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Alt 27.03.2017, 15:39   #26  
Servalan
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Santiago García (Szenario) / Javier Olivares (Zeichnungen): Las meninas (Astiberri Ediciones 2014), englischsprachige Ausgabe: The Ladies-in-Waiting (Fantagraphics 2017)
[Kleiner Hinweis: Ich verweise nätürlich am liebsten auf deutschsprachige Ausgaben. Allerdings ist der deutsche Markt so klein, daß nicht alle wichtigen Comics übersetzt werden. Deswegen weiche ich notfalls auf englische oder französische Fassungen aus.]

Im Mai erscheint endlich eine englischsprachige Ausgabe dieses spanischen Comics, der 2015 sowohl den Spanischen Nationalpreis für Comics erhielt, als auch auf dem Internationalen Comicfestival in Barcelona als bester spanischer Comic ausgezeichnet wurde.
Den Dreh- und Angelpunkt bildet ein kunsthistorisches Meisterwerk, Diego Velázquez' (1599-1660) riesiges Gemälde der spanischen Königsfamilie "Las meninas o La familia de Felipe IV" (1656, deutscher Titel: "Die Hoffräulein“). Heute hängt die monumentale Leinwand von 3,18 Meter × 2,76 Meter im Prado, in Madrid.
Seit 1957 variierten moderne Künstler von Pablo Picasso und Fernando Botero über Yasumasa Morimura und John Wonnacot bis zu Sophie Matisse das Werk. Einer der berühmtesten philosophischen Kommentare stammt von Michel Foucault.

Die 192 Seiten des Comics teilen sich in drei Kapitel: "Der Schlüssel", "Der Spiegel" und "Das Kreuz". Zu Beginn sehen wir, wie sich Velázquez im Königspalast Alcázar in Madrid darauf vorbereitet, indem er die Familie König Philipps IV. von Spanien einzeln porträtiert ....

Geändert von Servalan (30.03.2017 um 14:18 Uhr)
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Alt 16.04.2017, 14:17   #27  
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Weiter geht es mit Architekturgeschichte:

Gabrielle Lyon (Szenario und Herausgeberin) / Gabrielle Lyon, Devon Mawdsley, Kayce Bayer, Chris Lin und Deon Reed (Zeichnungen): No Small Plans. A graphic novel adventure through Chicago (Chicago Architecture Foundation mit Kickstarter 2017)

Die Architekturstiftung Chicago nutzt bis heute Daniel Burnhams Wacker's Manual (1911), um Kindern und Jugendlichen die architektonische Geschichte Chicagos zu vermitteln. In dessen Mittelpunkt steht die Monographie von Daniel Hudson Burnham und Edward H Bennett (Architekten) und Jules Guérin (Illustrationen): Plan of Chicago (Commercial Club of Chicago 1909) über das urbanistische Konzept der Millionenstadt.

2015 entwickelte sich der Gedanke, das Konzept in einem Comic bis in die heutige Zeit (und darüber hinaus) zu verlängern. Im April 2016 einigten sich die Architekturstiftung Chicago und die Künstlergruppe Eyes of the Cat Illustration auf ein Konzept von 144 Seiten.
Für eine Auflage von 5.000 Exemplaren 2017 wurde eine Crowdfunding-Kampagne bei Kickstarter ins Leben gerufen, in der zunächst 10.000 $ gesammelt werden sollten, um die Exemplare kostenlos zu verteilen. Das neue Ziel lag bei 50.000 $ und weiteren 1.000 Gratisexemplaren für Kinder und Jugendliche aus Chicago. Erreicht wurden 56.409 $ von 1.277 Unterstützern, die mindestens zehn Dollar geben mußten.

Im Mittelpunkt stehen die Kinder Reggie, Elisa und Bernhard aus den Vierteln Bronzeville, Maxwell Street und Austin, die Chicago in drei Etappen kennenlernen. Diese Struktur spiegelt sich in den drei Kapiteln: "Die Vergangenheit (1928)", "Die Gegenwart (2017)" und "Die Zukunft (2211)" Ausschnitte aus Wacker's Manual werden als Zwischenspiele die Kapitel voneinander trennen.

Geändert von Servalan (02.05.2017 um 16:13 Uhr) Grund: aktualisiert
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Alt 18.04.2017, 19:25   #28  
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Wenn Kunst im wahrsten Sinne des Wortes lebendig wird, kann es unterhaltsam werden:

Shaun Simon (Szenario) / Michael Allred, Matt Brundage, Laura Allred und Eduardo Risso (Zeichnungen): Art Ops (DC Vertigo, die Serie läuft seit Oktober 2015 als Heftserie), bisher sind zwei Sammelbände (TPBs) erschienen: Volume 1: How to Start a Riot (DC Vertigo 2016) und Volume 2: Popism (DC Vertigo 2016)

Die Serie dreht um sich ein sehr spezielles Geheimdienstteam, das gewisse Ähnlichkeiten mit den Men in Black hat. Denn die Hauptfigur, das Schlüsselkind Reggie aus dem Big Apple, entdeckt, daß Gemälde lebendig werden können. Die supergeheimen Art Ops bringen seit 30 Jahren die Kunstwelt wieder ins recht Lot und verhindern das Schlimmste.

Die Serie beginnt mit einem Kunstdiebstahl: Die "Mona Lisa" (1503-1506) wurde im Louvre aus der Leinwand von Leonardo da Vinci (1452-1519) entführt und soll ermordet werden. Deshalb kommt sie in ein Zeugenschutzprogramm.
In einem weiteren Fall wird die Freiheitsstatue (1884/1886) von Frédéric-Auguste Bartholdi (1834-1904) lebendig und läuft in den Straßen von New York City Amok.

Geändert von Servalan (18.04.2017 um 22:49 Uhr)
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Alt 30.04.2017, 15:07   #29  
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Zu den Hochburgen des europäischen Comics zählen Belgien und die Niederlande.
Im flämisch-holländischen Sprachraum gehören die Ikonen der heimischen Comicgeschichte bis heute zum Alltag, und der Stil der Klaren Linie wird weltweit von Fans, Kritikern, Akademikern und Künstlern bewundert.
Sprachlich herrschte und herrscht in dem Gebiet zwischen Antwerpen und der holländischen Grenze zu Ostfriesland ein großes Kuddelmuddel, während die flämische Malerei mit ihren Altmeistern Rembrandt und Rubens, den Brueghels und van Dyck sowie Hieronymus Bosch Kunstgeschichte geschrieben haben.

Natürlich erweisen Comicautoren ihren Vorbildern ihre Reverenz. Manchmal sind das nur einzelne Hommagen (wie "Die Bauernhochzeit", um 1568, von Pieter Bruegel dem Älteren, 1525/1530-1569 in Goscinny/Uderzos Asterix bei Belgiern), allerdings gibt es auch komplette Alben, die sich um bedeutende Meister der flämischen Malerei drehen.
Die belgische Comicserie Suske en Wiske ist mittlerweile selbst ein ehrwürdiger Teil des Kulturerbes. Im März 1945 erschien die erste Geschichte aus dem Studio Vandersteen in der Tageszeitung De Nieuwe Standaard und 1946 folgte das erste Album. Heute erscheinen mehrere Ausgaben parallel, wobei sich je nach Sprachgebiet die Zählung unterscheidet: Die Serie erreicht 2017 die Bände 366 bzw. 340.

Die Hauptfiguren sind die Kinder Suske und Wiske. Die beiden wohnen bei Wiskes Tante Sidonia. Wiske heißt eigentlich Louise und der von Tante Sidonia adoptierte Suske François. Suske stammt von der fiktiven Südseeinsel Amoras.
Zusammen mit dem unglaublich starken Jerom (in Deutschland auch als Wastl bekannt) sowie die dem Detektiv Lambiek (bzw. Lambik) erleben Suske und Wiske Abenteuer in aller Welt und in allen Epochen der Geschichte.

Hier stelle ich einzelne Alben (chronologisch geordnet) mit berühmten Künstlern vor:
  • Willy Vandersteen: Suske en Wiske 1: Het Spaanse spook (Standaard Uitgeverij 1952) - über Pieter Bruegel der Ältere (1525/1530-1569)
  • Willy Vandersteen (Szenario) / Willy Vandersteen und Eduard de Rop (Zeichnungen): Suske en Wiske 96 Het rijmende paard (Standaard Uitgeverij 1969) - über Anthonis van Dyck (1599-1641), des weiteren treten Jacob Jordaens (1593-1678), David Teniers de Oude (1582-1649) und Peter Paul Rubens (1577-1640) auf.
  • Paul Geerts: Suske en Wiske 164: De raap van Rubens (Standaard Uitgeverij 1977) - über Peter Paul Rubens (1577-1640), erschien zum 400. Geburtstag, des weiteren treten Anthonis van Dyck (1599-1641), Jacob Jordaens (1593-1678), David Teniers de Oude (1582-1649) und Peter Paul Rubens (1577-1640) auf.
  • Paul Geerts: Suske en Wiske 181: De kleurenkladder (Standaard Uitgeverij 1990) - über Vincent van Gogh (1853-1890), erschien zum 100. Todestag
  • Peter Van Gucht und Erik Meynen (Szenario) / Luc Morjaeu, Charel Cambré, Peter Quirijnen, Tom Wilequet und Isabelle Van Laerhoven (Zeichnungen): Suske en Wiske 292: De nachtwachtbrigade (Standaard Uitgeverij 2006) - über Rembrandt van Rijn (1606-1669), erschien zum 500. Geburtstag, des weiteren treten Samuel van Hoogstraten (1627-1678) und Carel Fabritius (1622-1654) auf.
  • Peter Van Gucht (Szenario) / Luc Morjeau (Zeichnungen): Suske en Wiske 333 De bibberende Bosch (Standaard Uitgeverij 2016) - über Hieronymus Bosch (1450-1516), erschien zum 500. Todestag

Geändert von Servalan (16.05.2017 um 23:22 Uhr) Grund: wird bei Bedarf aktualisiert
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Alt 01.05.2017, 15:55   #30  
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Marian Churchland: Beast (Image Comics 2009)

Ihre ersten Meriten erwarb sich die Kanadierin Marian Churchland mit ihren Beiträgen zu Richard Starkings' Comicserie Elephantmen, zu Madame Xanadu und weiteren Comics für Dark Horse - unter anderem Conan: Trophy.
Ihr erstes eigenes, in sich abgeschlossenes Werk nutzt jedoch einen ungewöhnlichen Zugriff, um einen ziemlich altbackenen Stoff zu modernisieren.
Die Story basiert auf Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts La Belle et la Bête aus dem Magasin des enfants (1757), sprich: es geht um die Schöne und das Biest, wobei Churchland das Märchen in die Gegenwart verlegt.

Vancouver, die junge Colette schlägt sich mehr schlecht als recht durch den Alltag, nachdem sie ihren Abschluß an der Kunsthochschule gemacht hat. Ihr Ex nervt manchmal, und in der Not hilft ihr Vater als Agent aus.
Denn Colette ist eine junge Bildhauerin und träumt von ihrem ersten großen Werk, das die Kunstwelt wenigstens zur Kenntnis nehmen muß. Irgendwann vermittelt ihr Vater ihr einen Auftrag, bei dem Colette ein wenig flau im Magen wird: Einen geheimnisvollen Auftraggeber soll sie lebensgroß in Marmor porträtieren.
Weil sie sich diese Chance nicht entgehen lassen will, läßt Colette sich auf den Deal ein und folgt den seltsamen Anweisungen. Eine finstere Aura umgibt den schattenhaften Mann, dessen Ebenbild sie aus dem Block schlagen soll: das Biest, die Bestie - eine schier unmögliche Aufgabe ...

Kunst an sich steht im Mittelpunkt dieses zurückhaltend gezeichneten Comics. Churchland fängt den Alltag in Farbtönen zwischen Sepia und viragierten Stummfilmen ein. Dadurch gelingt es ihr, dem schöpferischen Prozeß an sich nacherlebbar zu machen.
Hinzu kommt ein feministischer Kick, denn eine junge Frau, die ihr künstlerisches Handwerk im Staub einer Schlagbohrmaschine praktiziert, ist immer noch ein Hingucker.

Geändert von Servalan (01.05.2017 um 16:03 Uhr)
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Alt 05.05.2017, 18:09   #31  
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Benoît Peeters (Szenario) / François Schuiten (Zeichnungen): Les Cités obscures tome 3: La Tour (erstmals in der Zeitschrift (À SUIVRE) n° 96-102 (1983), erste Albenveröffentlichung Casterman Collection Les Romans (À suivre) 1987), deutsche Ausgaben: Der Turm - Die wahre Geschichte des Mannes, der ihn bereiste (Ehapa 1991 und 2000, Schreiber & Leser 2014)

Vor wenigen Tagen wurde François Schuiten als einer der besten Zeichner für die Will Eisner Awards 2017 nominiert. Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre erwarb sich der Sprößling einer weitläufigen Familie von Architekten ersten Ruhm in seinen Comics, die damals das klassische frankobelgische Format von 48 bzw. 56 vierfarbigen Seiten (kurz: 48cc) durchbrachen.
Er ist einer der Pioniere* längerer abgeschlossener Formen, häufig in schwarzweiß, für die sich heute der Begriff Graphic Novel eingebürgert hat. Die ersten Comicromane in der Zeitschrift entstanden, weil sich die klassischen Comicmagazine (wie Tintin, Spirou, Pilote) immer schlechter verkauften. Inhaltlich und künstlerisch anspruchsvolle Comics jenseits der klassischen Serien sollten ein älteres, erwachseneres Publikum bei der Stange halten und neue Schichten erschließen.

Schuiten kommt von der Graphik, der Bildenden Kunst. Deswegen überläßt er das Texten der Szenarios lieber Leuten, die es besser können: Nach seinem Bruder Luc Schuiten und Claude Renard, seinem Lehrer an der Kunsthichschule École supérieure des arts Saint-Luc, arbeitet er am liebsten mit Benoît Peeters zusammen.
Der Hergé-Fan zählt zu den renommiersten Comicexperten, nebenbei schreibt er Belletristik und fotografiert. Auch François Schuiten verfügt mit Illustrationsaufträgen und Konzepten für Filmbauten oder visuelle Filmkonzepte über ein einträgliches Spielbein.

Gemeinsam haben Schuiten und Peeters mit ihrer Crossmedia-Serie Les Cités obscures | Die geheimnisvollen Städte Comicgeschichte geschrieben und sich in der belgischen Kunstwelt etabliert. Dieses Projekt verfolgen sie seit 1983. Es begann 1983 mit Les Murailles de Samaris | Die Mauern von Samaris, einem Album über eine Welt, die sich als Trompe-l'œil aus verschiebbaren Kulissen entpuppt.
Mittlerweile besteht die Serie nicht nur aus einem Dutzend Comics (im engeren Sinne), das Universum der fiktiven Städtewelt hat sich in Atlanten, Nachschlagewerke, Filme und Musik-CDs ausgeweitet. Die Serie erscheint im Original bei Casterman, die Sonderbände usw. aber bei Schlirf-Book, Arboris, Les Impressions Nouvelles, Rêves de bulles und die CDs bei Hamonia Mundi.
Obwohl es sich um eine Serie handelt, sind die einzelnen Alben ohne weiteres Vorwissen verständlich, so daß die Reihenfolge keine Rolle spielt. Viele Zusammenhänge zwischen den Einzelwerken erschließen sich erst auf den zweiten Blick.

Der Turm stellt gewissermaßen die Quintessenz der Serie dar, in der Architektur und Malerei die grundlegenden Motive liefern. Der Band wird regelmäßig neu aufgelegt und ist mittlerweile in etliche Sprachen übersetzt worden. Das liegt an der immensen Verdichtung kunsthistorischer Motive.

Wir befinden uns im Jahr 400 (Jahr des Turmes). Giovanni Battista arbeitet seit Lebzeiten in einem riesigen Turm, der nie fertig wird. Jetzt macht er sich auf den Weg nach oben, um zu sehen, wie hoch der Turm schon geworden ist ...

Schuiten/Peeters erwecken hier die biblische Geschichte um den Turmbau zu Babel (Genesis Buch 11 bzw. Gen/Bereschit 6,9–11,32 der Torah) zum Leben, dabei ist der Comic mit Verweisen gespickt:
  • Pieter Brueghel der Ältere (1525/1530-1569): "Großer Turmbau zu Babel" (1563), befindet sich im Kunsthistorischen Museum, Wien
  • Giovanni Battista Piranesi (1720-1778): Carceri (1750)
  • Eugène Delacroix (1798-1863): "La Grèce sur les ruines de Missolonghi" (1826)
  • Horace Vernet 1789-1863): "La prise de Constantine – Prise de la ville" (1837) und "La prise de Constantine – L'ennemi repoussé des hauteurs de Coudiat-At" (1837)
  • Erastus Salisbury Field (1805-1900): "Historical Monument of the American Republic" (1867-1888)
* Diese Formen gab es schon vorher, aber seit dem Zweiten Weltkrieg wurden Comics fast ausschließlich für ein Publikum von Kindern und jungen Erwachsenen produziert. Dadurch bildete sich ein hartnäckiges Vorurteil, dem ein schlechter Ruf anhaftet. Comichistorische Forschungen können das Gegenteil beweisen, aber nicht alles dringt bis zum Feuilleton durch. Geschweige denn, bis zum allgemeinen Publikum.

Geändert von Servalan (09.05.2017 um 13:02 Uhr)
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Alt 08.05.2017, 13:52   #32  
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Zu den Vorläufern der heutigen Graphic Novels zählen die Bilderromane des Belgiers Frans Masereel (1889-1972). Seine graphischen Erzählungen sind wortlose, umfangreiche Zyklen aus Holzschnitten. Masereel schnitzte am liebsten das Holz des Kirschbaums.
Der Pazifist und Humanist flüchtete bei Ausbruch des (Ersten) Weltkriegs aus seinem französischen Urlaubsort in die neutrale Schweiz. Durch seine Mitarbeit an Zeitschriften gegen den Krieg wurde die europische Kunst- und Literaturszene auf ihn aufmerksam. Unter seinen Fans finden sich Prominente wie Stefan Zweig, Thomas Mann und Max Brod.

Zunächst verlegte Masereel seine Bilderzyklen im Selbstverlag als Künstlerbücher, obwohl er gern ein größeres, allgemeineres Publikum erreichen wollte. Der Verleger Kurt Wolff im Berlin der Weimarer Republik ermöglichte Masereel günstige Volksausgaben, die sich auch einfache Arbeiter und Angestellte leisten konnten.
Sein Werk verbreitete sich bis nach China und beeinflußte die dort damals übliche Form der Bilderzählung (lianhuahua). Sein Werk wurde über Jahrzehnte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nachgedruckt und beeinflußt noch heute bekannte Comicautoren wie Peter Kuper, Eric Drooker und nicht zuletzt Jason Lutes, der ihm mit seiner Berlin-Triloge gewissermaßen ein Denkmal gesetzt hat.

Masereel arbeitet mit deutlichen autobiographischen Zügen.
In diesem Thread möchte ich jedoch das besondere Augenmerk auf zwei Bilderromane lenken, die sich explizit mit künstlerischen Schöpfungsprozessen auseinandersetzen. Die beiden Werke sind Vorläufer von Marian Churchlands Beast (siehe oben: #30):
  • Idée, sa naisance, sa vie, sa mort (Editions Ollendorff 1920), deutsche Ausgabe: Idee. Ihre Geburt / Ihr Leben / Ihr Tod. Dreiiundachtzig Holzschnitte (Kurt Wolff Verlag 1924, nachgedruckt zum Beispiel in der Werkausgabe Zweitausendeins 1978 - in der ersten Kassette als "Gesammelte Werke / 4")
    Das Drama beginnt mit der Angst des Künstlers vor dem leeren Blatt, bis ihm die (weibliche und nackte) Idee aus seiner Stirn entspricht - Ähnlichkeiten mit Pallas Athenes als Kopfgeburt des Zeus sind beabsichtigt. Sobald die Idee jedoch ihr Publikum erreicht, wird sie öffentlich. Der Künstler staunt und erschrickt, wie und wo seine edle, schöne und wahre Idee verwurstet wird.
  • L'oeuvre; soixante bois gravés (Pierre Vorms 1928), deutsche Ausgabe: Das Werk. Sechzig Holzschnitte (Kurt Wolff 1928, nachgedruckt zum Beispiel in der Werkausgabe Zweitausendeins 1978 - in der ersten Kassette als "Gesammelte Werke / 5")
    Im Gegensatz dazu ist das Werk männlich, schwer und gewichtig. Ein winziger Künstler schlägt sein Werk aus einem gigantischen Steinblock. In einer Nacht erwacht der steinerne Titan zum Leben und flüchtet zunächst vor den Menschen. Mal erscheint er wie Superman als Retter in der Not, mal ähnelt er einem rasenden King Kong.

Weiterführende Details finden sich bei der Frans-Masereel-Stiftung in Saarbrücken.

Geändert von Servalan (12.05.2017 um 13:04 Uhr)
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Alt 15.05.2017, 13:00   #33  
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Apropos Schweiz und Kunstgeschichte:

Bruno Moser (Story) / Reto Glloor (Szenario) / Massimoi Milano (Zeichnungen) / Cuno Affolter (Vorwort) / Fabian Brändle (Nachwort): Vallat (Verlag bbb Edition Moderne AG 2004)

Auf 254 schwarzweißen Seiten entfaltet sich das Gesellschaftspanorama der Stadt Zürich im Kriegsjahr 1916. Den roten Faden liefert eine Spionagegeschichte, denn die neutrale Schweiz war ein bliebter Rückzugsort für Geheimdienstler jeglicher Couleur (siehe auch W. Somerset Maughams Ashenden, 1928).

Der Liebe wegen hat sich Charles Vallat, ein Kriminalbeamter aus Lausanne, nach Zürich versetzen lassen. Dort wird als Undercoveragent eingesetzt, um feindliche Agenten unter den Exilanten zu enttarnen. Er wohnt in der Spiegelgasse, einen Katzensprung vom berühmten "Cabaret Voltaire" entfernt. Natürlich treten auch historische Persönlichkeiten wie Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, auf, aber immer wieder kreist das Geschehen um die gerade entstehende Dada-Bewegung - es treten auf:
  • Hugo Ball (1886 - 1927)
  • Emmy Hennings (1885 - 1948)
  • Tristan Tzara (1896 - 1963)
  • Hans Arp (1886 - 1966)
Literaturgeschichtliche Paten sind zum einen (der für Krimis aus der Schweiz unvermeidliche Übervater) Friedrich Glauser. Der ehemalige Fremdenlegionär befand sich zeitweise in stationärer psychiatrischer Behandlung. Milano / Gloor / Moser nutzen das "Cabaret Voltaire" (und den Ersten Weltkrieg) ähnlich wie Glauser die Psychiatrie in Matto regiert (1936), einem Klassiker mit seinem Wachtmeister Studer, und den heraufziehenden Zweiten Weltkrieg im Schatten des Nationalsozialismus.
Und zum anderen Joseph Conrad, denn schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildet Zürich den Hintergrund für eine russische Gemeinde aus großbürgerlichen Kosmopoliten und Zarenkritikern. Manche vergleichen Conrads Under Western Eyes | Mit den Augen des Westens (1911) mit Dostojewski.
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