige lose Enden bleiben und viel Raum für eigene Überlegungen bleibt, begeisterte mich diese tragisch-humoreske Story auf jeden Fall.

    Seine Stärken zieht das Buch aus den aberwitzigen Dialogen und den schrägen Charakteren, die vom Leben der Kleinstadt geprägt sind. Beim Lesen fühlte ich mich immer wieder schmunzelnd an Sketche von Loriot oder Komödien von Woody Allen erinnert. Ein Lob geht an dieser Stelle an die Übersetzung von Lilian Pithan, die ganz offensichtlich eine saubere Arbeit abgeliefert hat. Bei den Zeichnungen hält sich Camille Jourdy an klare Linien und wässriger Farbgebung, die das Ambiente der frühlingshaften Kleinstadt mit ihren kleinbürgerlichen Häusern, Wohnblöcken, Gewerbebetrieben und blühenden Gärten hervorragend einfangen. Perfekt beherrscht Jourdy das Beschleunigen und Verlangsamen der Handlung durch zeichnerische Mittel. Bei den Gesichtern reicht es, mit Punkten und Strichen bei Mund, Augen und Augenbrauen die Stimmungen und Gefühle der Figuren bestens auszudrücken. Passend, aber gewöhnungsbedürftig ist das Schreibschriftlettering. Meine Grundschullehrerin hätte sie anno 1974 wohl als Kinderschönschrift bezeichnet. Sie war nicht zuletzt wegen der Größe mitunter schwer leserlich.

    Am Ende dieser schrulligen Tragikkomödie steht die Erkenntnis, dass viele Menschen einfach selber nicht wirklich wissen, was sie wollen und „keine Kommunikation“ eine verdammt schlechte Art der familiären Verständigung ist.

    Leseprobe: https://reprodukt.com/products/juliette

    Und wie ich soeben feststellen durfte, hat „Juliette“ auch den Weg auf die Leinwand gefunden und kommt noch diesen Sommer auch in unsere deutschen Kinos. Er kommt im Juli auch ins Programmkino unserer Stadt und hat damit auf jeden Fall mich als Besucher:

    Edited once, last by michidiers (June 24, 2024 at 8:07 PM).

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    Columbusstraße


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    Text und Zeichnungen: Tobi Dahmen


    Werbetext: Eine Familiensaga in Zeiten des Zweiten Weltkrieges
    Nach dem Tod seines Vaters entdeckt Tobi Dahmen eine Sammlung alter Familienbriefe. Ausgehend von den bewegenden Zeitzeugnissen rekonstruiert er eine Chronik der deutschen Kriegsjahre im Spiegel seiner eigenen Familiengeschichte.
    Minutiös recherchiert und gefühlvoll erzählt
    In seiner mitreißenden Graphic Novel erzählt Tobi Dahmen nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern reflektiert eindrücklich die deutsche Vergangenheit und die Fragen nach politischer und persönlicher Verantwortung.


    Immer dann, wenn ich mich nach dem Lesen oder Sehen nach eines Films, Buches oder Comic noch über mehrere Tage innerlich mit dem Inhalt beschäftige, weiß ich, dass ein ganz besonderes Lese- oder Seherlebnis hinter mir liegt. Das vorliegende, von dem 1971 geborene Künstler Tobi Dahmen geschriebene und gezeichnete "Columbusstraße" ist eines davon. Es ist im Grunde die Geschichte des Vaters des Autors und dessen Familie, zu Teilen auch seiner Mutter über die Zeit des Nationalsozialismus bis zum bitteren Kriegsende.

    Geschaffen wurde die Familienchronologie in Comicform anhand von Frontbriefen, Fotos, Recherchen und Erinnerungen der Familienangehörigen Dahmens. Da, wo Einzelheiten fehlen, wurden diese als "mögliche Ereignisse" in die tatsächlichen Ereignisse eingebaut, was für einen stimmigen Lesefluss sorgt. Sehr schnell ist man als Leser im Geschehen - es beginnt im Jahre 1933 - drin und ebenso schnell sind einem die einzelnen Familienangehörigen ans Herz gewachsen. Das ändert sich auch nicht, als die Brüder des Vaters in den Krieg eingezogen werden, dort schreckliche Dinge erlebten und offensichtlich auch taten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr man als Leser gemeinsam mit den Figuren trauert oder sich mit ihnen freut.

    Dahmen hat gut daran getan, keine bunten Farben zu verwenden, sondern neben Bleistift und Inks es bei einer sanften graustufigen Farbgebung zu belassen. Das passt gut zu einer Zeit, aus der wir Fotos und Filme nur in schwarzweiß kennen. Zudem senkte das sicherlich nicht unerheblich die Druckkosten. Der Verkaufspreis beträgt daher nur 40 Euro für satte 450 Comicseiten in einem wertigen Hardcover. Leider fehlt jedoch ein Leseband und nach meiner vorsichtigen Lektüre ist der Buchrücken etwas schief, was mich sehr ärgert.

    Es ist bemerkenswert, welch eine Fleißarbeit in diesen Werk steckt. Columbusstraße hat dem Künstler damit zumindest eine Nominierung für den Max und Moritz Preis 2024 auf dem Comic Salon Erlangen eingebracht. Von mir gibt es hiermit eine Leseempfehlung. Ja, und wäre ich in der Jury gewesen, ich hätte mich sicher für diesen Comic für einen der ausgelobten Max und Moritz Preise entschieden.

    Der Künstler Tobi Dahmen hat mir im Nachgang per E-Mail einige Fragen beantwortet, die mich bei der Lektüre umtrieben haben. Hier seine nicht uninteressanten Antworten. Ich habe sie im Original belassen und nicht gekürzt o.ä.:


    1a. Sie begannen bereits 2016 mit den Recherchen zu Columbusstraße, ab 2020 setzte die Zeichenarbeit ein. Das sind über acht Jahre sehr zeitraubende Arbeiten. Haben Sie einmal nachzuvollziehen versucht, wie viele Stunden Sie für das Gesamtwerk brauchten?

    Die Zeit in Stunden zu ermessen ist mir kaum möglich. Gerade die Recherchearbeit passierte ja mit grösseren zeitlichen Abständen, und ich habe keine Stechuhr nebenher laufen lassen. Ich habe aber mal ausgerechnet, wieviele Bücher ich verkaufen müsste, damit wenigstens die Seiten einigermassen (das heisst am unteren Ende der Honorarleiste) vergütet würden. Dafür müsste ich mindestens 50.000 Bücher verkaufen. Und dabei wäre die Recherchearbeit wie gesagt noch nicht mit vergütet.

    1b. Aus dem Buch ist erkennbar, dass Sie eine Familie haben. Wie lässt sich so ein gewaltiges Projekt rein finanziell (vor-) überhaupt finanzieren? Sicher mussten doch aus Zeitmangel Ihre anderen Erwerbstätigkeiten ruhen.

    Ich arbeite hauptberuflich ja als Illustrator für verschiedenste Auftraggeber. Das musste ich natürlich weitermachen, ich kann meiner Familie ja nicht erzählen, dass es jetzt vier Jahre nichts zu essen gibt, weil der Herr Vater gerne seine Graphic Novel zeichnen möchte. Die Recherche habe ich immer zwischendurch erledigt, bin zum Schreiben auch mal eine Woche weggefahren, und die Zeichenarbeiten habe ich meistens abends und am Wochenende erledigt.

    2. Per Zufall habe ich eine bei Ihrer Recherche entstandene offene Frage aus den Briefen von 1943 aus Landsberg eines Ihrer Onkels im Internet in einem Forum gefunden. Dabei ging es um eine "Sicherungsdivision 707 (der Wehrmacht), die in der Gegend von Smolensk liegt".

    Was Sie da gefunden haben, interessiert mich natürlich.

    Ebenso fand ich ein Luftbild von der zerstörten Fabrik vom Mai 1944 in Aprilia, das auch den Weg als Zeichnung ins Buch fand. Ich persönlich bin neugierig und interessiert an der jüngeren Geschichte Deutschlands, da auch mein eigener Vater, kaum 17 geworden, im Jahre 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde und kämpfen musste. Er musste auf Menschen schießen und er hatte Glück, nicht getötet zu werden, was ihn bis zu seinem Tot 1993 sehr mitnahm. Geredet hat er eigentlich mit mir auch nur darüber, wenn er Alkohol intus hatte. Die Männer waren zum Teil Täter, gleichzeitig auch Opfer. Ist Ihnen schon mal der Gedanke gekommen, dass Columbusstraße auch eine Art echtes "Antikriegsbuch" ist?

    Ich denke, jeder mit gesundem Menschenverstand muss gegen den Krieg sein. Der Krieg bringt nie etwas gutes hervor. Aber was macht man, wenn jemand einfach den Krieg anfängt? Wie sähe Europa heute aus, wenn sich die Alliierten Hitler nicht entgegen gestellt hätten? Und was passiert mit Europa, wenn wir uns nicht geschlossen Putin entgegen stellen. Ich will diese beiden Diktatoren nicht auf die gleiche Stufe stellen, aber ihre Aggressivität ist ja nicht von der Hand zu weisen, und dafür braucht es Antworten. Aber es ist natürlich schrecklich, was diejenigen erleben, die diese Kriege kämpfen. Ich bin auch oft ratlos, wie man mit Leuten umgehen soll, die so wenig Achtung vor dem Leben haben.

    3. Es war erstaunlich, wie schnell ich mich beim Lesen mit ihren Großeltern, Eltern, Tanten und Onkels innerlich "anfreundete" und mit ihnen trauerte und mich mit ihnen freute. Leider hört deren Geschichte im Jahr 1945 auf. Ich frage mich aber, ob diese - was ich hoffe - noch ein glückliches Leben danach verleben durften. Können oder möchten Sie ein paar Worte darüber verlieren, ob dies der Fall war?

    Es freut mich natürlich sehr, dass ich Ihnen die Figuren so beschrieben habe, dass Sie mit ihnen mitfühlen. Ich kann Sie aber insofern beruhigen, dass ich die Geschichte noch weitererzählen möchte, die Nachkriegsjahre verdienen meiner Ansicht nach auch nochmal besondere Beachtung, wie ist man damals mit den Kriegsfolgen umgegangen. Die Familie Dahmen war in jedem Fall sehr gezeichnet vom Verlust des Sohnes. Das Vakuum hat vieles durcheinander gebracht. Und für die Familie meiner Mutter, die Familie Funcke beginnt das eigentliche Martyrium erst, mit der Besatzung durch die Sowjets. Hundert Seiten sind bereits gezeichnet, aber vor dem nächsten Jahr werde ich daran wohl nicht weiterarbeiten können.

    4. Ich frage mich noch immer, warum es beim Comic Salon Erlangen nicht über eine Nominierung hinausging. Einer meiner Freunde erzählte mir, dass Sie vielleicht nur deshalb Pech hatten, weil Sie mit einem der ganz großen Verlage den Vertrag für Columbusstraße abschlossen und die Preise gerne dafür verwendet werden, um kleine Verlage zu supporten. Waren Sie enttäuscht, dass am Ende kein Preis erfolgte. Für mich war dies einfach das beste Werk, dass zur Auswahl stand.

    Vielen Dank, ich freue mich sehr, dass Ihnen das Buch so gefallen hat. Ja, es ist natürlich schade, dass es nicht geklappt hat. Aber ich denke da auch nicht mehr so darüber nach. Die Rückmeldung auf das Buch macht es tausend Mal wett, dass es nicht mit dem Preis geklappt hat, ich bekomme eigentlich nur positive Rückmeldungen und zahlreiche Presseorgane haben das Buch besprochen. Ich verstehe auch, dass eine Jury progressive Zeichenstile unterstützen will. Mir geht es ja darum, möglichst viele Menschen mit diesem Buch zu erreichen. Ich bezweifle aber, dass es mit dem grossen Verlag zu tun hat. Es haben ja auch andere Bücher vom Carlsen Verlag gewonnen.


    Backcover:


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    Leseprobe hier:


    Columbusstraße

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