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Gerhard Förster 07.01.2016 20:53

Hansrudi Wäscher ist verstorben
 
Hallo Leute,

vor etwa zweieinhalb Stunden ist Hansrudi Wäscher verstorben.




Untenstehend ein Nachruf von Wäschers Agenten Hartmut Becker.

Natürlich gilt mein allerherzlichstes Beileid Helga Wäscher und allen anderen Hinterbliebenen.

Mehr kann ich im Moment nicht sagen, es ist schrecklich.

In tiefer Trauer
Gerhard Förster


Zitat:

HANSRUDI WÄSCHER GESTORBEN

Am 07.01.2016 verstarb in Freiburg im Alter von 87 Jahren Hansrudi Wäscher, der Pionier der deutschen Comics. In den Fünfzigerjahren hat er dem Lehning Verlag mit Sigurd, Akim, Nick der Weltraumfahrer, Falk und Tibor Millionenauflagen beschert. Und schuf damit im zerbombten Nachkriegsdeutschland eine erste Jugendkultur. Wäschers Abenteuerhelden sind bis heute unvergessen geblieben und inzwischen sogar als iPhone-App verfügbar.

Die Idee war ebenso simpel wie genial und stammte ursprünglich aus Italien: Schmale Schwarz-weiß-Heftchen mit spannenden Bildergeschichten im Streifenformat, die erschwinglich waren für ebenso schmales Taschengeld. 1952 entdeckte der Hannoveraner Verleger Walter Lehning die „Piccolos“ während eines Urlaubs in Mailand. Er importierte drei der Serien, und vor allem der Dschungelheld Akim, ein plumpes Tarzan-Plagiat, eroberte im Jahr darauf die Herzen einer lebenshungrigen Generation im Sturm. Die wuchs noch ohne Fernsehen heran und ohne Rock ’n‘ Roll und blickte in eine ungewisse Zukunft.
Auch Hansrudi Wäscher hatte die Hefte in Italien entdeckt und wollte etwas Ähnliches in Deutschland versuchen. Doch nun war ihm Lehning zuvorgekommen. Wutentbrannt stürmte er mit den eigenen Entwürfen in den Verlag. Lehning erkannte das Talent des jungen Zeichners, und da ihm noch eine Ritterserie fehlte, beauftragte er kurzerhand Wäscher damit. Der soll schon in der nächsten Woche ein Heft liefern, und so hängt im Oktober 1953 das erste Sigurd-Piccolo an den Kiosken. Auf dem Umschlag prangt der Titel „Die Falle“ und der Preis: 20 Pfennig.
Hansrudi Wäscher wurde am 5. April 1928 in der Schweiz geboren und wuchs in einem historischen Städtli bei St. Gallen auf, wo der Vater ein Friseurgeschäft betreibt. Die Mutter hilft im Laden mit, und um den Sohn zu beschäftigen, gibt ihm der Vater Papier und Buntstifte. So entdeckt Hansrudi für sich das Zeichnen. „Ich vergaß alles um mich herum und kritzelte und malte stundenlang bunte Bilder.“ Kurz nach seiner Einschulung zieht die Familie um, zuerst nach Zürich, wo sich der Vater eine Verbesserung seines Geschäfts verspricht, dann nach Lugano. Hansrudi kommt auf eine italienische Schule, ohne der Sprache mächtig zu sein.
In Lugano entdeckt er die Comic-Hefte, die aus Italien in die Schweiz gelangen – so etwas hat er zuvor noch nicht gesehen. Die „fumetti“ werden für ihn zur Zuflucht und helfen ihm dabei, Italienisch zu lernen: „Nach einem halben Jahr habe ich meinen ersten Aufsatz geschrieben und hatte überhaupt keine Probleme.“ Doch dann erkrankt er an Morbus Perthes und verbringt fast zwei Jahre im Krankenhaus, eingegipst, sechs Monate lang kann er sich nicht einmal aufrichten. Er flüchtet sich in Abenteuergeschichten, die er auf Italienisch liest, am liebsten Emilio Salgaris Sandokan-Romane. „Meine Eltern konnten gar nicht genügend Bücher anschleppen. Ich hatte keinerlei Einfluss auf die Dinge und rutschte wahrscheinlich auch deshalb in die Fantasiegeschichten hinein.“
Sein Vater ist Deutscher und wird zunehmend angefeindet, eines Nachts schmiert jemand „Fachgeschäft für Hitler, Göring und Goebbels“ auf das Schaufenster seines Salons. 1940 siedelt die Familie deshalb um nach Hannover, zur Schwester seiner Mutter. „Das war schrecklich“, erinnert sich Wäscher später. „Das Erste war, dass wir an der Grenze gefilzt wurden, total. An meinem ersten Schultag bekam ich gleich die Jacke voll, da ich nur Schwyzerdütsch sprach und man mich für einen Italiener hielt.“ Und es gibt in Deutschland keine Comics, die er doch so liebt. Der Vater, der „nie hatte eine Waffe anrühren wollen“, wird bald eingezogen und fällt 1945 beim Kampf um Berlin.
Wäscher ist gerade siebzehn geworden, als der Krieg zu Ende ist. Er hat inzwischen seine Lehre als „Gebrauchswerber“ abgeschlossen und besucht von 1947 bis 1950 die Werkkunstschule. Erste Aufträge findet er als Plakatmaler für drei Innenstadtkinos in Hannover und als Illustrator für die Wochenzeitung Heim und Welt, wo er die Redakteurin Helga Bertelmann kennenlernt, die er 1954 heiratet. Doch es gehen ihm nicht die Comics aus dem Kopf, und schließlich beginnt er mit eigenen Entwürfen. Ende 1951 ist zum ersten Mal die Micky Maus erschienen, mit einem Preis von 75 Pfennig für viele Kinder unerschwinglich, doch sonst gibt es weit und breit so gut wie nichts. Eine Serie, die Wäscher plant, fußt auf der Nibelungensage und soll Sigurd heißen. Da entdeckt er die Piccolos des Lehning Verlags an den Kiosken.
Die Zusammenarbeit mit Wäscher soll sich für Walter Lehning als Glücksgriff erweisen. Nicht nur, dass sich die Sigurd-Piccolos fast aus dem Stand heraus Woche für Woche weit über eine halbe Million Mal verkaufen, er kann den Zeichner zudem überall dort einsetzen, wo er ihn braucht. Als sich Lehning 1955 mit seinem italienischen Lizenzgeber überwirft und kein Material für weitere Akim-Hefte mehr bekommt, übernimmt Wäscher kurzerhand die Abenteuer des Dschungelhelden und zeichnet während der nächsten vier Jahre fast 200 Piccolos.
Als die Sowjets Ende 1957 den Sputnik ins All schießen, reagiert Lehning sofort und will „etwas Utopisches“ machen. „Wie üblich hielt ich mich an einem Montag im Verlag auf, um mein Wochenpensum abzuliefern“, so Wäscher später. „Herr Lehning stürzte gleich auf mich zu mit den Worten: ‚Haben Sie das von dem Sputnik gehört?‘ Wir müssen unbedingt eine Weltraumserie machen! Bringen Sie nächsten Montag das erste Heft mit!‘ … Laut überlegte ich: ‚Sputnik, Sputnik? … NICK!‘“ Und so liegt im Januar 1958 an den Kiosken das erste Piccolo-Heft von Nick der Weltraumfahrer aus. Der Titel konnte nicht besser gewählt sein: „Sputnik explodiert!“
Und so geht es Schlag auf Schlag. Als Lehning nach langwierigen juristischen Auseinandersetzungen Akim endgültig einstellen muss, schafft Wäscher von einer Woche auf die nächste mit Tibor einen eigenen Dschungelhelden. 1960 folgt mit Falk eine zweite Ritterserie, zu seinen weiteren Schöpfungen zählen Bob und Ben und Roy Stark. Zeitweise zeichnet Wäscher bis zu vier wöchentlich erscheinende Comic-Hefte gleichzeitig und zusätzlich auch noch Titelbilder für nicht von ihm stammende Reihen, die der Verlag in Lizenz aus dem Ausland übernommen hat, sowie für die ständigen Neuauflagen seiner eigenen. Sammler werden später nachzählen, dass Wäscher allein für Lehning weit über 22.000 Comic-Seiten und fast 3.500 Titelbilder geschaffen hat.
Doch in den Sechzigerjahren verändert sich der Comic-Markt, immer mehr und vor allem zeitgemäßere Titel überfluten die Kioske, und Lehning verpasst den Anschluss. 1968, gerade erscheinen der erste Asterix-Band und Robert Crumbs Fritz the Cat, muss der Verlag Konkurs anmelden. Tibor und Sigurd sind am Ende die beiden letzten Hefte. Wäscher findet die nächsten Jahre Unterschlupf beim Bastei Verlag und zeichnet anonym für dessen Heftserien Buffalo Bill und Gespenster Geschichten, für die auch andere Zeichner, vornehmlich in Spanien, arbeiten. Dann ist auch diese Ära vorbei.
Ohne dass Wäscher es selbst bemerkt hätte, ist nach dem Ende des Lehning Verlags eine rasch wachsende Sammlerszene entstanden, 1977 erscheinen erste Nachdrucke seiner populären Helden in kleiner Auflage als Liebhaberausgaben. Der Comic-Antiquar Norbert Hethke nimmt Wäscher unter seine Fittiche, und nach mehreren Lehning-Reprints entwirft Wäscher für dessen Insidermagazin Die Sprechblase 1982 das neue Fantasy-Abenteuer Fenrir. Bald darauf folgen auch weitere Episoden seiner einstigen Lehning-Recken Sigurd, Nick und Tibor. Wäschers Fans sind begeistert; die sind nun keine Teenager mehr, sondern langsam ergrauende Dreißig- und Vierzigjährige, die sich die Träume ihrer Kindheit bewahren wollen. Damit setzt ein weiteres Phänomen ein, Wäscher lebt von nun an ausschließlich von seinen Fans, die ihn vergöttern und seine Helden fortleben lassen.
1993 beginnt Wäscher, inzwischen 65 Jahre alt, für Hethke sogar eine neue Sigurd-Piccolo-Serie ganz im Stil seiner alten Lehning-Hefte. Als er die nach zehn Jahren beenden und Sigurd sterben lassen will, widerspricht sein Verleger und lässt von dem argentinischen Zeichner Daniel Müller weiterzeichnen. Mittlerweile hat die Reihe der neuen Sigurd-Piccolos die des Lehning Verlags, mit der 1953 alles begonnen hatte, an Umfang übertrumpft. 2008 erhält Wäscher auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen für seine „Pionierleistung für den deutschen Comic“ den Max-und-Moritz-Preis.
Hansrudi Wäscher war vor allem ein fulminanter, überbordender Erzähler, der sich in jedem Genre sofort zu Hause fühlte. In die Abenteuer seiner Helden zog er seine Leser förmlich hinein und ließ sie am Ende eines jeden Heftes mit geschickten Cliffhangern der Fortsetzung entgegenfiebern: „Verpasst auf keinen Fall das nächste Heft! Es heißt …“ In der Realzeit der Leser erstreckten sich seine Geschichten zuweilen über bis zu einem Jahr. Unvergessen sind auch seine dramatisch arrangierten Titelbilder, die die Höhepunkte der Hefte zu Szenen von mythischer Kraft verdichten und den Lehning Verlag in dessen Spitzenzeit zum Marktführer unter den deutschen Comic-Verlagen werden ließen.
Die Filmrechte an Sigurd, Falk und Tibor hat unlängst die Constantin Film erworben.
Hartmut Becker

jakubkurtzberg 07.01.2016 20:59

Erst Lemmy, jetzt HRW...

Armin Kranz 07.01.2016 21:10

Mir fehlen die Worte :heul::heul::heul:

KommissarX 07.01.2016 21:12

Mein aufrichtiges Beileid geht an seine Frau . Er war ein Stück meiner Kindheit .

arthur von draconis 07.01.2016 21:14

Hansrudi Wäscher war schon zu Lebzeiten eine Legende.
Ab jetzt wird sein Nachruhm weiter wachsen.


G.Nem. 07.01.2016 21:36

Alle Zeichner kommen in den Himmel!
Warum?
Weil der Himmel immer wie gemalt aussieht!


Mein herzliches Beileid.

FrankDrake 07.01.2016 21:49

Das tut mit sehr leid :heul:

Detlef Lorenz 07.01.2016 21:52

Mein Beileid an seine Frau und ich bin auch traurig und sprachlos ...

Lizard_King 07.01.2016 21:52

Ich habe mit Hans Rudi Wäscher leider überhaupt keine Berührungspunkte, erkenne aber durchaus an, was der Mann für die deutsche Comicgeschichte bedeutet. Einer der ganz grossen Comickünstler -wahrscheinlich der größte, den Deutschland jemals hatte, und wahrscheinlich auch haben wird, ist heute von uns gegangen.
Möge er in Frieden ruhen!
Mein Beileid an seine Ehefrau, seinen Freunden und seinen unzähligen Fans.

moneybin 07.01.2016 21:58

Auch ich bin den Tränen nahe. Bin ich doch ein Kind der Generation Lehning
und mit den Geschichten von Hansrudi Wäscher groß geworden.
Mein tiefes Mitgefühl gilt der Ehefrau und langjährigen Weggefährtin Helga Wäscher,
die ihren Mann in all den Jahren tatkräftig unterstützt hat und ihm zur Seite gestanden ist.

Eymen 07.01.2016 22:06

Mein herzliches Beileid.
Ohne ihn wäre sowohl die Jugend vieler in den 50er und 60er Jahren aufgewachsenen Kinder als auch die sich ab den 1970ern bildende Comicszene der BRD eine ganz andere gewesen.
Er hat durch sein künstlerisches Werk vielen Menschen Freude geschenkt.

Maxithecat 07.01.2016 22:15

Mein Beileid! :heul:

74basti 07.01.2016 22:16

Ruhe in Frieden.

norbert 07.01.2016 22:20

Mein Beileid seiner Familie

- ich liebe seine Geschichten

perry 07.01.2016 22:27

Es ist der reine Wahnsinn... . Mein aufrichtiges Beileid gilt natürlich in erster Linie seiner Frau und seiner Familie!
Vielleicht hat der Stress der letzten Monate Herrn Wäscher doch mehr zugesetzt, als man für möglich gehalten hat.

underduck 07.01.2016 22:40

Ruhe in Frieden.

http://www.sammlerforen.net/web_user...oln2010013.jpg
Ich erinnere mich noch gut an die 2010er Comicbörse in Kön.
Da sprach Hansrudi übers Internet live mit FrankDrake in China.

wiredi 07.01.2016 22:56

Mein aufrichtiges Beileid...

Traurige Grüße

Maxithecat 07.01.2016 23:06

Zitat:

Zitat von underduck (Beitrag 514359)
Ich erinnere mich noch gut an die 2010er Comicbörse in Kön.
Da sprach Hansrudi übers Internet live mit FrankDrake in China.

Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Da ist Zwergi mit dem Laptop durch die Gegend gelaufen.

Hansrudi war im ersten Moment auch ziemlich "baff", als er mit jemandem in China sprechen konnte. :glubsch:

Eiwennho 07.01.2016 23:12

Um die Jahreswende 1960 hab ich meine ersten 2 Falk Piccolos von ihm zum lesen bekommen und er hat mich 55 Jahre bis zum heutigen Tag begleitet.
Ich bin unendlich traurig und seiner Frau Helga viel Kraft für die kommenden Tage.

Durango 07.01.2016 23:16

Das ist sehr sehr traurig. Ich hatte komischerweise erst gestern noch gedacht "Wie viele Comics kann Herr Wäscher trotz hohen Alters noch schreiben bzw zeichnen?" Diese "Antwort" wollte ich nicht haben. Auch wenn ich eigentlich zur Bessygeneration gehöre, haben mich seine Geschichten zum Comicsammeln geführt. Für mich war er auf jeden Fall einer der großartigsten Erzähler, der so spannende Geschichten geschrieben hat, das man kaum bessere findet, wenn überhaupt. Zeichner gab es sicherlich bessere, aber was nützt ein genialer Zeichner, wenn die tollsten Bilder nur eine dümmliche Geschichte verpacken... Ich möchte hier nur Danke sagen für diese tollen Geschichten die ich auch heute noch mit Begeisterung lese.

Burma 07.01.2016 23:42

R.I.P. Hansrudi Wäscher

Ich habe meinen Nachruf in meinen Blog gepackt: http://www.sammlerforen.net/blog.php?b=62

bessysammler 07.01.2016 23:52

Ich kann es nicht glauben......
Mir fehlen die Worte......
Mein aufrichtiges Beileid an Frau Wäscher.

roystark 07.01.2016 23:55

Seine Bilder und Geschichten haben mich seit der frühen Kindheit begleitet. Herzliches Beileid an seine Frau.

Ulrich Wick 07.01.2016 23:55

Auch ich bin nicht mehr der LEHNING-Generation zugehörig und habe SIGURD daher erst sehr viel später entdecken können. Ich habe mich mit Hansrudi Wäscher ein paar Mal unterhalten können, noch zu Hethke-Zeiten an dessen Stand, wenn auch jeweils nur kurz. Er hat auf mich immer einen bescheidenen Eindruck gemacht, ein Mann, dem der Rummel teilweise ein wenig unheimlich erschien.

Man sicher sagen, dass die deutsche Comicszene ohne Hansrudi Wäscher nicht das wäre, was sie heute ist, auch einen HETHKE-Verlag hätte es in dieser Form ohne ihn niemals gegeben.

Die deutsche Comicszene hat ihr prägendes Gesicht verloren, und mein Beileid gilt seiner Frau Helga und der Familie. Bei all dem darf man aber auch nicht vergessen, dass ihm fast 88 Lebensjahre vergönnt waren, und die bekommt nicht jeder zugestanden. Und Hansrudi Wäscher konnte fast bis zum Schluss kreativ tätig sein - auch das ist nicht jedem vergönnt.

Bei aller Trauer sollten wir daher auch alle sehr, sehr dankbar sein.

zwergpinguin 08.01.2016 00:46

Als ich die traurige Nachricht erhielt, war ich zutiefst getroffen.:heul:
HRW danke für dein Lebenswerk!


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