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Alt 30.12.2016, 22:30   #101  
Peter L. Opmann
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Ich gehe nicht allzu häufig zu Lesungen. Aber ich verstehe eins nicht: Warum braucht man ständig neue Texte fürs Publikum?

Das Modell, das ich im Kopf habe, ist die Lesereise. Ein/e Autor/in stellt sein/ihr neues Buch vor und liest Auszüge daraus. Ich nehme mal an, das wird bei jedem Auftritt der selbe Text sein, oder?

Redest Du von einer Form, bei der Autor/in wiederholt die selbe Location nutzt, zu einem Gutteil jedesmal dasselbe Publikum hat und daher immer wieder etwas Neues lesen muß? Wann/wo kommt das vor?

Was die langen Romane betrifft, habe ich manchmal das Gefühl, daß viele 400 Seiten und mehr schreiben, einfach weil das Publikum das erwartet. Ich gebe zu, ein Roman mit 120 Seiten - jedenfalls im Taschenbuch - ist in der Regel entweder gekürzt oder ein Schundroman. Aber schon ein 160- bis 180-Seiter kann ein anspruchsvolles Werk sein. Für mich ist die Dicke des Buchs kein Kaufkriterium.
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Alt 31.12.2016, 02:46   #102  
Servalan
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Sobald die Chose läuft und das erste Manuskript endlich als eigenes Buch erscheint, hast du recht.
Hier geht es jedoch um den mühsamen Weg dorthin, also das graue Feld zwischen ernsthafter Hobbyschreiberei und dem Vertrag mit einem (Haus-) Verlag oder einer Agentur.
Dadurch relativiert sich der Begriff neu, schließlich müssen mehrere Monate oder Jahre überbrückt werden, bis das Debüt in den Handel kommt.

Meine ersten Auftritte fanden auf regionaler Ebene statt. Wie groß das Publikum im einzelnen ist, hängt vom Einzugsgebiet des Veranstaltungsortes ab: In dichtbesiedelten Gebieten und Millionenstädten ist das Einzugsgebiet größer als in Kleinstädten oder auf dem Land.

Dadurch waren die möglichen Locations begrenzt.
Grob gesagt unterteilte sich das Publikum in zwei Gruppen: Einerseits gab es die arrivierten Spielstätten mit dem Nimbus der Hochkultur (Literaturhaus, Buchhandlungen und Hochschulen zum Beispiel Kunsthochschulen). Das Pubilkum dort hatte entsprechend hochgesteckte Erwartungen.
Die alternativen Bühnen und Spielorte im Off-Bereich besaßen teilweise ein schmuddliges Ambiente oder verfolgten explizeit eine politische Agenda. Dort waren Experimente möglich, das Publikum war jünger und erwartete eher etwas in Richtung Avantgarde, Spaß oder Satire.

Meine ersten Lesungen waren Gruppenlesungen: Entweder von Autorengruppen selbst auf die Beine gestellt, Open Mikes oder thematische Lesungen mit zwei oder drei anderen Antorinnen oder Autoren.
Den Anlaß lieferte die jeweils neueste Ausgabe einer Literaturzeitschrift oder eine Anthologie. Die erschien drei- bis viermal pro Jahr.
Wenn mehrere Leute auf der Bühne sitzen, bietet sich andererseits die Chance zu abwechslungsreicheren Lesungen an, zum Beispiel Rollenprosa mit verteilten Sprecherinnen und Sprechern. So etwas sollte mal ausprobiert werden, weil da Rollen selbst mit ungeschulten Sprecher deutlich akzentiert werden als bei einer Solo-Lesung.

Letztlich gehört auch eine gewisse Präsenz in der Szene dazu.
Falls ich nicht gelesen habe, war ich wenigstens im Publikum - soweit sich das einrichten ließ.
Bei solchen buntgemischten Lesungen gibt es am Ende zwei oder drei Slots für ein Open Mike. Die augenzwinkernde Schöpfingsgeschichte Lego® (siehe "Kurzgeschichten {Showthread]") habe ich bei solch einer Gelegenheit aus der Tasche gezogen und zum besten gegeben. Die Herausgeber der Zeitschrift haben mir die förmlich aus der Hand gerissen.
In der nächsten Ausgabe erschien sie dann schwarz auf weiß ...

Geändert von Servalan (31.12.2016 um 17:29 Uhr)
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Alt 31.12.2016, 09:52   #103  
Peter L. Opmann
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Diese Form kenne ich tatsächlich nicht. Ich lebe in einer kleineren Stadt (knapp 300 000 Einwohner), da gibt es sowas wohl nicht, beziehungsweise nur als Einzelveranstaltung: Poetry Slam oder Gruppenlesungen zu einem bestimmten Anlaß. Keine Ahnung, ob das immer dieselben Leute sind, die da hingehen. Und ich weiß auch nicht, was die Teilnehmer von ihren Auftritten erwarten. Ich glaube jedenfalls nicht, daß da bestimmte Leute häufiger oder dauernd auftreten.
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Alt 31.12.2016, 17:56   #104  
Servalan
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Doch, da muß es einen festen Kern von Lesenden geben.
Sonst funktioniert das für die Veranstalter nicht.
Häufig kommt die Stammbesetzung mit ihrer eigenen Clique, die dann später als Claqueure ihren Lokalmatador anfeuern und lautstark applaudieren. Damit ist schon mal garantiert, daß Leute im Saal sind und Passanten unter Umständen draußen auf dem Bürgersteig etwas sehen, das neugierig macht.
Die Organisatoren suchen handeringend nach verläßlichen Mitstreitern, die ein akzeptables literarisches Niveau haben oder sonstwie Publikum anziehen können.
Wer sich bei solchen Lesebühnen einen Namen gemacht hat, dem oder der bieten sich im gesamten deutschsprachigen Raum Chancen. Besonders bei den Premieren werden Stargäste aus Metropolen wie Hamburg, Berlin, Köln / Rhein-Ruhrgebiet, Stuttgart oder München eingeladen und gefeaturet.

Die breite Öffentlichkeit bekommt vom Grauen Markt der Szene- und Subkultur nur wenig mit. Übergänge zu privaten oder halbprivaten Lesungen sind da fließend. Teilweise wurden bestimmte Gruppen als Publikum sogar kategorisch abgelehnt: zum Beispiel "Kein Zutritt für Männer!" oder "Nazis müssen draußen bleiben!" So etwas schreckt ab.

Die Lokalpresse kümmert sich lieber um A-Promis und etablierte Künstler, in den Stadtmagazinen gehen die Hinweise in der Masse unter. Die Presse hält sich dezent zurück, weil hier auch Autoren lesen, die auf dem Büchertisch ihre Werke anbieten, die von Druckkostenzuschußverlagen veröffentlicht wurden. Das Feuilleton meidet DKZVs wie der Teufel das Weihwasser.

Wer nicht dazugehört, stolpert nicht gerade über diese Veranstaltungen. Sofern die Konzepte im kleinen Rahmen bleiben, muß das klassische bürgerliche Publikum nach solchen Lesungen suchen. Minipressen-Messen und 24-Stunden-Lesungen locken auch Lokalreporter hervor und finden größere Resonanz.

Das ist meine Erfahrung.

Geändert von Servalan (08.01.2017 um 03:00 Uhr)
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Alt 31.12.2016, 18:31   #105  
Peter L. Opmann
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Männer oder Nazis? Igitt!

Naja, ich müßte mir das mal genauer anschauen. Ich könnte mir vorstellen, daß das in den Großstädten anders funktioniert. Ich glaube schon, daß jemand aus Berlin mit Leseerfahrung dann auch hier zieht. Umgekehrt dürfte die Szene bei uns im eigenen Saft schmoren. Es gibt aber schon ein studentisches Publikum, das nach meiner Einschätzung auch mal auf gut Glück zu sowas hingeht. Beim Poetry Slam mag das anders sein. Aber wie gesagt: Solche Veranstaltungen sind hier eher selten, damit aber auch was Besonderes.

Jedenfalls kann ich jetzt Deine Aussagen von oben besser einordnen. Wäre aber vielleicht auch interessant, mal etwas über den sonstigen, den üblichen Lesebetrieb zu schreiben. Ich habe da sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Allerdings, daß ein/e Autor/in da nur routiniert sein/ihr Programm abspult, habe ich sehr selten erlebt - selbst wenn das Publikum nur aus zehn Leuten bestand. Eher, daß manche nicht so die Gabe zum Entertainment haben und anfangs richtig unsicher sind. Das wird aber nach meinem Eindruck einem Autor nachgesehen - er ist halt eher jemand, der normalerweise still für sich am Schreibtisch sitzt.
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Alt 31.12.2016, 19:43   #106  
Servalan
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Mitte bis Ende der 1990er Jahre war in der Literaturszene einiges um Umbruch:
- Die Poetry Slams haben sich als festes Format durchgesetzt. Mittlerweile haben sich ergänzend Science Slams mit wissenschaftlichem Nachwuchs etabliert (Stichwort Darm mit Charme).
- Sogar an meiner Universität wurden ständig belletristische Creative-Writing-Seminare angeboten.
- Parallel dazu mendelte sich aus den Ringvorlesungen Kulturmanagement als fester Punkt im Lehrplan durch. Wer eine Note haben wollte, mußte sich an einer Gruppe beteiligen, die eine Lesung oder eine ähnliche öffentliche Veranstaltung organisiert.
- Zusammen mit dem Literaturhaus Kiel stellte die Christian-Albrechts-Universität die Liliencron-Dozentur auf die Beine.

Bundesweit ergeben sich bestimmt deutliche Unterschiede.
Vieles hängt von persönlichen Netzwerken und einer Menge Goodwill ab. Bei prominenten Akademikern wie Heinrich Deterig (Bob-Dylan-Fan, Ingeborg-Bachmann-Juror und in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung) sowie Stephan Opitz (damals Direktor und Geschäftsführer der Nordkolleg Rendsburg GmbH) war ein breites Medienecho garantiert. Die Presse hat förmlich an deren Lippen gehangen und denen einen roten Teppich ausgerollt.

Außerdem wuseln hier ständig irgendwelche Autorengruppen herum, die ihren festen Spielplan haben. Manchmal läuft das unter dem Radar der allgemeinen Presse, aver irgendwas ist immer, obwohl ich einwohnermäßig in einer relativ kleinen Stadt wohne.
Der Status als Landeshaupstadt mit etlichen kulturellen Institutionen und mehrere Hochschulen (Universität, Kunsthochschule und Fachhochschule) sorgen dafür, daß ständig Talente nachwachsen.

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Alt 31.12.2016, 21:01   #107  
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Mein Kontakt zur Uni hier ist leider nicht ausgeprägt. Ich weiß nicht, was sich da so alles tut. Selbst studiert habe ich um 1990; da habe ich mich interessehalber in Comic-Seminare der Germanisten mit reingesetzt, aber von literarischen Aktivitäten kaum etwas mitbekommen (wäre für mich auch zu weit gegangen - hab' ja was ganz anderes studiert).

Ich glaube beinahe, daß im Süden die klassischen Autorenlesungen dominieren. Sehr gut kann ich mich an eine Lesung von Klaus Wagenbach über Kafka erinnern. Hinterher bin ich mit einer Ausgabe von Philip K. Dicks "Zeitlose Zeit" zu ihm hingegangen, weil im Klappentext stand: "Dick ist der Kafka der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts." Er konnte mit Dick rein gar nichts anfangen. Wir haben uns dann darauf geeinigt, daß der Klappentext Quatsch ist, weil Kafka selbst erst nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt wurde. Gut fand ich jedenfalls, daß er so zugänglich war und sich sogar auf etwas eingelassen hat, was ihm völlig fremd war.
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Alt 01.01.2017, 15:54   #108  
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In den Nuller Jahren haben sich die "Neuen Medien" bemerkbar gemacht.
Während es im Hintergrund wegen Pirate Bay und gnutella heftig rummelte und grummelte, zeichnete sich der Erfolg von youtube schon ab. Zu der Zeit arbeitete ich in einem alternativen Kulturzentrum, und dort wurde überlegt, online Videos bei Lesungen live einzuspielen.
Einer der Vorführer im Kommunalen Kino (das waren immer studentische Hilfskräfte) ergänzte sein Honorar als freiberuflicher VJ (VideoJockey). In dieser Eigenschaft bebilderte er im Literaturhaus Lesungen von Newcomern, die aber zumindest eine eigene Publikation als Eintrittskarte vorweisen mußten. (Beiträge in Anthologien oder Literaturzeitschriften reichten nicht aus.)

Lesungen sind ein ziemlich flexibles Format. Übergänge zum Kabarett, zum Solo-Theaterstück oder zum Hörspiel sind reichlich vorhanden.
Durch die technischen Möglichkeiten kann immer mehr in Eigenregie gebastelt, gefrickelt und geremixt werden. Wozu früher große Ton- oder Montagestudios nötig waren (wie bei Heino Jägers Radio Zitrone), das läßt sich heute mit Apps auf dem Smartphone nach eigenem Gusto komponieren.
Das größte Hindernis bildet in der Hinsicht die rechtliche Unsicherheit und die Einschüchterungsversuche von Abmahnanwälten, Verwertungsgesellschaften und Medienkonzernen. Was die untereinander aushandeln, bringt den einzelnen Kreativen kaum Vorteile, aber häufig unangemessen hohe Kosten und eine Menge Verwaltungsaufwand.

Ich bin mir sicher, daß sich in den nächsten Jahrzehnten da etwas entwickeln wird. Die klassische Lesung wird nicht so leicht untergehen, vielleicht wird ihr Stellenwert (weiter) abnehmen.
Durch das Equipment lassen sich Audio, Video und andere Dateien einbinden. Ich sehe das so ähnlich wie die 1890er bis 1910er Jahre der Filmgeschichte. Die Leute mußten erst lernen, daß Film mehr ist als abgefilmtes Theater. Und bis sich eine eigene Filmsprache herausgebildet hatte, dauerte es noch ein wenig länger.

Geändert von Servalan (10.01.2017 um 23:06 Uhr)
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Alt 03.01.2017, 17:55   #109  
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Zitat:
Zitat von Peter L. Opmann Beitrag anzeigen
Männer oder Nazis? Igitt!
Bei thematischen oder internen Veranstaltungen finde ich solche klaren Abgrenzungen in Ordnung, weil sonst Hemmungen das Gespräch blockieren können. Häufig wird da ja eine Voranmeldung eingefordert, und die Teilnahme ist so verbindlich, daß telefonisch abgesagt werden muß, falls was dazwischenkommt.

Sobald es um Lesungen geht, kommt die Ambivalenz dieser berechtigten Grenzsetzung zum Vorschein. Dadurch wird nämlich ein Teil des Publikums abgeschreckt, das unter anderen Umständen gekommen wäre.

Bei Lesungen will das Publikum die Freiheit haben, sich spontan entscheiden zu dürfen. Wenn die Veranstalter jedoch Verbotsschilder anbringen, steigt das Risiko, an der Kasse abgewiesen zu werden.
Die Veranstalter üben das Hausrecht aus, und wo die wann welche Grenze ziehen, ist manchmal nicht so klar. (Zum Beispiel: Du bist mit XYZ zusammen gesehen worden, und XYZ war einer Veranstaltung der Partei FGH, deshalb bist du auch ein Nazi - oder zumindest ein Sympathisant ... !)
Wer möglicherweise mehrmals solche Aussperrungen erlebt hat, wird sich sagen: "Das ist mir der finanzielle und zeitliche Aufwand nicht wert. Da finde ich bessere Alternativen."

Eine verbindliche Hausordnung, an die sich ALLE halten müssen, ist nicht nur subtiler, sondern effektiver.
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Alt 03.01.2017, 18:06   #110  
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Bei Nazis finde ich die Regelung schon in Ordnung.

Aber Nazis gehen selten zu Autorenlesungen.
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Alt 03.01.2017, 18:24   #111  
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Na ja, die Fans von Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci sehen das sicher anders. Wenn das mit der Dummheit der Nazis stimmen würde, wäre die Sache simpel. Solange die unfreiwillig komisch ihre verqueren Zeilen zu Papier bringen wie der Gröfaz, machen die sich in zahlreichen Augen lächerlich.

Gefährlich wird es, wenn Hetzer spannend erzählen können und bewundernswert geschickt mit der Sprache umgehen.
Die Dystopie The Turner Diaries des Physikdozenten William Luther Pierce III. (erschienen unter dem Pseudonym Andrew Macdonald) halte ich für weitaus gefährlicher als das Gewölle aus der Festungshaft.
Zum Glück ist der Science-Fiction-Reißer seit 2006 indiziert , andernfalls wäre das ein ärgerlicher Bestseller.
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Alt 03.01.2017, 18:47   #112  
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Wahrscheinlich hätte ich sagen sollen: "...gehen selten zu Autorenlesungen, zu denen ich gehe."
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Alt 07.01.2017, 21:00   #113  
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Standard Mythen & Legenden II: Du bist, was du liest - oder doch nicht?

Bitte nicht wundern, wenn der indizierte Titel in #111 irgendwann plötzlich verschwindet. Mit dem Indizierung verhält sich nämlich wie mit dem Index Librorum Prohibitorum der römischen Inquisition, der selbst auf dem Index stand.

Dieses absolute Sprechverbot geht von der Annahme aus, dass jede Erwähnung für das betreffende Werk Werbung macht. Diese Vorsicht hat gute Gründe, denn die verbotenen Früchte schmecken am süßesten. Und ja, es gibt Bibliophile und Bibliomane, die verbotene Werke sammeln.
Wichtig ist dabei jedoch, wer welches Werk wann indiziert hat. Manchmal kann das ein Qualitätsmerkmal sein.
Wer 1933 bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen auf dem Scheiterhaufen gelandet ist, kann heute wieder wiederentdeckt werden und ist weltanschaulich rehabilitiert. Ich verweise beispielsweise auf das Projekt „Bibliothek verbrannter Bücher“ beim Olms Verlag.

Bis vor wenigen Jahrzehnten mag das eher gegolten haben als heute. Denn schon damals konnte jemand Bücher geschenkt bekommen, irgendwo gefunden haben oder mal aus Neugier in etwas hineinschnuppern.
Seit durch den Siegeszug von ZVAB, booklooker und abebooks der Markt antiquarischer Bücher durcheinander gewirbelt wurde, sind sogar seltenere Bücher fast wertlos geworden. Statt die Bücher beim Umzug für teures Geld mitzunehmen, wandern sie in Grabbelkisten auf dem Bürgersteig: "Zu verschenken!"

Ein Teil des Publikums sucht sich seine Lektüre, um sich die eigene Sicht der Dinge bestätigen zu lassen. Das müssen keine Pamphlete, Essays und Sachbücher sein, zahlreiche Bestseller in der Belletristik bieten genug Soap Opera fürs Herz.

Gerade weil der Buchhandel die Bestseller offensiv bis agggressiv bewirbt, schaue ich mir den einen oder anderen Band genauer an. Außerdem stromere ich durch quer das ausliegende Sortiment, überfliege hier und da mal den Klappentext oder einige Zeilen. Bis ich mir spontan ein Buch kaufe, muß einiges passieren.
Und wenn ich ein Buch gelesen habe ich, bin ich nicht sofort mit dessen Ideen infiziert und missioniere andere Leute ...

In seinem Blog Le dernier blog - Hyperbate hat Jean-Noël Lafargue (einige seiner Artikel erscheinen auf deutsch in Le Monde diplomatique) am 4. Dezember 2016 einen interessanten Eintrag dazu verfaßt (leider nur auf Französisch!).
Den Anlaß lieferte ihm die Verurteilung eines 22jährigen Marokkaners. Weil der eine indizierte Webseite zu oft besucht hatte, verurteilte in die Justiz als Terrorist und schob ihn ab.

Lafargue bringt nun seine Erfahrung ins Spiel und zeigt, wie fragwürdig diese Art ist, über jemanden den Stab zu brechen oder nicht. Er gesteht, dass er ziemlich leichtfertig seine Schlüsse zieht.
Wer in der Buchhandlung in seinen wissenschaftlichen Büchern oder anderen Werken schmökert, den schätzt er sehr. Wenn diejenige oder derjenige jedoch in eine Illustrierte, leichte Lektüre mit einem kitschigen Herz-Schmerz-Cover oder eine Promi-Biographie vertieft ist, schaut er eher auf die Leute herab.
Warum gesteht Lafargue anderen die Freiheit nicht zu, die er für sich selbst in Anspruch nimmt?
So ein zufälliger Blick liefert kaum überzeugende Fakten.
Und Vorurteile gegenüber Medien haben eine lange Tradition: Die Oberschicht beargwöhnte die Romansucht ihrer Dienstboten und Zofen. Was die unteren Schichten lasen, galt sowieso als jugendverderbend, denn die wurden als bessere Analphabeten angesehen. Wie naive Kinder mußten sie von der Oberschicht vor gefährlicher Lektüre wie Tarzan oder Outcaults Yellow Kid geschützt werden ...

Geändert von Servalan (22.01.2017 um 12:40 Uhr)
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Alt 07.01.2017, 21:58   #114  
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Karl Kraus schrieb: "Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten." Das ließe sich auf Bücher allgemein ausdehnen.
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Alt 08.01.2017, 02:51   #115  
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Apropos Zensoren: Wer sich näher mit der Materie beschäftigt, gerät ziemlich schnell in trübe Gewässer. Denn mehr als einmal haben die lieben Kollegen (von Kolleginnen finde ich keine Belege) als Zensoren gewirkt.

Zur Illustration begnüge ich mich mit drei Beispielen:

Josef Friedrich Freiherr von Retzer (1754-1824) war ein hoher Staatsbeamter im habsburgischen Österreich und ein heute kaum noch bekannter Schriftsteller. Im Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 heißt es über ihn:
Zitat:
Retzer Josef Friedrich Frh. von, Schriftsteller und Beamter. * Krems (NÖ), 25. 6. 1754; † Wien, 15. 10. 1824. Sohn des Salz-Oberamtskontrollors Wenzel A. Frh. v. R.; besuchte 1762–74 die Theresian. Ritterakad. in Wien und war dort u. a. Schüler von Denis sowie des späteren Wr. Fürsterzbischofs S. A. Gf. v. Hohenwart (s. d.), dem er bis ins späte Leben verbunden blieb. Trat 1774 in den Staatsdienst, zuerst als unbezahlter Praktikant bei der Ministerialbanko-Hofdeputation, wurde 1782 Hofkonzipist, 1783 Zensor, ab 1787 Hofsekretär. Ab 1801 durfte er keine hist.-polit. Bücher mehr zensieren, 1819 wurde er von der Zensur suspendiert. 1782 in die Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ aufgenommen und bald darauf zum Meister erhoben, gehörte R. zum engsten Kreis I. v. Borns, in dessen Haus er mit Sonnenfels, Blumauer, Ratschky, Alxinger, Poschinger u. a. ständiger Gast war. Er verkehrte auch in den Wr. literar. Salons. R. beherrschte zahlreiche Fremdsprachen und machte sich bes. als Übers. aus dem Engl. einen Namen. Obwohl er selbst als Schriftsteller und Wissenschafter keine allzu große Bedeutung erlangte, stand er mit vielen Gelehrten und Dichtern in aller Welt in Verbindung, die ihm tw. ihre Werke widmeten. Er war bis zuletzt den Idealen der Aufklärung treu und bemühte sich auch stets, als Zensor in diesem Sinne zu wirken. Er war Mitarbeiter am „Wienerischen Musenalmanach“, am „Journal für Freymaurer“ und am „Oesterreichischen Taschenkalender“.
Der Verfasser des Oblomow, Iwan Alexandrowitsch Gontscharow | Иван Aлeксандрович Гончаров (1812-1891) war ebenfalls über ein Jahrzehnt als Zensor für den Zaren tätig:
Zitat:
Russischer Schriftsteller; der Sohn eines reichen Getreidehändlers war nach Ende seiner Ausbildung (1834) an der Universität Moskau 30 Jahre lang Staatsbeamter in Sankt Petersburg; ab 1856 arbeitete er als Zensor der Pressebehörde bis er sich schließlich 1867 aus diesem Amt zurückzog. Gontscharow war einer der Schöpfer und Hauptvertreter des russischen realistischen Romans. In Oblomow (1859) schilderte er einen reichen, begabten, aber energielosen Menschen, der im Nichtstun (O blomowschtschina), der Langeweile versinkt.
Sogar Nobelpreisträger finden sich darunter, siehe Nagib Mahfus (1911-2006).
Horst Blume geht in seinem Beitrag explizit auf seine doppelte Rolle ein:
Zitat:
Der Schriftsteller als Zensor

Machfus vermied in seinen Romanen und Kurzgeschichten plakative politische Statements. Stattdessen arbeitete er mit subtilen Umschreibungen. Das musste er auch schon allein deswegen tun, weil er seit 1934 erst in der Universitätsverwaltung, später in dem Ministerium für "fromme Stiftungen" arbeitete und den Herrschenden nicht allzu unangenehm auffallen durfte. Die "Schreiber", Angestellten und Beamten, mit denen er zu tun hatte, fanden sich später in seinen Romanfiguren wieder. 1959, inzwischen mit mehreren ägyptischen Staatspreisen für sein schriftstellerisches Werk geehrt, wurde er innerhalb des Kulturministeriums zum Vorsitzenden der - Kunstzensur! Hierzu gehörten auch Filme, Lieder, Theater, Fernsehen ...

In einem Interview erläuterte er diesen problematischen Sachverhalt wie folgt: "Dr. Tharwat Ukasha war Minister für Kultur geworden, und er war ein Mann, der die Künste liebte. Er wollte für den Zensurposten jemanden, der ebenfalls ein Liebhaber der Künste ist. (...) Ich verbot nichts, wenn es nicht aufgrund der Umstände völlig unmöglich war, es nicht zu verbieten. (...) Ich war immer auf Seiten der Kunst. Deshalb meinten auch einige Minister, daß ich von diesem Posten wieder entfernt werden sollte." (4) Nach neun Monaten musste Machfus diese Position wieder verlassen.
Einzelfälle sind das nicht mehr, aber für pauschale Urteile reicht das noch weniger.
Diese Zwischenbilanz mahnt (mich jedenfalls) zur Vorsicht.
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Alt 08.01.2017, 20:36   #116  
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Zitat:
Zitat von Peter L. Opmann Beitrag anzeigen
Karl Kraus schrieb: "Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten." Das ließe sich auf Bücher allgemein ausdehnen.
Nun ja, auf den ersten Blick wirkt der Vorsatz, den Kollegen helfen zu wollen und vor Schlimmerem zu bewahren, wie eine fadenscheinige Ausrede - ein Persilschein, um den angekratzten Ruf zu retten. Historisch gibt es jedoch prominente Fälle, in denen der wohlmeinende Schutz ernst gemeint war.

Insofern schlägt die Zensur kuriose Kapriolen.

Zensoren von Romanen und anderen belletristischen Werken waren Teil der Branche und des Betriebs. Freiherr von Retzels (siehe #115) Vorbild könnte sein französischer Kollege Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (1721-1794) gewesen sein, der quasi als Whistleblower im richtigen Moment der Aufklärung unschätzbare Dienste erwiesen hat.
Wie wichtig sein doppeltes Spiel bei der Rettung der Aufklärung war, läßt sich heute noch an den Wikipedia-Einträgen einlesen. Der deutsche Artikel referiert das Geschehen eher nüchtern:
Zitat:
Nach kurzer Zeit als Anwalt wurde er aufgrund seiner Leistungen im Jahre 1750 zum Präsidenten des cour des aides des Pariser Parlaments ernannt, nachdem sein Vater, Guillaume de Lamoignon de Blancmesnil, zum Kanzler, chancelier de France befördert worden war. Die Aufgaben eines Kanzlers war die Kontrolle der Presse, und diese Pflicht wurde Malesherbes von seinem Vater während seiner achtzehn Amtsjahre anvertraut und brachte ihn viel mehr als seine richterlichen Aufgaben in Kontakt mit der Öffentlichkeit. (...)
Um seine Aufgaben effizient auszuüben, hielt er die Verbindung mit den literarischen Führern in Paris – insbesondere mit Denis Diderot, Friedrich Melchior Grimm – man geht sogar so weit zu sagen, dass die Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers ohne Malesherbes' Hilfe wahrscheinlich nie veröffentlicht worden wäre, da Malesherbes als Oberzensor, Censure royale 1751 der Encyclopédie das königliche Privileg verliehen hatte. Diesen Vorzug hätte Malesherbes durchaus nicht gewähren müssen, da er das Werk auch stillschweigend hätte passieren lassen können.
Die französische Wikipédia hebt Malesherbes' Einsatz prominent im ersten Absatz des Fließtextes hervor und bringt sogar die Anekdote in wörtlicher Rede:
Zitat:
Il est successivement conseiller en 1744, premier président de la cour des aides de Paris et directeur de la Librairie en 1750, c’est-à-dire responsable de la censure royale sur les imprimés, poste dont il se sert pour soutenir l'Encyclopédie. Ainsi, lorsque le privilège des éditeurs de l'Encyclopédie est révoqué et que le parlement ordonne la saisie des papiers de Diderot, Lamoignon de Malesherbes le fait avertir secrètement. Diderot, consterné, courut chez lui. « Que devenir ? s’écriait-il ; comment, en vingt-quatre heures, déménager tous mes manuscrits ? Je n’ai pas le temps d’en faire le triage. Et surtout où trouver des gens qui veuillent s’en charger et qui le puissent avec sûreté ? — Envoyez-les tous chez moi, répondit M. de Malesherbes, on ne viendra pas les y chercher1. ».
Der Zensor warnt Diderot vor einer Razzia, die in 24 Stunden all seine Manuskripte beschlagnahmen will. Diderot verzweifelt, weil er nicht weiß, wo er das ganze Papier auf die Schnelle verstecken soll. Malesherbes schlägt ihm vor, die gesuchten Manuskripte bei ihm zu verbergen. Da suche niemand.
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Alt 08.01.2017, 20:45   #117  
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Also mir war das neu, daß Literaten sich als Zensoren verdingt haben. (Wobei Nagib Machfus ja durchaus eine lobenswerte Rolle spielt.) Ich dachte bisher, Zensurbehörden haben sicher keinen Draht zur Kunst.

Karl Kraus meinte, ein Autor, der Zensurregeln so offensichtlich überschreitet, daß die Zensoren aufmerken, hat es verdient, verboten zu werden. Subversive Botschaften sollten demnach so kaschiert werden, daß sie nur gebildete und kunstsinnige Rezipienten empfangen können. Ein sicherlich elitärer Standpunkt. Mir gefällt aber der Blick auf den Zensor: Den hindert seine Dummheit daran, ein Werk, das er gerade untersucht, als das zu erkennen, was es eigentlich ist.

Daraus kann man auch die Frage ableiten: Wollen wir in einer Welt leben, in der in der Kunst alles erlaubt ist, oder wollen wir lieber eine, in der es Verbote (und Tabus) gibt und die Künstler Esprit darauf verwenden müssen, diese Verbote zu umgehen oder ihr Werk untadelig erscheinen zu lassen?
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Alt 09.01.2017, 18:06   #118  
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Zensur ist ein böses Wort.
Zwischen Theorie und Praxis besteht allerdings ein gewisser Unterschied. Und wenn jemand bei Agenturen und Verlagen monatelang vergeblich Klinken geputzt und höflich vorgesprochen hat, bloß um mit einem Formbrief abgespeist zu werden, kann die Geduld flöten gehen. In Rage ist dann rasch mal von der "Zensur des Marktes" die Rede, die den ersehnten Erfolg verhindert.

Machen wir uns nichts vor, irgendeine Auswahl findet immer statt.
Es gibt sicher mehr Manuskripte als veröffentlichte Werke (diese Quote betrifft sowohl einzelne Autorinnen und Autoren als auch den Markt).
Nur ein Teil der erschienen Werke gelangt ins Sortiment des Handels und ist zumindest einige Wochen bis drei Monate präsent. Wenn das Buch nicht erst bestellt werden muß, fällt erstens eine Hürde weg und zweitens können sich Leute spontan zum Kauf entscheiden.
Nicht jedes Buch erreicht das vorgestellte Publikum.
Bestseller und Dauerseller sind vergleichsweise selten.

Im letzten Jahr erschien die deutsche Ausgabe einer Studie von Robert Darnton (den ich sehr schätze): Die Zensoren. Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zur DDR (Siedler 2016). Der mittlerweile pensionierte Bibliothekar der Elite-Universität Harvard geht seine Forschung eher nüchtern an, wofür er unter Umständen zurückhaltende Rezensionen erntet.
Michael Opitz zieht für den Deutschlandfunk (29.02.2016) eine verhaltene Bilanz:
Zitat:
Nicht ganz deutlich wird, weshalb Darnton gerade den Zensoren eine so bedeutende Rolle im Zensur-Diskurs einräumt, erledigten sie doch ihre Aufgaben in einem bestimmten Machtgefüge. Daher wäre eher nach den Machtmechanismen und den Absichten der Zensur zu fragen gewesen. Die Zensoren waren Teil eines Räderwerks. Ihre Spielräume, kritische Literatur durchsetzen zu wollen, waren gering. Ihre Absicht war es selten.
Florian Felix Weyh (DLF 15.05.2016) referiert ausführlicher und geht auf den fließenden Übergang vom Zensor zum Literaturkritiker ein:
Zitat:
Denn um Zensoren handelt es sich in diesem Fall, nicht um Kritiker, auch wenn sich diese fast so benehmen, als gehörten sie dem heutigen Literaturzirkus mit seiner Dichter- und Richterrollenverteilung an. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts – vor der Revolution, doch schon im gärenden Zeitalter der Enzyklopädien – gab es Literaturkritik in unserem Sinne fast gar nicht. Wohl aber königliche Zensoren. Sie beurteilten Bücher so, wie es heute Rezensenten tun ... oder noch mehr die dem Autor zur Seite gestellten Lektoren.
(...)
Das Verbieten, Verstümmeln, Verändern, Nichterlauben, stillschweigende Ignorieren oder in kleinem Maßstab Tolerieren missliebiger Schriften lässt sich nicht sauber unter einem Zensurbegriff definieren, weil die Grenzen dessen verschwimmen, was eine Gesellschaft für nicht darstellbar hält. Jugendschutz und Gewaltprävention etwa sind durchaus akzeptable Einwände, mussten in der Geschichte aber oft als hohler Vorwand herhalten, ganz ähnlich wie Pornographie und Gotteslästerung.
(...)
Da wären wir wieder beim eingeborenen Zusammenhang zwischen Literaturüberwachung und Literaturkritik: Jene ist ohne diese offenbar kaum zu haben. Ein Zensor ohne literarisches Verständnis wäre seiner Aufgabe gar nicht gewachsen. Ja, er benötigt vermutlich sogar Sensibilität, Empfänglichkeit und Liebe zur Literatur, um deren Abgründe erkennen und denunzieren zu können.
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Alt 09.01.2017, 19:38   #119  
Peter L. Opmann
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Zensur auf die Ablehnung eines Werks durch irgendwen im Literaturbetrieb auszudehnen, halte ich aber für ziemlich gewagt. Heute kann ja wirklich jeder alles publizieren per www. Dann kann man nur noch lamentieren, daß man nicht beim xy-Verlag erscheint, aber dafür kenne ich keinen gültigen Anspruch.

Ich würde das Pferd andersherum aufzäumen: Der Autor kennt im Idealfall den Stellenwert seines Werks. Wenn niemand anders dessen Genialität erkennt, ist das nicht seine Schuld. Die Genialität ergibt sich jedoch nicht erst daraus, daß das Werk bei einem renommierten Verlag herausgekommen ist und Bestseller-Auflagen erzielt (ist bei wichtigen Texten ohnehin nicht die Regel).
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Alt 09.01.2017, 20:58   #120  
Servalan
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Die meisten Schreibenden sind wohl Paperlovers. So schön und gut eine leichte Veröffentlichung im Internet ist, in der Regel sind Autoren erst zufrieden, wenn sie ein gedrucktes Belegexemplar in ihren Händen halten.

Das Netz ist in der Hinsicht zu flüchtig, denn besonders Blogs können rasch unübersichtlich werden.
Außerdem besteht die Gefahr, online ins Abseits zu geraten. Irgendwelche Trolle können in ihren Kommentaren gemein werden. Und wenn das digitale Werk von niemandem entdeckt wird, sondern bloß vor sich hin dümpelt, bringt das miese Laune und verdirbt die Lust, das Werk fortzusetzen.
Einer der Haken ist ja: Literarische Autoren sind nicht automatisch Marketinggenies.

Daraus folgt, dass die meisten Autoren diese Dienstleistung einkaufen müssen - und das kann ins Geld gehen. Nicht jeder besitzt das nötige Kleingeld.
Wie sagt Clay Davis treffend: "Man braucht Geld, um Geld zu machen - sonst wäre jeder Bettler ein König!" (The Wire)
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Alt 09.01.2017, 21:36   #121  
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Na schön. Trotzdem sehe ich einen Absagebrief von Ernst Rowohlt nicht zwingend als Zensur an.

Die Entscheidung eines Verlegers dürfte eine komplizierte Gemengelage von Beurteilung des künstlerischen Rangs, persönlichem Geschmack, Verhältnis zwischen Autor und Verleger, Verkäuflichkeit des Werks, verlagspolitischen Überlegungen, technischen Überlegungen (z. B.: welchen Lektor kann ich damit betrauen?), vielleicht auch Einflüssen durch Beziehungen und Geldeinsatz und anderem mehr sein.

Und Zensur bedeutet immer noch, daß ein Werk überhaupt nicht gelesen werden kann, und nicht, daß es vielleicht schlecht zugänglich ist.
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Alt 10.01.2017, 13:33   #122  
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Habe ich dich auf dem falschen Fuß erwiischt?

Wäre mein fiktiver Autor ruhig und sachlich geblieben, hätte er wohl kaum von einer "Zensur des Marktes" gesprochen. Solche flappsigen Sprüche kommen temperamentvollen Leuten über die Lippen, wenn sie an ihrer Niederlage knabbern. Wenn ich "In Rage" (wie ich in #118) geschrieben habe, bedeutet das verzweifelt und erzürnt, ohne zu wissen, wohin mit dem Zorn?

Der Umgang mit Kritik muß erst erlernt werden.
Schließlich wird in der ersten Phase alles abgestritten und verleugnet, was das eigene Ego verletzen könnte. Das wird als Übergriff empfunden.
Es gibt gute Kritik und böse Polemiken, die wie ein Tiefschlag in die Magengrube wirken sollen. Manchmal ist der Kopf so vernebelt, dass jede Reaktion als Übergriff wahrgenommen wird.

Wer das nicht schafft, verbaut sich den Weg.
Gute und positive Kritik öffnet scheinbar verbaute Wege und schafft dem Autor eine neue Perspektive. Ein verständnisvoller Lektor arbeitet wie ein Coach oder Trainer, der bringt verborgene Qualitäten zum Glänzen.
Eco hat mal ein Buch zusammengestellt, in dem er über heute berühmte Stellen der Literatur geschrieben hat, die ohne einen nervigen Lektor nie entstanden wären oder komplett anders ausgesehen hätten.

Geändert von Servalan (22.01.2017 um 12:41 Uhr)
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Alt 10.01.2017, 16:16   #123  
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Ich versuche eher, das objektiv zu betrachten. Daß ein Autor, der keinen Verlag findet, sich zensiert fühlt, mag sein. Es ist aber immer gut, andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es gab mal einen Film über Kurt Vonnegut jr., in dem er unter anderem schildert, wie er Schriftsteller wurde. Ich kann das jetzt nur sinngemäß wiedergeben:

"Es gab eine enorme Nachfrage nach Kurzgeschichten. Die wurden hervorragend bezahlt. Ein Magazin kaufte eine Geschichte von mir für ein Achtel von dem, was ich bei General Electric (er war dort in der PR-Abteilung, meine Anmerkung) im Jahr verdiente. Also schickte ich immer wieder eine Geschichte weg und wartete auf mein Honorar. Manchmal kam das nicht, stattdessen schickte mir die Redaktion meine Geschichte mit kritischen Anmerkungen zurück. Und fast immer hatte die Redaktion recht."

Es kann also unter bestimmten Bedingungen recht leicht sein, vom Schreiben zu leben (Vonnegut sagt jedenfalls nichts davon, daß er dabei Mühe hatte). Jemand, der in diesem Metier neu ist, tut aber gut daran, Ratschläge zu beherzigen, die er von Leuten bekommt, die sich darin auskennen. Allerdings muß ich zugeben, die etwas satirische Darstellung geht auch in die Richtung: Schreibe, was gut verkäuflich ist. Was Vonnegut betrifft, hat er glaube ich einen guten Weg zwischen Unverwechselbarkeit und persönlichem Ausdruck und andererseits Gefälligkeit gefunden.
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Alt 11.01.2017, 17:01   #124  
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Standard Lob des klassischen Bildungsbürgertums (R.I.P.)

Klagen über einen schwierigen Buchmarkt gibt es meines Wissens seit den 1780er Jahren. In der Hinsicht machte Goethes Bestseller Die Leiden des jungen Werthers (1774, überarbeitete Fassung 1787) Mode - im wörtlichen Sinne. Seine Mischung aus Coming-of-Age und bittersüßem Liebesdrama wird als Sturm und Drang klassifiziert, ähnliche Muster finden sich in Benjamin Leberts Crazy (Kiepenheuer & Witsch 1998) - wie beim Vorbild autobiographisch unterfüttert.

Seither klagen Verlage über unverlangt eingesandte Manuskripte, die kaum dem kritischen Blick der Praktikantin oder des Praktikanten standhalten. Auf der anderen Seite wächst mit den leichteren technischen Bedingungen die Konkurrenz, und das eigene Manuskript muß sich gegen eine dreistellige Zahl von Alternativen durchsetzen.
Durch leichtere Schreibmöglichkeiten wächst aber die Zahl der Slots im Programm nicht. Das bedeutet: Die Ansprüche steigen - bei den Verlagen, beim Publikum und nicht zuletzt bei den Schreibenden selbst.

Vielleicht kann der Nachwuchs seine eigenen Chancen auf der abstrakten Ebene realistisch einschätzen. Sobald es ernst wird und die Absage als Serienbrief hereinflattert, grummelt es unangenehm im Bauch.
Insofern halte ich es für wichtig, über den Tellerrand zu blicken.

Der Kanon des klassischen Bildungsbürgertums ist Geschichte, was ich schade finde. Denn diese Bibliothek für den Notgebrauch bedeutete so etwas wie eine gemeinsame Gesprächsgrundlage. Auf diesem neutralen Grund konnten beide Seiten einander beschnuppern, ohne verlegen übers Wetter plaudern zu müssen.
Über den Umweg der Klassiker ließ sich die eigene Filterblase aufbrechen. Schließlich wurde die Lektüre jedem empfohlen, der sich für Literatur interessiert. Und das unabhängig von der Herkunft, dem eigenen Geldbeutel und sonstigen Verhältnissen.

Soweit ich mich erinnere, wurde es sogar erwartet, Bücher jenseits der eigenen Weltanschauung zu lesen. Schließlich ließ sich der Gegner dadurch besser einschätzen, und Strategie und Taktik konnten gezielter eingesetzt werden.

Konkret bedeutete das: Sogar Konservative und Reaktionäre hatten ihren Marx und das Kommunistische Manifest gelesen. Damals habe ich des öfteren gehört, daß diese Leute aus der Oberschicht sich über Gewerkschafter oder Leute aus der Studentenbewegung lustig machten, indem sie sagten, sie hätten Das Kapital besser studiert als die Linken und die Roten.
Trotz der happigen Arbeitszeiten im 19. Jahrhundert formierte sich die Bewegung nicht zuletzt durch ein großflächiges Netz an Orten zur Fortbildung. Es gab Arbeiterbibliotheken, Tagungen und andere Angebote. Zumindest auf dem Papier konnten sie ihren Horizont erweitern und erfahren, wie es woanders zuging.
Vom Lesen zum Schreiben ist jedoch ein weiter Weg, den nur ein Teil des Publikums einschlägt.

Früher hatten Leute aus den niederen Schichten gewiß größere Skrupel, wenn sie ihr Manuskript aus der Hand geben sollten. Schreibmaschinen waren bei weitem nicht so allgegenwärtig wie heute Computer. Durch das Internet sind weitere Hemmungen flöten gegangen.
Der Wettbewerb ist härter geworden: Du mußt schon verdammt gut sein, wenn jemand Geld für dein Werk verlangen soll.
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Alt 09.03.2017, 16:30   #125  
Servalan
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Standard Warum soll das Wissen in die Geschichte? (Teil 1)

Eine Geschichte überzeugt das Publikum und halt auch einem kritischeren zweiten Blick stand.
Natürlich gibt es Tricks und Kniffe, mit denen sich eigene Schwächen kaschieren lassen. Action kann überwältigen, und beim Mitfiebern wird der eine oder andere Lapsus wegen des hohen Tempos überlesen. Solange es nur darum geht, sich in den Helden hineinzuversetzen und spannungsreich zu unterhalten (dieses Niveau verlangt schon hohe Kunstfertigkeit), bleibt eine Achillesferse.
Wie bei allzu bekannten Witzen ("Der hat einen Bart!") besteht die Gefahr, daß schon der geringste Spoiler genügt, um Erstlesern das Vergnügen zu verderben.

Je länger das Manuskript wird, desto mehr geraten Charaktere, Story und Plot in den Hintergrund. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Plot, Story und Charaktere bilden gewissermaßen das Rückgrat des Erzählens, aber sie zu meistern, reicht besonders auf der Langstrecke nicht aus.
In der Mathematik werden notwendige und hinreichende Bedingungen unterschieden. Die Oberfläche der erzählten Geschichte bildet in dieser Hinsicht nur die notwendige Bedingung. Was erzählt wird. muß unterfüttert werden, um das Publikum auch beim zweiten, dritten, vierten, x-ten Lesen fesseln zu können: die hinreichende Bedingung.

Die Sprache selbst bietet genügend Mittel, um hinter den Kulissen das eingebrachte Wissen so zu komponieren, daß eine neue Faszination entstehen kann. In den ersten Jahren des Schreibens passiert das meist unbewußt: Beim Korrigieren und Wiederlesen fällt euch eine Variante ein, die in euren Augen einfach besser aussieht, obwohl ihr den Grund nicht erkennen könnt.
Solche Erlebnisse sprechen für euer Sprachgefühl.
Nach einer gewissen Zeit habt ihr genügend Abstand zu eurem Werk entwickelt, so daß ihr es quasi mit fremden Augen betrachten könnt. Und jetzt entdeckt ihr vielleicht, warum euch der korrigierte Begriff besser gefallen hat: Er paßt besser zum Wortfeld, das ihr in eurem Werk am häufigsten benützt. Oder es spielt auf einen bekannten Mythos an. Oder der Begriff ist von einer allgemeinen Bezeichnung zu etwas Spezifischem geworden, das die bestimmte historische Epoche oder einen bestimmten Beruf auf den Punkt bringt ...
Möglichkeiten gibt es viele. Und Schreiben ist - wie schon erwähnt - ein Ausdauersport.

Auf der anderen Seite lauert die Gefahr, ein Werk auf der Suche nach dem perfekten Ausdruck zu Tode zu korrigieren. Irgendwie müßt ihr für euch den richtigen Mittelweg finden.

Dieses Wissen im Hintergrund erfüllt noch eine Funktion.
Bei Charakteren gibt es eine unerzählte Vorgeschichte, die Backstory der jeweiligen Figur. Der sprachliche Ausdruck funktioniert ähnlich. Auf diese Weise bleiben gewisse Eigenheiten erhalten, auch wenn sie für das Publikum nicht mehr offensichtlich sind.
Das Wissen bietet der Geschichte ein weiteres Gerüst: Der menschliche Körper besteht je auch nicht nur aus dem Skelett, Nerven und Blutkreislauf durchziehen unser Fleisch ein weiteres Mal.
Gut untergebrachtes Wissen funktioniert wie die Sicherheitskopie einer Datei. Es komponiert das Werk auf einer weiteren Ebene und schützt es bei Kürzungen oder überhasteten Übersetzungen, wo schon mal Patzer vorkommen.

Im nächsten Teil erläutere ich dieses Prinzip an Stieg Larssons Millenium-Trilogie.

Geändert von Servalan (19.03.2017 um 19:14 Uhr)
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